U18

Keine Vorsorgeuntersuchung beim Kinderarzt. Nicht der Name eines U-Bootes. Und auch keine Nachfolgeband von U2. Sondern eine Bevölkerungsgruppe, die auf dem Papier zumindest noch nicht erwachsen ist. Eine Bevölkerungsgruppe, die sehr vieles von dem wird ausbaden müssen, wozu wir, die etablierten, reflektierten und stets ausgewogen urteilenden Erwachsenen nicht den Mut haben, es zu ändern.

Zurzeit laufen bei uns die U18-Wahlen. Und ich bin sehr gespannt auf die Ergebnisse. Gleichzeitig fordern immer mehr Parteien, Organisationen und Privatleute die Herabsetzung des Wahlalters auf 16 Jahre. Des aktiven Wahlrechts, wohlgemerkt. Die Unterschiede zwischen aktivem und passivem Wahlrecht sind nicht immer jedem klar, aber hier können sie nachgelesen werden.

Wann immer Medien über diese Forderung berichten, kann man aus den Kommentarspalten vieles über den Zustand unseres Landes und seltsame Stilblüten des Demokratieverständnisses herauslesen. Wenn ich da solche Kommentare lese wie: „Dann müssen sie aber auch mit 14 Jahren die volle Härte des Strafrechts spüren!“ als Antwort auf „Wenn man mit 14 strafmündig wird, warum soll man dann nicht wählen dürfen?“ Zack! Schwarz oder weiß. Grau existiert nicht.

„Die haben doch noch gar keine Lebenserfahrung. Die wählen doch nur, was ihnen jetzt gerade wichtig ist!“ Ja, aber dafür haben sie noch eine entsprechend hohe Lebenserwartung. Oder vielleicht auch bald nicht mehr? Und seit wann wählen die meisten Menschen in die Zukunft? In eine lebenswerte für alle Generationen? Wenn die Wahlentscheidungen tatsächlich in die Zukunft weisen, dann heißt dieser Wegweiser zu häufig „Besitzstandswahrung“. Und es spricht nicht gerade für einen weiten Erkenntnishorizont oder eine besondere Qualität von Lebenserfahrung, dass wir noch zu häufig bereit sind, uns in die Tasche lügen zu lassen oder es sogar selbst zu tun, dass alles immer so weitergehen kann, ohne negative Konsequenzen.

Ein Beispiel, das mit Wahlen nichts zu tun hat, aber mit Lebenserfahrung: Die Verkäuferin an der Käsetheke meinte gestern entschuldigend zu mir, dass sie leider gerade nur kleine Goudascheiben abschneiden könne, denn der Käselaib gehe dem Ende zu. (Ist das nicht toll, der Käse wurde tatsächlich verkauft!!!) Auf meine erstaunte Antwort, selbstverständlich, Käse sei doch Käse und kleine Scheiben schmeckten schließlich genauso gut wie große, meinte sie erfreut, aber leicht resigniert, es gäbe halt sehr viele Leute, meist im Alter zwischen 50 und 70, die fänden es unter ihrer Würde, kleine Käsescheiben zu kaufen, die sähen dann auf der Aufschnittplatte so arm aus. Menschen, die mit dem Anspruch ihrer Eltern nach dem WW2 aufgewachsen sind „Mein Kind soll es einmal besser haben als ich“, empfinden es offensichtlich nicht gerade selten als ein Grundrecht, üppige Speisetafeln zu präsentieren.

Ja, ich weiß, das ist überspitzt dargestellt, nicht jeder „Boomer“ ist so, ich gehöre ja selbst noch dazu, aber ich stamme aus einem Haushalt einer selbstständigen Familie, wo wir zwar immer unser Auskommen hatten, aber uns dafür auch manchmal nach der Decke strecken mussten. Und noch vieles im Garten selbst angebaut wurde, nicht nur, weil es meiner Mutter Spaß machte und ihr „Erfüllung“ oder ein Achtsamkeitserlebnis brachte, sondern vor allem Geld sparte.

Ich weiß auch, dass es 16-jährige gibt, die nur Party, Saufen, Poppen und Spaß im Kopf haben. Solche gibt es aber auch zuhauf bei 33-jährigen Junggesellenabschiedsabsolventinnen, Midlifecrisisgeplagten echten und falschen Fuffzigern, Neurentnern („jetzt nochmal richtig einen draufmachen, so jung kommen wir nie mehr zusammen“) und allen Altersgruppen dazwischen. Wenn man die Wahlfähigkeit daran festmachen will, wie ernsthaft man sein Leben gestaltet, dann weiß ich echt nicht, wo da die roten Linien Schlange laufen sollen.

Bei unseren Kinderfreizeiten und Kinderbibelwochen haben wir jedenfalls jugendliche Mitarbeiter direkt nach ihrer Konfirmation eingeladen, parallel zur möglichen Schulung auf die JuLeiCa (Jugendleitercard) bekamen sie so ihre ersten, durchaus verantwortungsvollen Aufgaben, betreuten Kleingruppen, stellten abendfüllende Programme auf die Beine und wuchsen im Zeitraum von mehreren Jahren in immer größere Verantwortung für die ihnen anvertrauten Kinder hinein. Und die Eltern der Kinder, die mit uns unterwegs waren, wussten das. Sie vertrauten darauf, dass die Jugendlichen ihre „Jobs“ ordentlich machten und durch uns erwachsene Mitarbeiter gründlich angelernt wurden.

Mit Vertrauen geht so unendlich vieles. Auch U18-Wahl!

„Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel verlangt. Und wem viel anvertraut wurde, von dem wird umso mehr gefordert.“

Dieser Spruch steht im Evangelium des Lukas: Lk 12,48 (Basis-Bibel)

Unsere älteste Tochter meint immer, meine Andachten seien politisch. Kann sein. Ist vermutlich so. Aber meiner Meinung nach kann Glaube eigentlich auch überhaupt nicht unpolitisch sein, denn mit dem Bekenntnis meines Glaubens stelle ich mich in die Gesellschaft und gebe ein Statement ab, ob ich will oder nicht. Ich beziehe damit Stellung, wie ich zu anderen Menschen und auch nichtmenschlichen Mitgeschöpfen stehe. Wie ich die Welt um mich herum sehe. Und im Jahr 2021 auch, wem ich zutraue, nach der #btw2021 meine Interessen zu vertreten, wenn es um diesen persönlichen Blick auf die Welt geht.

