„Die“ Kirche und „die“ Politik

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Soll / muss / darf sich Kirche in die Tagespolitik einmischen? Oft hören wir „die sollen sich um ihre Schäfchen kümmern. Anständig Seelsorge betreiben (…und ansonsten den lieben Gott einen guten Mann sein lassen…). Aber aus der Politik sollen sie sich gefälligst heraushalten!“ Oder man wird gleich als „links-grün-versifft“ abgestempelt.

Ist das denn tatsächlich so? Was ist Auftrag der Kirche? Okay, sicher nicht, den Menschen von der Kanzel zu predigen, wen sie wählen sollen. Das ist genauso persönlich wie die Wahl, zu welcher Konfession man sich bekennt.

Das meine ich auch nicht.

Wir sollen Menschen vom Evangelium erzählen, sie für ein Leben mit Jesus begeistern, ja. Unbedingt.

Aber: Wenn wir die Aussagen der Bibel ernst nehmen, dann steht da nicht nur „Macht euch die Erde untertan“ (ich ergänze mal frei: auch um den Preis einer kaputten Umwelt, der Zerstörung jahrtausendealter Lebensräume, der Ausrottung von ganzen Lebensformen). Da steht auch der Auftrag, die Schöpfung zu bewahren. („Und Gott, der HERR, nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten, ihn zu bebauen und zu bewahren.“ Gen 2,15).

Da steht nicht nur „Du sollst Gott lieben“, es geht ohne Abstriche weiter mit „und deinen Nächsten wie dich selbst.“ Wenn ich davon ausgehe, mich selbst zu lieben bedeutet: Daseinsfürsorge, ein auskömmliches Leben anstreben, eine friedliche Lebensumgebung, gelingende Beziehungen… dann bin ich aufgefordert, alles dieses auch meinen Mitmenschen zu gönnen. Egal woher sie kommen, wo sie leben, was sie glauben oder wen sie lieben. Oder ob sie ein Gen dreimal haben. Wie auch immer. Selbst dann, wenn mir selbst gerade das Eine oder Andere fehlt, das mein Leben gelingen lässt.

Jesus selbst war da ganz radikal – und politisch! „Liebe deine Feinde, segne, die dich fluchen.“ (Ganz bewusst von mir benutzt in der 2. Person Einzahl, denn es ist eine persönliche Aufforderung an jeden Einzelnen von uns!) Alles andere ist einfach. Das bekommt sogar ein aktueller amerikanischer Präsident hin, denke ich.

Aber Liebe – mit anderen Worten Respekt, sogar Verständnis vielleicht – für diejenigen aufbringen, die beispielsweise ganz außen am Rand des politischen Spektrums stehen, egal auf welcher Seite? Das ist schon eine Riesenherausforderung, natürlich. Und dabei versagen wir auch alle regelmäßig. Das finde ich auch menschlich. Trotzdem möchte ich deswegen nicht, dass wir uns zumindest von dem Versuch verabschieden, nach dem Motto: „Hab ich versucht, hat nicht geklappt, hat sowieso keinen Zweck, lasse ich lieber sein.“

Wenn dir jemand sagt: „Hey, glaub an Jesus, bekehre dich und werde Christ, dann wird dein Leben einfach, du weißt immer, was du tun musst, du wirst gesund und wohlhabend, du wirst keine Zweifel mehr haben“, dann macht diese Person es sich zu einfach und dir höchstwahrscheinlich ein leeres Versprechen.

Aber du hast dann immer den Einen an der Seite, an den du abgeben kannst, du wirst deine (auch die falschen) Entscheidungen nicht allein treffen und nicht allein vor dir verantworten müssen. Du beginnst, die Welt mit anderen Augen zu sehen, und du hast auch eine zuverlässige Adresse, wenn du etwas zu beklagen hast. Du bist nicht allein.

Und du wirst politisch. Du beziehst Stellung.

Wikipedia: „Politik bezeichnet die Regelung der Angelegenheiten eines Gemeinwesens durch verbindliche Entscheidungen.“

 

 

 

Gedanken zum Erntedank

„Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass“

Hambi bleibt – vorläufig – und die Braunkohle ist ein Auslaufmodell – zum Glück.

Aber Stromtrassen von Nord (Wind) nach Süd (Fabriken) sind nicht erwünscht.

(Dabei könnte man die Trassen unter die Fernstraßen legen, dann sind die im Winter eisfrei.)

Der Strom kommt aus der Steckdose, und so nutzen wir unbekümmert elektrische Zahnbürste, Wäschetrockner auch im Hochsommer, mahlen unseren Kaffee frisch für den Vollautomaten – natürlich mit einer elektronisch gesteuerten Mühle für den perfekten Mahlgrad, wir nutzen jede technische (und natürlich stromgetriebene) Hilfe, um effizient zu sein, denn schließlich fehlt uns die Zeit.

Vielleicht fehlt uns gerade die Zeit, die uns zur Ruhe kommen lässt, indem wir etwas „per Hand“ machen, um es wachsen zu sehen.

Wir wissen, dass es nicht gut ist für unsere Umwelt, zwei- bis dreimal im Jahr in ferne Länder zu fliegen. Aber die Konditionen sind so günstig, das muss man ausnutzen! Und dann am Gate stehen und sich ärgern, weil der Billigflieger ausfällt, die Fluggesellschaft konnte leider die Startgebühren nicht zahlen. Das Personal am Boden ist zu knapp, die Flugsicherheit nicht gewährleistet. Und unsere Regierung reagiert mit Flughafenausbauplänen, mit der Forderung nach mehr Bodenpersonal. Statt auf den Tisch zu hauen und ernst zu machen mit dem Bekenntnis zur Umwelt, zu den CO²-Zielen.

Wir ernähren uns vegetarisch oder vegan, Paleo oder Low-Carb. Statt mit Genuss und Verstand ausgewogen und in Maßen zu essen, wird Ernährung unsere Ersatzreligion. Oder Sport, oder Selbst-Optimierung. Statt uns anzunehmen, wie wir sind, jagen wir Idealen hinterher – und damit ist das Scheitern vorprogrammiert. Denn diese Ideale sind nur zu oft das Ergebnis von Photo Shop.

In Deutschland gibt es 800.000 Mitglieder im Tierschutzbund, wunderbar.

Aber nur 50.000 engagieren sich im Kinderschutzbund…

(Ernsthaft, habe ich eben erst nachgeschaut.)

Unsere Gesellschaft wird immer komplexer, wir kommen mit (gerade den technischen) Veränderungen nicht mehr mit. Unser Hirn bleibt analog. Und die Zahl derer wächst, die sich einfache Antworten wünschen.

(Es gibt auch sehr viel Wunderbares, aber darum geht es mir jetzt gerade nicht. Obwohl ich sonst ein großer Verfechter von guten Nachrichten bin. Alles hat seine Zeit…)

Es ist Erntedanktag in Deutschland.

Wir ernten, was wir gesät haben.