Über Pest, Cholera und verbale Abrüstung

Die Nerven werden stündlich dünner. Seit einem Jahr begleiten uns Unsicherheiten und Widersprüche auf Schritt und Tritt.

Nur ein paar Beispiele:

  • Erst hieß es, Masken nützen nichts, dann wurde diese Einschätzung revidiert und über den Umweg Alltagsmasken landeten wir beim heutigen Stand. (Ich weiß, dass Wissenschaft eine lebendige Sache ist, die von Erkenntnisgewinn lebt. Das ist nicht mein Problem.)
  • Ein und dieselbe Maßnahme ist den Einen zu lasch, den Nächsten zu restriktiv.
  • Der Inzidenzwert, der uns als Grenzwert genannt wurde, lag zunächst bei 50, dann bei 35 und jetzt ist er bei 100 (und wie es aussieht, hat diese Zahl 100 ziemlich unterschiedliche Interpretationen in einigen Bundesländern).
  • Wird regional entschieden, gibt es Regelwirrwarr und einen Geschäftstourismus aus Risikogebieten in Nicht-Risikogebiete. Wird deutschlandweit entschieden, ist das wie Sippenhaft.
  • Schützen wir durch AHA-L und vor allem durch das Impfen zunächst die vulnerablen Gruppen, bleibt die Infektiosität bei den jüngeren und aktiveren Menschen hoch, aber die Sterblichkeit sinkt (zunächst). Impfen wir aber bevorzugt diejenigen, die in der Öffentlichkeit arbeiten, sinkt die Infektrate, aber die Sterblichkeit bleibt höher.
  • Schicken wir die Kinder in Schulen und Kitas, steigt neben ihrer psychischen Gesundheit aber andererseits das Infektionsrisiko, das sie unter anderem in ihre Familien tragen können (was die Kids dann durch Schuldgefühle auch wieder belasten kann). Lassen wir sie zu Hause, steigt die (Mehrfach-) Belastung im familiären Umfeld.

Wir haben also so gesehen in vielen Fällen die Wahl zwischen Pest und Cholera.

Ich könnte noch unzählige Beispiele nennen. In jedem Fall hat jede unterschiedliche Ansicht ihre Berechtigung aus der Sicht Betroffener. Es ähnelt der Quadratur des Kreises. Als letztes Jahr um diese Zeit der erste Lockdown verkündet wurde, meinte ich zu Edgar: „Die werden machen können, was sie wollen, es wird immer falsch sein!“ Ich hätte mir gewünscht, mit dieser Aussage nicht ins Schwarze getroffen zu haben. Wisst ihr was, ich bin heilfroh, dass ich „nur“ Verantwortung für meine Familie und mein persönliches Umfeld habe. Ich möchte ehrlich gesagt nicht in der Haut stecken von jemandem, der in der Position steht, mit seinen Entscheidungen auch über Gesundheit, berufliche Existenz, Bildungserfolg oder andere Lebensbereiche von 80 Millionen Menschen Verantwortung zu übernehmen.

Es ist unbestreitbar nicht nur vieles gut gemacht worden bisher, sondern es sind auch einige Dinge ganz gewaltig daneben gegangen, häufig übrigens gar nicht mal durch die Entscheidungen selbst, sondern entweder über schlechte Kommunikation oder durch die Tatsache, dass eine Runde von 17 Menschen etwas beschließt und mindestens die Hälfte davon etwas ganz anderes macht, oft schon, bevor die Tinte unter den Vereinbarungen trocken ist! Da ist es dann irgendwann kein Wunder mehr, dass die Regierten abschalten.

Das alles ist schon schwierig genug. Aber was mir so richtig gewaltig auf den Keks geht, ist die von Kriegsvergleichen und verbalen Waffen strotzende Rhetorik. Meist übrigens von den Herren der Schöpfung. Dabei ist es eigentlich sogar egal, ob sie auf der Regierungsbank oder in der Opposition sitzen. Die Damen sind da etwas feinfühliger mit der Wahl der Worte, aber insgesamt wünsche ich mir von allen Seiten einen sachlicheren Umgang. Ich wäre außerdem sehr dafür, dass man die Oppositionellen nicht nur Kontra geben lässt, sondern sie auffordert, mit konstruktiven Beiträgen zur Lösung einiger Probleme beizutragen. Denn in dieser Pampe sitzen wir alle gemeinsam!

Und nein, ich kann auch kein bisschen Verständnis dafür aufbringen, dass einige Politiker so dreist sind, diese Pandemie dazu ausnutzen, sich zu bereichern. Da wird noch ein langer Weg notwendig sein, Vertrauen wiederherzustellen, obwohl davon auszugehen ist, dass die meisten Parlamentarier ordentlich arbeiten.

Was mich in den letzten Tagen zunehmend befällt, ist ein wachsendes Gefühl der Hilflosigkeit. Mein Optimismus verkriecht sich stundenweise in ein Schneckenhaus. Ich bin ratlos, wenn ich sehe, dass Menschen, mit denen ich schon gut und vertrauensvoll zusammengearbeitet habe, den Weg des Konsens verlassen und nur noch schwarz oder weiß sehen. Ich möchte auch manchmal ausbrechen, aber wohin? Also mache ich weiter, ich mag unsere demokratische Gesellschaft nicht aufgeben, ich möchte mein Zutrauen nicht verlieren, dass wir gemeinsam eine ganze Menge schaffen können, und ich möchte mein Vertrauen in manche bisherigen Weggefährten nicht wegwerfen, aber ich habe auch Angst vor manchen Tendenzen in unserer Gesellschaft. Nein, Angst trifft es auch nicht ganz. Es ist eher ein Gefühl der Ohnmacht.

Ein Gefühl von Verlust. Verlust einer Gesellschaft, die von Gemeinsamkeit und Aufbruch, aber auch von einem moralisch-ethischen Kompass geprägt ist. Hin zu einer Zusammenrottung von Individuen, die nur ihren eigenen Vorteil zum Maßstab ihres Handelns machen. Ach Scheibenhonig, ich will das nicht. Ich möchte mich viel lieber fröhlich auf den Frühling freuen.

An alle, die bis hier durchgehalten haben: danke fürs Auskotzen dürfen. Es wird schon wieder.