An dieser Stelle will ich kein Fass aufmachen, welche Partei das sein könne oder auch nicht. Ich habe schon an anderer Stelle geschrieben, das muss jede und jeder mit sich selbst ausmachen, und selbstverständlich habe ich auch nichts dagegen, dass man da zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen kann (solange sie demokratisch agierende Parteien betrifft).

Es ist allerdings so, dass ich bei der Beschäftigung mit den Wahlprogrammen der unterschiedlichen Parteien und den Analysen, die dazu getätigt wurden, wer von den Versprechungen der einzelnen Ausrichtungen wie stark betroffen ist, an den Lukas-Vers denken musste. Vor relativ genau vier Jahren war es meine Aufgabe, eine Andacht zu diesem Vers zu schreiben. Ich gebe sie euch hier einmal zum Lesen:

Ich habe ein Bild mitgebracht. Auf dem Bild sieht man Menschen im Kreis stehen mit hochgereckten Händen. Sie sind bereit, eine Frau aufzufangen, die sich von irgendwo her fallen lässt.
Diese Übung kennt vermutlich jeder, der schon mal eine Teambildungsmaßnahme mitgemacht hat. Es ist ein starkes Bild. Es zeugt von Mut und Vertrauen: vom Mut der Frau, sich fallen zu lassen. Sind die anderen Menschen stark genug, sie aufzufangen? Sie vertraut fest darauf. „Diese Leute werden mich nicht fallen lassen. Sie lassen nicht zu, dass mir etwas geschieht!“
Auch die Menschen im Kreis sind mutig: Wie schwer ist die Frau? Lässt sie sich locker fallen oder verkrampft sie sich? Können wir sie auffangen? Und sie vertrauen. „Wir schaffen das, weil wir nicht allein sind. Zusammen haut das hin!“
Die Menschen vertrauen einander. Und sie ahnen, dass es gut wird.
Eine andere Art von „sich fallen lassen“ hat mich persönlich die letzten Wochen beschäftigt. Die Aufgabe, eine Andacht zu schreiben zu einem Spruch, der durch das Los entschieden wurde. Eine Andacht zu einem Thema, in dem ich mich zuhause fühle, das ist eine Sache. Aber so ein „Sprung ins kalte Wasser“, das ist eine andere Hausnummer.
„Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel verlangt. Und wem viel anvertraut wurde, von dem wird umso mehr gefordert.“ (Lk 12,48, Basis-Bibel)
Wie geht es dir, wenn du diesen Spruch hörst?
Wenn er als Wochenspruch zu Beginn des Gottesdienstes verlesen wird. Du hörst ihn einmal und dann geht es schon weiter mit der Liturgie. Ist der Spruch dir bekannt?
Weißt du, in welchem Zusammenhang Jesus ihn gebraucht?
Ist der Spruch sonnenklar zu verstehen oder geht es dir vielleicht genau wie mir?
Ich habe diesen Spruch gelesen, den ich zugelost bekam. Und als erstes habe ich gedacht: „Oh nein, was ist denn das für ein blöder Spruch? Dazu fällt mir niemals etwas Gescheites ein.“
Als nächstes schoss mir ein Sprichwort durch den Kopf: „Der Mensch wächst mit den Aufgaben.“ Das dürfte auch bekannt sein. Manchmal wird es als Floskel gebraucht. Ich habe eine neue Aufgabe bekommen und bin mir unsicher, ob ich die Verantwortung auch ausfüllen kann. Dann wird mir dieser Satz an den Kopf geknallt. Völlig gedankenlos und wenig hilfreich.
Es kann aber auch sein, dass sich jemand aufrichtig dafür interessiert, wie es mir ergeht. Mit demselben Satz drückt er oder sie dann aus: „Hey, wenn man dir die Aufgabe übertragen hat, dann traut man sie dir auch zu. Man schätzt dich und ist sicher: Du wirst dir das erarbeiten. Du wirst nicht scheitern. Du wirst daran wachsen und reifen!“
Den Unterschied erkennen wir am Tonfall, an der Gestik und Mimik des Sprechers.
Aber wenn ich den Bibelvers lese, sehe ich keine Gestik, keine Mimik. Also konzentrieren wir uns jetzt auf die genaue Wortwahl des Verses.
Als erstes fällt mir auf: Der erste Satzteil ist jeweils bereits erfolgt, während der zweite Teil sich fortdauernd ereignet.
Und dann fesseln mich zwei Wortpaare. Erstens: gegeben und verlangt. Zweitens: anvertraut und gefordert. Klingt auf Anhieb gar nicht so unterschiedlich. Trotzdem findet eine deutliche Steigerung statt: Im ersten Satz geht es um eine Gabe, ein Geschenk. Ein Geschenk muss man sich nicht verdienen, das gibt es, einfach so, weil man da ist. Vom Empfänger der Gabe wünscht sich der Geber, sich dieser Gabe würdig zu erweisen, das Vertrauen zu rechtfertigen.
Im zweiten Satz geht Jesus noch weiter: Es geht darum, jemandem etwas anzuvertrauen. Das ist ein so starkes Wort! Im Duden steht dazu „vertrauensvoll übergeben“. Wenn man jemandem etwas anvertraut, dann ist man fest davon überzeugt, derjenige wird nicht nur zuverlässig darauf aufpassen, er wird auch etwas Gutes daraus machen. Daraus erwächst eine Forderung. Der Duden sagt:
„Eine Forderung ist ein nachdrücklich zum Ausdruck gebrachter Wunsch, etwas fordern bedeutet: einen Anspruch erheben.“
Starker Tobak, den Jesus seinen Hörern an der Stelle zumutet. Doch er stellt nicht einfach eine Behauptung in den Raum, er spricht in eine konkrete Situation hinein. Dieser Vers steht in der Mitte des Evangeliums. Zur Halbzeit sozusagen. Jesus lehrt die Menge, die ihm folgt, mit verschiedenen Gleichnissen.
Seine Jünger sind immer dabei, aber ähnlich wie der Rest der Leute verstehen auch sie zum Teil nur Bahnhof.
Deswegen fragt Petrus zwischendurch einfach mal nach: „Sag mal, was du da erzählst, klingt ja ganz gut, aber für wen gilt das eigentlich? Ist das nur für uns wichtig oder auch für den Rest der Menschheit?“
Jesus stellt an dieser Stelle bereits ganz deutlich klar: Das, was ich euch sage, ist wichtig. Das Wichtigste überhaupt. Nicht nur jetzt und hier, sondern auch zukünftig und für alle.
Und er hat einen besonderen Auftrag für seine Nachfolger. „Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel verlangt.“ Alle, die Jesus nachfolgen, sind „begabt“. Denn Jesus hat für sie alle den Tod am Kreuz erlitten. Die Menschen, die Jesus nachfolgen, sollen ihre Gabe, ihre Erkenntnis und ihr Vertrauen weitergeben, damit viele davon erfahren und sich anschließen. Christus-Nachfolger tragen in der Welt eine höhere Verantwortung als Menschen, die ihn und sein Wort nicht kennen.
Die Jünger aber sind noch mehr gefordert. Ebenso alle, die nach ihnen durch Leitungspositionen Verantwortung für die wachsende Gemeinde Christi tragen: „Und wem viel anvertraut wurde, von dem wird umso mehr gefordert.“
Natürlich ist das eine Zu-Mutung: „Sorgt IHR dafür, dass die Gemeinde nach meinen Maßstäben lebt und wächst“. Aber auch eine starke Zu-Sage steckt darin: „Ich traue es euch zu, dass ihr das schafft!“.
Lukas ist der einzige Evangelist, der die Begebenheit aus Kapitel 12,48 beschreibt. Er ist der Einzige, der den Missionsbefehl so ausführlich und persönlich darstellt. Und er ist der Einzige, der als „Fortsetzung“ aufgeschrieben hat, wie es dann weiterging mit der Verbreitung des Christentums.
„Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel verlangt. Und wem viel anvertraut wurde, von dem wird umso mehr gefordert.“
Anfangs hatte ich dich gefragt: Wie geht es dir mit diesem Vers? Die Frage stelle ich jetzt noch einmal in den Raum.
Hat der Vers etwas mit deinem konkreten Leben hier und heute zu tun?
Ich kann dir versichern, bei mir ist beides der Fall. Meine Wahrnehmung hat sich geändert. Ich sehe nicht mehr nur den Berg von Verantwortung vor mir, sondern auch den ermutigenden Zuspruch und den Vertrauensbeweis.
Und wenn in den Medien in den letzten Wochen und Monaten Berichte kursieren über die schwindende Relevanz von Religion allgemein, von Gemeinde im Besonderen, dann ruft mir dieser eine Vers zu:
„Pfeif auf diese undefinierbare Masse namens „Gesellschaft“. Es liegt an jedem einzelnen, es liegt an dir! Du kannst Gemeinschaft in das Gemeindeleben bringen! Es ist deine Aufgabe, jedem so zu begegnen, wie er oder sie es gerade braucht. Den Mitmenschen mit Achtung zu begegnen. Ihnen Respekt und Liebe entgegenzubringen. Und du schaffst das auch! Du wirst nicht scheitern. Du wirst vielmehr daran wachsen.
Kreide nicht alles, was schief läuft in der Gemeinschaft, der Leitung an. Ja, es stimmt, die hat ganz besondere Aufgaben bekommen, aber trotzdem kommt es auch auf dich an.“
Und weißt du was? Das gelingt mir nicht immer. Es gibt Tage, da könnte ich an meinen eigenen Erkenntnissen und Ansprüchen ersticken. Geht dir genauso? Das finde ich beruhigend.
Aber wir sind nicht allein mit unserem Scheitern. Wir alle sind wie die Jünger: Wir verstehen manchmal nur Bahnhof. Wir fallen hin, wir leugnen. Aber das ist nicht schlimm, solange wir dranbleiben, aufstehen und bekennen.
Und das tolle, das unfassbare ist: Jesus hat den Grundstein seiner Kirche mit solchen Leuten gelegt. Er hat sich fallen gelassen, voller Vertrauen. Wie die Frau auf dem Foto.

