Gestern standen wir am Abgrund…

… und heute sind wir schon einen Schritt weiter. Diesen Spruch kennt ihr vermutlich alle. Heute geht es mir genauso, und trotzdem bedeutet die Erkenntnis keinen Sprung über die Klippe, sondern eine Perspektive.

Vorletzte Woche machten wir uns Gedanken um Kalle und seine offensichtlich schwer angeschlagene Gesundheit. Außerdem wusste ich nicht, wie ich meinen Kopf halten sollte, bekam den rechten Arm nicht über Schulterhöhe und alles war irgendwie doof.

Einer meiner Hausärzte (klingt luxuriös, bedeutet aber nur, dass es eine Gemeinschaftspraxis ist und ich immer dort hingehe, wo ich schneller einen Termin bekomme bzw. wer halt gerade Dienst hat) fackelte dieses Mal nicht lange, sondern griff zum Handy und machte mir ratzfatz einen Termin fürs MRT, nur mit drei Tagen Wartezeit (das Wochenende plus eins). Morgens um kurz nach 7 wusste ich dann am Dienstag, dass die nächste Sehne sich auf ein „Farewell“ vorbereitet. Die Hauptsehne in der Schulter ist angerissen, nicht durch Unfall oder so, sondern höchstwahrscheinlich heimlich, still und leise im Lauf der Zeit. Schließlich krebse ich ja schon seit vier Jahren immer mal wieder mit diesem Körperteil rum. Physiotherapie soll jetzt helfen, die Muskulatur so weit aufzupäppeln, dass sie die Arbeit der Sehne teilweise übernehmen kann. Aber: Keine Hauruck-Arbeiten mehr, alles etwas sinnig angehen.

Wer mich kennt, wird sich hier ein Grinsen nicht verkneifen können. Denn die meiste Zeit ist es in meinem Hirn noch nicht ganz angekommen, dass ich eben keine 30 mehr bin. Ist ja auch kein Wunder, wenn man im MRT die größten Hits der 80er auf die Kopfhörer bekommt und im Geiste laut mitsingen kann. Naja, also ich muss da mal an mir und meiner Selbstwahrnehmung basteln. Das wird schon (irgendwann).

Bei Kalle ist es etwas diffiziler gewesen. Ich habe mir eine tierärztliche Zweitmeinung eingeholt, und das war sehr gut so. Mein Hauptproblem beim bisherigen Tierarzt war sein mangelndes Mitteilungsbedürfnis, was er denn beim Hund diagnostiziert habe. Irgendwie ist es nicht toll, wenn man ein Medikament mitbekommt und zuhause erstmal googeln muss, wofür das eigentlich gut sein soll. Ich muss allerdings zugute halten, dass ich auf höfliche Anforderung sowohl die Blutergebnisse als auch die Röntgenaufnahmen bekommen habe. Die Tierärztin, für die ich mich entschieden habe, ging ganz anders an den Hund ran. Sie ließ ihn im Sprechzimmer herumlaufen und schaute sich sein Gangbild in Ruhe an, in der Zeit erzählte ich. Und erst nachdem Kalle sich akklimatisiert hatte und auch ein paar Streicheleinheiten abgeholt hatte, untersuchte sie ihn genau, und zwar setzte sie sich dazu auf den Fußboden. Auf den Untersuchungstisch musste er erst, als es darum ging, Fieber zu messen, Blut und Lymphe abzunehmen.

Gestern Vormittag waren wir noch einmal dort, und ich konnte erleichtert aufatmen, denn die durch die stark geschwollenen Lymphknoten als möglich erkannte Tumorerkrankung war ausgeschlossen. Eine rheumatische Erkrankung wurde dagegen wahrscheinlicher, weil Kalle immer noch große Probleme sowohl beim Hinlegen als auch beim Aufstehen hat. Er tippelt umher, dreht sich im Kreis und lässt sich irgendwann einfach fallen, wenn er sich hinlegen will, und „Sitz“ funktioniert überhaupt nicht. Beim Aufstehen hat er richtig Mühe, den Po hochzubekommen, die Beine rutschen ihm weg.

Jedenfalls hatte die Ärztin mit einem Kollegen aus Bielefeld über den Fall telefoniert und dieser wollte dann gern, dass ich direkt mit Kalle zu ihm komme. Also machten wir uns nach dem Mittagessen auf den Weg nach Bielefeld. Auch dort waren die Leute sehr nett und redeten sowohl mit mir als auch mit dem Hund selbst. Er wurde noch einmal geröntgt, dieses Mal aber ganz gezielt die Läufe, denn diesem Tierarzt war auch aufgefallen, was ich seit ein paar Tagen beobachte, nämlich dass alle vier Läufe, aber vor allem hinten, sehr nachgaben, also er ging nicht auf den Zehen, sondern setzte den gesamten „Fuß“ auf, wenn ich es mal mit menschlicher Anatomie vergleiche. Und die Hinterbeine gaben immer wieder nach. Ganz davon abgesehen sind die Sprunggelenke geschwollen, was ich vermutete und der Arzt bestätigte.

Nach dem Röntgen war das Bild dann ziemlich klar: Kalle hat eine Polyarthritis, was auch durch den stark erhöhten CRP-Wert im Blut schon wahrscheinlich war. Nun muss er erstmal weiter abspecken, wie bei uns Menschen geht jedes Kilo zu viel auf die Gelenke. Und über das letzte Jahr hatte er ganz gut zugelegt. Parallel dazu bekommt er Schmerztabletten, die auch entzündungshemmend wirken, wenn es ihm damit besser geht, kann erstmal auf Kortison verzichtet werden. Springen ist tabu, ebenso wie Spiele, die auf die Gelenke gehen. Also keine Bälle werfen, keine Zerrspiele, lieber entspannte Spaziergänge mit Kopfaufgaben. Das kommt uns beiden zugute. Und uns ist allen ein Stein vom Herzen gefallen. Nur die Pilgertour mit Hund, die ich gern mal machen würde, muss ich mir vermutlich abschminken.