Verkehrswende

Letzten Sommer habe ich das Busfahren wiederentdeckt. Denn obwohl wir im „ländlichen Raum“ wohnen, gibt es halbstündliche Busverbindungen, die ich nutzen kann. Eigentlich. Seit dem Beginn der Weihnachtsferien mussten allerdings einige Buslinien im Kreis Minden-Lübbecke ausgedünnt werden, weil nicht genügend BusfahrerInnen zur Verfügung stehen. Und nun fährt der Bus, den ich nutzen könnte, halt nur noch einmal in der Stunde, immer schön hin und zurück. Kein Warten mehr, wenn man als Autofahrer das Pech hat, hinter einem der sich begegnenden Busse warten zu müssen, bis die Fahrer sich gegenseitig über was auch immer ausgetauscht haben. Dafür aber längeres Warten auf den nächsten Bus zur Arbeit oder wieder nach Hause. Beziehungsweise eine knappe Stunde vor Arbeitsbeginn schon dort sein. Zeit, die im Verhältnis zur täglichen Arbeitszeit für mich fast ein Viertel Verlängerung bedeutet. Ungenutzt, wohlgemerkt.

Damit muss ich jetzt in einer Zeit, in der ich ernsthaft überlege, meinen kleinen Cityflitzer zu verkaufen, eine neue Erfahrung machen: Es ist in Deutschland, dem Autoland schlechthin, nicht überall möglich, auf eben dieses Auto zu verzichten. Spaßeshalber habe ich einmal nachgesehen, wie die Situation für unsere Tochter aussähe, zu ihrer wöchentlichen Therapiestunde zu gelangen, wenn kein Auto zur Verfügung stünde. Die Strecke, die mit dem Auto je nach Verkehrslage 15-20 Minuten dauert, wäre mit dem Bus eine halbe Weltreise, inklusive Umsteigen und Wartezeiten (denn die Busse fahren nicht passend zu den Vergabetakten der Therapiestunden) wäre sie für die Hin- und Rückfahrt jeweils mindestens 1,5 Stunden unterwegs. Also für 50 Minuten Therapie noch drei Stunden on Top.

Ich weiß, dass wir mit diesen Zeiten immer noch recht komfortabel dran sind im Gegensatz zu manch anderer Gegend. Was mich daran jedoch zum Nachdenken bringt, ist die soziale Komponente: Wie effizient und sinnvoll ich Ziele erreichen kann, hängt viel zu sehr von meinen finanziellen Möglichkeiten ab. Kann (oder will) ich mir kein Auto leisten, bleibt mir nichts übrig, als in einer Umgebung zu leben, wo ich nicht darauf angewiesen bin. Und da sind es dann häufig die Mieten, die ich kaum stemmen kann. Wenn mein Kind auf irgendeine Form von Hilfe angewiesen ist, kann ich diese oft nur gewährleisten, indem ich ein Auto nutze, weil die entsprechende Institution nicht oder sehr schlecht mit dem ÖPNV erreichbar ist. Und so ließe sich die Liste vermutlich noch mit vielen Situationen erweitern.

Busfahrer kann man sich nicht backen, so viel ist klar. Die jahrzehntelange ungesunde Fixierung auf den Vorrang von Individualverkehr macht sich aber auch hier bemerkbar, nicht nur durch Staus und unübersichtliche, gefährliche Situationen für alle, die anders unterwegs sind als mit dem eigenen Auto. Beispielsweise bemerke ich immer wieder, dass viele Radfahrer sich überhaupt nicht an Regeln halten, auf Fußgängerwegen fahren, oft auch entgegen der Fahrtrichtung, aber zum Teil kann ich sie durchaus verstehen, denn viel zu viele Autofahrer lassen Radler ständig spüren, dass sie die Schwächeren sind. Da wird die Vorfahrt geschnitten, es wird trotz Gegenverkehr, Kurven und Abstandsgebot überholt, um eine Zehntelsekunde rauszuholen, und und und…

Auch andere Menschen, die Ärzte, Therapien, sonstige Hilfen benötigen, sind auf Busse angewiesen. Aber das Konzept von zentrumsnahen Ärztehäusern und Therapiezentren setzt sich auch erst langsam (aber immerhin) durch. Wenn ich beispielsweise zu meinem Rheumatologen muss, könnte ich ohne Auto zu Fuß fast genauso schnell dort sein (es sind 22 Kilometer einfacher Weg) wie mit dem Bus (blöde Takte und Umsteigefenster) und ich hätte ganz schlechte Karten, wenn es um zeitlich gebundene Termine wie frühmorgendliche Blutabnahmen ginge.

Und in unserer lokalen Tageszeitung lese ich, dass Menschen offen damit drohen, zum Einkaufen in die umliegenden Großstädte zu fahren, wenn sie in Minden nicht mehr „überall“ fahren und parken dürfen. (Obwohl auch in Hannover und Bielefeld der Parkraum bewirtschaftet wird und man nicht vor den Kaufhäusern parken kann, man kann sich eigentlich nur an den Kopf fassen…)

Vieles ist notwendig, um die Verkehrswende hinzubekommen. Sehr viel öffentliche Infrastruktur, die auf den ersten Blick gar nichts mit dem Thema zu tun hat (die Zulassung von medizinischen Einrichtungen durch die KVs zum Beispiel)
Natürlich ein Umdenken in den Köpfen der Verkehrspolitiker. Aber ganz viel auch in unseren eigenen Köpfen.

Interessant ist übrigens zum Thema auch diese Podcast-Folge:
https://www.zeit.de/wissen/2022-12/andreas-knie-verkehrswende-krisenpodcast

Welche Erfahrungen macht ihr mit dem Thema Verkehr/ÖPNV in eurer Gegend?

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