In meinem ganzen Nachdenken habe ich mir die Andacht mehrfach durchgelesen, vieles sehe ich auch mit vier Jahren Abstand noch so, aber bei einigen Facetten hat sich meine Wahrnehmung verändert oder erweitert. Und nun kommt die politische Dimension dazu. J.F. Kennedy hat es so formuliert: „Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern frage, was du für dein Land tun kannst!“ Ich weiß, klingt etwas pathetisch. Aber so ganz unrecht hatte er nicht. Auch rund 60 Jahre später nicht. Wir erwarten so viel von unserer Regierung, von den Parlamenten, von unseren Repräsentanten. Aber sind wir auch bereit, etwas von uns einzubringen, außerhalb von ein paar Kreuzchen auf einem langen Zettel mit Möglichkeiten alle paar Jahre mal? Wissen wir und vertrauen wir darauf, dass es auch auf uns ankommt?

Oder aus einer ganz anderen Perspektive, und das geht jetzt an die Parteien, deren Credo „der Markt“ ist, der alles regelt: Wie regelt der Markt das denn? Im Allgemeinen nämlich nicht so, wie Lukas es formuliert hatte, sondern eher umgekehrt: Die Lasten verteilen sich zu häufig auf den Rücken derer, die sowieso schon nicht allzu viel besitzen, denn die „Leistungsträger“ (kann übersetzt werden mit „die Vermögenden“) dürfen nicht über Gebühr belastet werden. An die Adresse der Marktgläubigen (die mitunter eine Partei mit dem „C“ im Namen präferieren) stelle ich daher die Frage: Menschen in prekären Verhältnissen, die von ihrer Arbeit kein ordentliches Auskommen haben, sind die keine Leistungsträger? Seht ihr die nur als Masse, die dem Rest auf der Tasche liegt? Oder traut ihr denen zu, etwas wichtiges zum Gesamten beizutragen? Jeder nach seiner Möglichkeit?

