Alles muss sich ändern…

„…damit alles bleibt, wie es ist.“ Dieser Satz stammt aus dem Roman „Der Leopard“ von Giuseppe Tomasi di Lampedusa und beschreibt den Übergang zwischen Adelsherrschaft und Demokratie im Italien des 19. Jahrhunderts. Klingt vielleicht paradox, aber in einer Welt des Umbruchs kann nur Wandel zu einer Konstanten führen.

„Wer glaubt etwas zu sein, hat aufgehört etwas zu werden.“ sagte Sokrates. Gilt für Politiker genauso wie für manche Geschwister im Glauben.

Wer es eher mit Filmzitaten hält, kennt vielleicht dieses: „Wenn ich mich ändern kann, dann könnt ihr euch auch ändern, dann muss sich die ganze Welt ändern können.“ Das sagte der Boxer Rocky Balboa, dargestellt von Sylvester Stallone in den „Rocky“-Filmen. Finde ich weise, denn Veränderung kann nie nur eine einseitige Sache sein. Pingpong besteht eben immer sowohl aus Ping wie auch aus Pong.

Stephen Hawking wiederum konstatierte: „Intelligenz ist die Fähigkeit, sich dem Wandel anzupassen.“ Naja, hört sich etwas elitär an, aber so eine Art Basisintelligenz setze ich mal voraus.

Ich halte es nach Möglichkeit und Kräften (und da, wo es mir wirklich wichtig ist) am liebsten mit Mahatma Gandhis Wahlspruch „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.“ Wohl wissend, dass es eine oftmals kräftezehrende Sache ist, ist es aber in einer Demokratie genau das, was meine Möglichkeit ist: Für Veränderungen aktiv und konstruktiv arbeiten, nicht nur meckern. Rein verstandesgemäß weiß das vermutlich fast jeder, aber die Umsetzung ist eben mühsam.

In der Realität habe ich es häufig eher mit „Alles soll sich ändern, aber bleiben, wie es ist“ * zu tun und ich finde das äußerst frustrierend. Dabei ist es eigentlich ziemlich egal, ob es sich um Kommunalpolitik, gesellschaftliche Debatte, Klimaschutz oder Gemeindearbeit handelt, die Beharrungskräfte für den vermeintlichen Status Quo sind überall groß. Ich habe verschiedene Facetten ja auch hier im Blog schon thematisiert.

Ich frage mich manchmal: Die Menschen, die sich nichts so sehr wünschen wie den Erhalt des jetzigen Zustandes, sind die sich bewusst, dass eben dieser Zustand, der für sie eine gemütliche Umgebung darstellt, die sie nicht verlassen möchten, andererseits für andere Menschen eine unbequeme Situation darstellt? Ein Hinnehmen einer Umgebung, die ihnen Unbehagen verursacht, schmerzlich ist oder sogar den Zugang zu einer Teilhabe verwehrt, die ihnen eigentlich auch zusteht? (Was ist überhaupt der jetzige Zustand? Im Moment, wo ich das Wort „jetzt“ schreibe, ist es schon wieder Vergangenheit.) Ist es den Beharrlichen, so will ich es einmal positiv benennen, egal, dass ihre Beharrlichkeit für Menschen mit anderen Bedürfnissen verletzend sein kann, wenn sie so weit geht, dass sie Normen diktiert, die vermeintlich den einzig richtigen Weg markieren?

Nun ist auf der anderen Seite aber auch die Veränderung selbst kein absoluter Wert. Natürlich gibt es Traditionen, gesellschaftliche Normen und Tabus, die unbedingt sinnvoll sind und die sich unter anderem in Gesetzen und Chartas niederschlagen (Grundgesetz, Charta der Vereinten Nationen, UN-Menschenrechtskonvention…). Es ist eine große Errungenschaft, dass man über Menschenrechte nicht immer wieder neu verhandeln muss. Das tägliche Miteinander allerdings, die Art und Weise, wie wir es ausgestalten und mit Leben füllen, das muss immer wieder neu ausgehandelt werden, anders ist keine Weiterentwicklung möglich. Auch unsere Vorfahren haben das immer wieder machen müssen, leider oft durch kriegerische Auseinandersetzungen, blutige Revolutionen oder Kirchenkämpfe. Die Herausforderung ist, friedlich und inklusiv eine Balance aus Bleiben und Weitergehen zu erzielen.

Einen hab ich noch: „Den Fortschritt verdanken wir den Nörglern. Zufriedene Menschen wünschen keine Veränderung!“    H. G. Wells, seines Zeichens Soziologe, Historiker und Schriftsteller, nicht nur von Science Fiction-Romanen.

*Zeile des Liedes „Das war schon immer so“ von Duo Camillo, bezieht sich auf die mühselige Arbeit des „Klavierschiebens“ in Kirchengemeinden. „Klavierschieben“ ist ein Synonym dafür, Veränderungen langsam und leise zu etablieren, also bildlich gesehen das Klavier nicht von einer Woche auf die andere im Altarraum auf die gegenüberliegende Seite zu bugsieren.

Ansage zum Schluss: Ich werde an dieser Stelle keine Diskussion zulassen um beschnittene Grundrechte, falsche Corona-Politik oder irgendwelche Verschwörungen! Deshalb behalte ich mir vor, Kommentare in dieser Richtung zu löschen. Es gibt unbestritten einiges, was in dem Bereich, der uns seit einem Jahr im Bann hält, schief gelaufen ist, mir geht es aber um gesellschaftliche Bereiche, die unser gemeinsames Leben außerhalb von Corona betreffen, und das schon lange und auch in Zukunft!