Oder auch: Warum darf denn das Fleisch nicht teurer werden? Damit sich auch „die Ärmeren“ ab und zu mal ein ordentliches Steak auf dem Teller gönnen können? Seit wann seid ihr Freunde dieser Gesellschaftsgruppe? Aber vegetarische oder vegane Fleischersatzprodukte dürfen gern das doppelte bis dreifache des Koteletts kosten, denn das sind „Lifestyle-Produkte“. „Die Ärmeren“ sollen also nicht das Recht haben, auch eine fleischarme und abwechslungsreiche Ernährung auf den Teller zu bekommen, egal ob aus gesundheitlichen oder ethischen Gründen? Ich wünsche mir da ein wenig mehr Empathie und Reflexion.

Wie die Jünger Jesu sind auch wir alle und unsere Politiker Menschen, Menschen mit Fehlern und Schwächen, und manchmal verstehen auch wir nur Bahnhof. Aber sind wir auch bereit, alle um uns herum so anzunehmen und gemeinsam etwas zum Guten zu bewegen?

„Wir schaffen das, weil wir nicht allein sind. Zusammen haut das hin!“ So arbeiten die Menschen aktuell in den Flutgebieten zusammen und so kann das auch in größerem Zusammenhang laufen. Mit Mut und Vertrauen.

Schwarze Schafe…

…gibt es überall. Obwohl, eigentlich können die Schafe ja nichts dafür, dass manMenschen, die Verfehlungen begehen, so nennt. Aber ihr wisst schon, was ich meine.

Die Gesellschaft funktioniert nur mit einem gewissen Grundvertrauen, so ähnlich, wie die Bindung zwischen Eltern und Kindern auf ein Urvertrauen gründet. Nur eben in viel größerem Maßstab, weil eine Menge Menschen daran beteiligt sind.

Wenn ich einkaufe, dann vertraue ich doch zunächst einmal darauf, dass der Kaufmann, dem der Supermarkt gehört, redlich arbeitet. Seine Angestellten pünktlich bezahlt, seinen Kunden eine ordentliche Qualität bei den Frischwaren bietet, seine Steuern korrekt anmeldet. Ebenso vermute ich das im Restaurant oder in der Apotheke. Warum diese Beispiele? Weil aus der Sicht der Finanzverwaltung diese Branchen: Einzelhandel, Gastronomie und Apotheken permanent in der Versuchung sind, in großem Stil den Staat zu hintergehen, daher werden die Anforderungen an Warenwirtschafts- und Kassensysteme immer stärker reglementiert. Ich bin nicht so blauäugig zu glauben, dass es die Verstöße nicht gibt bei einzelnen Akteuren in den Branchen. Aber im Grunde stehe ich mit meinem Vertrauen doch noch immer ganz gut da. Denn die allermeisten arbeiten eben ordentlich.

Es gibt Banker, Ärzte, (Abmahn-)Anwälte, Manager, … [um beliebige Berufsgruppen erweitern…], die lukrative Geschäftsmodelle entwickelt haben, um ihrer Klientel möglichst effektiv und unauffällig das Geld aus der Tasche zu ziehen. Es gibt Politiker, die ihren Beruf und ihre Partei danach gewählt haben, wo sie finanziell am besten dastehen. Es gibt korrupte Beamte und Sicherheitskräfte, die nicht die Sicherheit der ihnen anvertrauten Menschen im Sinn haben. Es gibt Gelegenheits- und Berufsverbrecher, Mörder, Vergewaltiger und alles Mögliche andere im kriminellen Spektrum.

In jedem Land der Erde, und auch nicht erst seit 2015 oder so. Keine Bevölkerung irgendeines Landes besteht aus Heiligen, keine Berufsgruppe der Welt ist unbestechlich, kein Mensch ist immun gegen Versuchungen.

Klischees gibt es immer und überall. Und bei manchen Dingen sind wir auch nicht zimperlich. Wer hat denn schon ernsthaft gesagt: „In Italien mache ich keinen Urlaub, das sind alles Mafiosi“ oder „Nach Thailand kann man nicht fliegen, dort ist ein einziger Sumpf von Drogen und Prostitution“. „Mallorca als Urlaubsziel geht ja gar nicht, da werden keine Umweltstandards eingehalten“ oder auch „Kreuzfahrten sind indiskutabel, was da an Abgasen in die Luft geblasen wird“. Nur mal so als Beispiel (es gibt da über so ziemlich alle Destinationen etwas zu sagen, was dort nicht in Ordnung ist!) Wenn wir in diesen Gebieten nun mal gerne Urlaub machen wollten, haben wir darauf vertraut, dass in den Urlaubsorten alles sauber und legal läuft, und wenn wir tatsächlich mal unsicher waren, dann haben wir lieber die Augen davor verschlossen, wir waren schließlich im Urlaub. Da belastet man sich nicht mit solchen Themen.

Von der derzeitigen Lage sind wir alle zwangsbetroffen, keiner kann sich rausmogeln, keiner hat sich das ausgesucht. Und das bereitet uns so viel Unbehagen, dass wir mangels Sündenbock (interessant: diese Redensweise ist biblisch. Im Alten Testament wird beschrieben, dass während der Wüstenwanderung der Israeliten symbolisch die „Sünden“ auf einen Ziegenbock übertragen wurden, der dann in die Wüste geschickt wurde) am liebsten alles auf „die Politiker“, „die Mainstream-Medien“, „die Staatsvirologen“ oder auch auf wahlweise „die Schlafschafe“ bzw. „die Covidioten“ schieben.

Ja, auch ich bin pandemiemüde, aber ich bin es noch mehr müde, dass uns das Grundvertrauen abhandengekommen ist. Ohne dieses Vertrauen kann die Gesellschaft nicht funktionieren, es findet eine Zersplitterung in lauter Einzelinteressen und Einzelsichtweisen statt, es heißt „Wer nicht für mich ist, der ist dann eben gegen mich!“

Es gab in den letzten Monaten Dinge, die gut gelaufen sind, es gab Maßnahmen, die es wert sind, hinterfragt zu werden und es gab Situationen, wo den Entscheidern alles entglitten ist. Wie seit Jahrhunderten. Die ganze Menschheitsgeschichte ist voll von Fehlern, Irrtümern, unheilvollen Entscheidungen. Und trotzdem ging es immer weiter. Sogar aufwärts. Oft wurde der Fortschritt sogar durch Entscheidungen beschleunigt, die sich im Nachhinein als falsch erwiesen haben.

Weil es immer, zu jeder Zeit, viel mehr Menschen gab, die vieles (nicht alles) richtig gemacht haben, die visionär vorangegangen sind, die andere mitgenommen haben auf ihrem Weg. Die fehlertolerant waren und vertraut haben. Weil es immer Menschen gab, die sagten „Wir haben keine Chance, also nutzen wir sie!“

Auf der persönlichen Ebene kann ich viele Bedenken und Meinungen verstehen und nachvollziehen, die von meiner derzeitigen Einschätzung stark abweichen, zum Beispiel, wenn eigene Erfahrungen dahinterstehen. Auch ich bin ja durch meine (Familien-)Biographie zu meiner Sichtweise gekommen. Die Shitstorms und die Intoleranz, die aber vor allem in den sozialen Medien daraus gemacht werden, die werde ich wohl nie kapieren.

Vielleicht fehlt im Augenblick vor allem Ehrlichkeit. Ehrlichkeit, sich und anderen einzugestehen, dass man selbst es auch nicht besser weiß oder entscheiden könnte. Und da sehe ich auch eine Lücke, in die manche unserer EntscheiderInnen springen müssten: Die Ehrlichkeit, zu Fehlentscheidungen zu stehen (die mitunter erst im Nachhinein als solche zu erkennen, manchmal aber auch von Anfang an fraglich waren). Zugeben, dass etwas nicht optimal war, statt Ausreden zu präsentieren.

Und Geduld ist auch nicht unsere Kernkompetenz. In einem Kommentar habe ich vor einigen Tagen geschrieben: „Wenn wir heute (hier in Deutschland/Mitteleuropa) einem Krieg in den Ausmaßen (sechs Jahre!) des zweiten Weltkrieges ausgesetzt wären, bräuchten die Gegner nur genügend Popcorn und sich dann genüsslich ansehen, wie wir uns gegenseitig zerfleischen…“

Wie gesagt: Auch ich kenne keine Patentlösung. Aber ich weigere mich, die Hoffnung aufzugeben und den Glauben daran, dass eine Gesellschaft zusammen sehr vieles schaffen kann.

Du stellst meine Füße auf weiten Raum

(Vorbemerkung: Wahnsinn, ich habe seit zwei Wochen nichts mehr geschrieben. Und genauso lange auch nichts mehr von euch Blognachbarn gelesen. Sorry. Aber ich brauchte diese kreative Pause, weil sich in meinem kleinen Spatzenhirn ein Gedanke eingenistet hatte, der meine gesamte Aufmerksamkeit beanspruchte: Ich möchte mich selbständig machen. Darauf gehe ich aber in einem anderen Artikel ein.)

Also. Der Spruch „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“ kam mir am Dienstag früh nach dem Aufstehen in den Sinn und hat mich seitdem nicht mehr losgelassen. Es ist eine kleine Momentaufnahme aus dem Psalm 31, der zweite Teil des Vers 9. Der Psalm wird König David zugeschrieben, und zwar dem alternden König, wie auch einzelne Verse nahelegen. Da spricht der Beter über die unterschiedlichsten Erfahrungen seines Lebens. Auch über Feinde, Götzenanbeter, Bedrängnis.

In Vers 9 heißt es komplett: „und übergibst mich nicht in die Hände des Feindes; du stellst meine Füße auf weiten Raum.“

Wirklich? Gerade in den letzten Wochen haben wir doch alles andere als „weiten Raum“. Kontaktbeschränkungen, Home Office und Home Schooling, Kitas geschlossen, kein Ausgehen, Gottesdienste nur digital, Kultur findet nur noch über Insta und Youtube statt… Aber wir haben trotz alledem Möglichkeiten gefunden. Wir waren gezwungen, unseren Alltag, liebgewonnene Gewohnheiten auf den Prüfstand zu stellen: funktioniert das alles tatsächlich nur so, wie wir es gewohnt sind? (Allein der Umwelt zuliebe hat die Umstellung bisher jedenfalls nur so lala geklappt) Oder gelingt es vielleicht doch auch ganz anders?

Zunächst hatten die Maßnahmen ja auch durchaus den klitzekleinen Nerv der Leute getroffen, der sich nach Entschleunigung sehnte. Teilweise wurde die neue Langsamkeit und Genügsamkeit sogar euphorisch gefeiert. Nicht nur ich, sondern viele andere Blogger auch verfielen in Schreibräusche, Kulturschaffende boten ihre Programme unentgeltlich im Netz an, in der Hoffnung, dass „nach Corona“ das Publikum sich an sie erinnert und dann auch Konzerte und Live-Shows besucht. Die leeren Straßen und der klare Himmel taten ihr übriges.

Nach einigen Wochen stellte sich heraus, dass eine gezwungene Dauer-Entschleunigung auch nicht das Wahre ist (und ich begreife eigentlich immer noch nicht, warum die Proteste genau dann losgingen, als die Maßnahmen gelockert wurden. Nach dem Motto: Schnell noch protestieren, ehe es überhaupt keinen Grund mehr gibt!) Manche fielen dann in umso tiefere mentale Löcher, auch ich hatte so eine Phase des Einigelns und Eigenbrötelns.

Zu einer Zeit, als weder Autoverkehr noch Flugscham, weder Verschwörungstheorien über eine „Neue Weltordnung“ oder Viren ein Thema waren, kannte auch der große und mächtige König David gute und schlechte Zeiten.

Es ist ja auch nicht so, dass er selbst immer ein Musterknabe gewesen wäre, denken wir nur mal an Bathseba. Aber in allem, was er gut oder falsch gemacht hatte in seinem Leben, er wusste sich immer geborgen bei Gott mit seiner Liebe und Güte zu den Menschen. David hat unzählige Höhen und Tiefen erlebt, das spiegelt sich auch im Psalm wider. Die Aussagen des Psalms verlaufen in Wellen, aber immer wieder kehrt er zu Gott zurück, immer wieder ruft er IHN an: du stellst meine Füße auf weiten Raum!

Im Rückblick auf eine lange Weltgeschichte würde ich sagen, diese Erkenntnis hat sich immer wieder durchgesetzt. In allen Beschränkungen und Bedrängnissen, welche die Menschheit durch Kriege, Seuchen, Naturkatastrophen und anderes durchgemacht hat. Menschen sind immer wieder gestärkt und mit neuem Mut aus diesen hervorgegangen, haben sich neue Wege gesucht, haben neue Ideen gehabt. Nicht immer zum Vorteil, aber das erkennt man nun mal häufig erst im Nachhinein. Leben kann man nur vorwärts.

Du stellst meine Füße auf weiten Raum. Eine Zusage und ein Versprechen. Es ist Zeit, diesen Raum neu zu erkunden. Oder, um es mit Gandhi zu sagen: „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt“. Ist zwar ein anderer Ansatz, aber dieselbe Grundhaltung.

PS: Das Beitragsbild ist 2009 auf Norderney entstanden. (Damals noch mit einer analogen Kamera und Film. Ich hatte mich lange Zeit der Digitalfotografie verweigert. Dieser „neue Weg“ war zu der Zeit nicht meiner🙃) Kathrin war mit knapp drei Jahren dort zur Kinderkur im Seehospiz und wir hatten an einem Wochenende die Flucht ins Naturschutzgebiet angetreten, weil es im Ort vor lauter Kegelclubs und Junggesellenabschieden nicht zu ertragen war mit kleinen Kindern. So sahen wir das Städtchen Norderney an dem Tag nur aus der Ferne und im Dunst, ohne die unappetitlichen Details vollkommen besoffener Menschen. Auch unsere Zukunft nehmen wir so ungefähr wahr, leichte Konturen, noch nicht ganz klar, ohne Details.

Ich glaube zu wissen?

Zunächst das Bild. Ich weiß nicht, wo es aufgenommen wurde, es könnte eventuell Boston oder Chicago sein, ist aber auch egal. Da steht diese kleine, hübsche, altmodische und standhafte Kirche im Schatten des mächtigen und modernen Wolkenkratzers. Aber sie duckt sich nicht, sondern steht dort gut gepflegt und selbstbewusst.

Es könnte ein Bild dafür sein, wie viele Menschen heute die Kirche bzw. den Glauben insgesamt sehen: Altertümlich anmutend, ewiggestrig und klein im Gegensatz zu dem modernen Leben, voll von Innovation und Technik. Und auch von der Größe her eher unbedeutend. Ich bewerte das jetzt mal bewusst nicht.

Sind Glauben und Wissen eigentlich unvereinbar? Oder gehören sie zusammen? Wenn ich sage „Ich glaube, wir haben kein Eis mehr im Eisschrank“, dann ist das eine total andere Ebene, als wenn ich sage „Ich glaube an Gott“. Ich muss nämlich nur nachschauen gehen, dann weiß ich sicher, ob meine Vermutung bezüglich Eis stimmt. Mit Gott ist das nicht so einfach. Wenn ich aber den Satz etwas anders formuliere: „Ich vertraue darauf, dass Gott da ist (und es gut mit mir meint)“, dann brauche ich ihn nicht zu verifizieren. Dann ist es meine persönliche Sichtweise, die erwartet, dass ich irgendwann in der Zukunft zu einem Zeitpunkt, der sich total meiner Kenntnis entzieht, eine Antwort bekommen werde.

Und bis dahin lebe ich mit Glaube, Hoffnung und Liebe.

Und jetzt du…

Bild- und Textkarten: ©Neukirchener Verlag (Bibliographische Angaben siehe Beitrag „Talk-Boxing“)

Und was, wenn die Zweifel kommen?

„Es war tief in der Nacht, kurz vor Morgengrauen. Wir waren nach einem langen, ereignisreichen Tag auf dem See unterwegs, in einem unserer Boote. Auf einmal kam ein stürmischer Wind auf. Merkwürdig, denn um diese Zeit schlief eigentlich auch die Natur. Sofort waren wir alle wach und auf dem Posten.

Doch was war das? Eine Bewegung auf dem Wasser, etwas kam auf uns zu! Wie ein wehender Mantel, eine gespenstische Erscheinung! Wir waren alle miteinander entsetzt, so etwas hatten wir noch nie gesehen. Die Furcht war ansteckend, ich glaube, wir schrieen ziemlich durcheinander. Doch da sprach die Erscheinung zu uns: ‚Habt keine Angst. Ich bin es. Es ist alles gut!‘

Mir fiel ein Stein vom Herzen. Und doch konnte ich es nicht so ganz glauben, deswegen rief ich ‚Herr, bist du es? Wenn du es wirklich bist, lass mich auf dem Wasser zu dir kommen!‘ ‚Dann komm!‘ antwortete er. Ohne nachzudenken setzte ich erst den einen, dann den anderen Fuß über die Bordwand. Ich hatte ihn fest im Blick, ich ging auf ihn zu. Aber dann bemerkte ich die hohen Wellen rings umher. Was tat ich hier? Das war doch unmöglich …

Prompt begann ich zu sinken, der brodelnde See würde mich gleich verschlucken. Da griff eine Hand nach meiner und hielt mich fest. Er fragte mich: ‚Warum hast du so wenig Vertrauen zu mir?‘ Diese Frage beschäftigte und beschämte mich noch lange danach. Gemeinsam bestiegen wir das Boot und gleichzeitig legte sich der Sturm. Wir alle knieten nieder und waren voller Ehrfurcht vor Ihm. So vieles hatten wir schon mit ihm erlebt und doch waren wir immer aufs Neue überwältigt. Er konnte nur der ersehnte Messias sein!“

(Nach Matthäus 14, 22-33)

Na, ich schätze, du kennst den Erzähler dieser Begebenheit. Es ist natürlich Petrus. Petrus, der immer treu zu Jesus stehen wollte. Petrus, der gern ein bisschen großspurig daherkam und seinen eigenen Anforderungen nicht so recht genügen konnte. Petrus, der Jesus schließlich verleugnete, als es für ihn selbst brenzlig wurde. Aber eben auch Petrus, dem Jesus so viel zugetraut hatte. Petrus, mit dem Jesus immer liebevoll und geduldig umgegangen war. Petrus, dem Jesus ganz direkt die Gemeinde anvertraut hatte, ehe er zum Himmel auffuhr.

Petrus ist eigentlich ein Mensch, den wir gut verstehen können. Denn in wohl jedem von uns steckt mehr oder weniger von seinem Charakter drin. Wir sind möglicherweise einmal wie Petrus von Jesus angesprochen worden: „Folge mir nach.“ Und wir sind gefolgt. Vielleicht zunächst aus Neugierde, dann mit wachsender Faszination für diesen so anderen Weg, den wir mit Jesus gehen dürfen. Auch wenn wir nicht immer verstanden haben, was Jesus eigentlich von uns und für uns will, wir haben gebrannt für Jesus, wollten ihm immer nahe sein.

Und doch, es gibt auch immer mal wieder Zeiten, da wissen wir nicht, ob es vielleicht doch ein Irrweg ist, ob es sich lohnt, gegen den Strom zu schwimmen. Da kommen Fragen und Zweifel. Und dann?

In den Tagen und Wochen jetzt, mit der Ungewissheit, was mit der Menschheit passiert, wie die Welt nach Corona (oder mit Corona auf Dauer) aussehen wird, da sind wir möglicherweise besonders anfällig, uns zu überlegen, wohin uns der Weg mit Jesus führt.

Zweifel kommen gern dann, wenn wir den Blick von Jesus lösen, wenn wir die Stürme des Lebens um uns herum verstärkt wahrnehmen, wenn wir vor allem bemerken, was alles gerade schief läuft. Dann fehlt uns das Vertrauen. Alle Sicherheiten, die wir uns aufgebaut haben, stehen auf dem Prüfstand und manches hält der Prüfung nicht stand.

In meiner westfälischen Heimat haben die Gemeinden, die in der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen zusammengeschlossen sind, ein allgemeines Glockenläuten jeden Abend um 19:30 Uhr beschlossen. Und ein Gebet verfasst, das zu dieser Zeit alle mitsprechen können. Dabei auch eine Kerze anzünden und ins Fenster stellen, als Zeichen der Hoffnung und Verbundenheit. Und auch als eine Art der Selbstvergewisserung, auf wen wir letztlich unser Vertrauen setzen. Das Vertrauen, das über den Zweifel die Oberhand behält oder erhält.

Mir fehlt für diesen Impuls gerade der zündende Schlusssatz. Ich schätze mal, das liegt daran, dass den Schluss oder die Schlussfolgerung, jede*r einzelne von uns für sich finden muss. Das geht nicht auf dem Verordnungsweg. Es kann auch das Gegenteil von Schluss sein, nämlich ein persönlicher Anfang, der Beginn eines Weges. Eines Weges mit Berg- und Taletappen, mit Stolpersteinen und Bänken zum Ausruhen am Wegesrand. Mit Sturzregen, Sturm, lauen Frühlingslüftchen, heißen und trockenen Tagen und manchmal auch grandiosen Ausblicken.

Habt einen schönen Sonntag und bleibt gesund. Und vor allem zuhause!

PS: Wenn du den Text des Gebetes haben möchtest, schreib mich über das Kontaktformular an.

Fake News?

Heute mache ich mich daran, vom Kirchentag zu berichten, genauer gesagt von einer sehr interessanten Podiumsdiskussion.

Der Titel lautete: Fake News. Die Wahrheit in Politik, Wissenschaft und Bibel

Diskutanten waren: Annette Kurschus, Präses der evangelischen Kirche von Westfalen, Petra Pau, MdB der Linken und Bundestagsvizepräsidentin sowie der Ägyptologe Antonio Loprieno. Das spirituell-musikalisch-kabarettistische Rahmenprogramm steuerte Duo Camillo bei. Wenn du dieses noch nicht kennst, schau mal bei YouTube:

Ganz am Anfang machte Moderatorin Annette Behnken (ev. Akademie Loccum) eine Bemerkung, die ich mir notierte, weil sie so schön rhetorisch zugespitzt klang. Nachgedacht habe ich aber erst im Nachhinein über die eigentliche Aussage, die dahintersteckt:

„Wer in der Flasche drinsteckt, kann das Etikett nicht lesen.“

Klingt zunächst einfach mal ganz logisch. Aber wenn man genauer hinschaut, heißt das auch: Jede/r einzelne von uns hat mindestens eine Flasche, wo er/sie drinsteckt. Ein Thema oder mehrere, die uns dermaßen antriggern, dass wir nicht mehr kühl und verstandesgemäß an dieses Thema herangehen, sondern eher dazu neigen, uns die Köpfe heißzureden, keine andere als die eigene Meinung zuzulassen, mit anderen Worten: fürchterlich intolerant zu sein. Zwei Themen kennt mit Sicherheit jeder von uns, die solche Trigger sind: Klima und Flüchtlinge (bzw. Seenotrettung)

Aber weil sie so triggern, gehe ich an dieser Stelle nicht darauf ein. Sondern bleibe bei der Veranstaltung. Und zwar bei den Statements, die für mich nachdenkenswerte Kernaussagen darstellten.

Zu Beginn legte Frau Kurschus dazu einen einzelnen kurzen Abschnitt aus dem Johannes-Evangelium aus, der das Dilemma eigentlich schon auf den Punkt bringt:

Da fragte ihn Pilatus: So bist du dennoch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme. Spricht Pilatus zu ihm: Was ist Wahrheit? (Joh. 18,37f)

Nun muss man dazu sagen, dass einen Vers vorher Jesus sagt „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“. Für Pilatus nur schwer zu verstehen und erst gar nicht nachvollziehbar. Aber es offenbart sich, dass er zumindest versteht: Gottes Wahrheit ist nicht die Wahrheit der Menschen. Wahrheit beruht auf Wahrnehmung.

(Und da beginnt das Problem bereits: Wir nehmen nicht alles gleich wahr. Ein Mann, der in prekären Verhältnissen lebt und alles versucht, seiner Familie trotzdem ein ordentliches Leben zu ermöglichen, dabei aber von einem Hindernis zum nächsten stolpert, hat ganz logisch eine vollkommen andere Wahrnehmung als der Vorstandsvorsitzende eines DAX-Unternehmens, der zusätzlich zu seiner Villa im Speckgürtel von München auch noch ein Chalet in St. Moritz und eine Finca auf Ibiza sein eigen nennt. Die Lebensrealitäten dieser beiden Beispielmenschen sind einfach so unterschiedlich, dass vermutlich kaum bis keine Berührungspunkte vorhanden sind. So habe ich versucht, mir unterschiedliche Wahrnehmung von Wahrheit zu erklären. Und dabei festgestellt: Keiner von uns Menschen ist im Besitz der absoluten, unerschütterlichen Wahrheit!)

Für Frau Pau stand im Mittelpunkt, dass es möglich und notwendig ist, wenn Menschen in bestimmten Dingen unterschiedlicher Meinung sind, diese aber gegenseitig zu respektieren, und wenn es Themen gibt, bei denen diese Menschen einig sind, dafür auch Seite an Seite gemeinsam einzustehen.

Als eindrucksvolles Beispiel für die verheerende Wirkung von Fake News (eine gute Definition, die auch die finanziellen Interessen an der Verbreitung darstellt, findest du auf der Seite: https://www.bpb.de/252386/was-sind-fake-news) stellte Frau Pau die Diskussion um den globalen Migrationspakt heraus. Die Entwicklung ist bei Wikipedia ganz ordentlich und differenziert dargestellt.

Antonio Loprieno, der sich in seiner Forschung unter anderem mit Ikonografie beschäftigt (z.B. der ägyptischen Bilderschrift, die sehr anschaulich wirkt), ist der Meinung, heute sei wahr, was vom sprachlichen Diskurs bestimmt wird, zum Beispiel ein Narrativ (Erzählung). Damit hat er garantiert nicht unrecht, funktioniert doch derzeit nicht nur die Werbung vor allem über Storytelling (TV-Spots von VW oder Coca Cola genauso wie Instagram-Accounts von Buchhandlungen, also im Großen wie im Kleinen). Wenn sich ein Präsident einer großen westlichen Macht mit dem Diktator eines asiatischen Staates an der Grenze trifft, dann erzählt er vorher genauso eine Geschichte (ein Märchen?), wie die Einladung zustande gekommen ist.

Wie erkenne ich denn eigentlich Fake News? Die Teilnehmer der Diskussion waren sich einig, dass man sie unter anderem daran erkennen kann:

  • Jemand verbreitet seine Meinung mit dem Anspruch, im „Besitz“ der einzigen, unabdingbaren Wahrheit zu sein.
  • Das Ziel ist, einzelne Menschen oder Menschengruppen mit der Meldung zu diffamieren, zu beschämen, auszugrenzen.
  • Ich ergänze: Ein Blick über den Tellerrand, eine Bewertung aus der jeweils anderen Perspektive findet nicht statt und ist auch nicht erwünscht.

In dem Zusammenhang fand ich eine Bemerkung von Frau Kurschus sehr ausschlussreich: Im griechischen Text des Neuen Testaments wird für das Verb „Weitergeben“ an zwei ganz unterschiedlichen Stellen derselbe Ausdruck verwendet: Bei der Abendmahlsliturgie des Paulus und beim Verrat des Judas im Garten Gethsemane. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Weitergabe kann sowohl positiv als auch negativ besetzt sein.

Ebenfalls nicht neu ist das Phänomen „Fake News“. Allerdings kann es sich durch die digitale Kommunikation viel schneller und effektiver fortpflanzen, „viral gehen“. Denn in weiten Teilen fehlt der Kontrollmechanismus, da kein direkter Gesprächspartner direkt eingreifen kann. Wenn mir der Mensch mit einer anderen Meinung gegenüber steht, sage ich nicht so einfach „Du A….loch“ wie ich es am PC, Tablet oder Smartphone schreibe, ohne meinem Gegenüber ins Gesicht sehen zu müssen. Und wurde vor 200 Jahren ein Brief geschrieben, dann dauerte es zwar auch unter Umständen Wochen bis zur Antwort und eventuellen Richtigstellung, aber den Briefwechsel bekamen nicht Millionen Menschen zu sehen. Wird heute etwas in den sozialen (?) Medien gepostet, dann ist die Reichweite wesentlich höher als bei einem Leserbrief in der Tageszeitung. Und es ist nicht ausradierbar….

Wichtig ist daher: Komplexe Themen können nicht mit 140 Twitterzeichen behandelt werden. Denn bei vielem kommt es auf Vertrauen an, und das ist nach wie vor analog!

PS: Mir gefällt der etwas altertümliche Ausdruck „Wahrhaftigkeit“.

Wahrhaftigkeit ist eine Denkhaltung, die das Streben nach Wahrheit beinhaltet. Wahrhaftigkeit ist keine Eigenschaft von Aussagen, sondern bringt das Verhältnis eines Menschen zur Wahrheit oder Falschheit von Aussagen zum Ausdruck. Die Wahrhaftigkeit kann falsche Aussagen nur durch einen Irrtum hervorbringen. Zur Wahrhaftigkeit gehört die Bereitschaft für wahr Gehaltenes zu überprüfen.

[Georg Klaus, Manfred Buhr (Hrsg.): Philosophisches Wörterbuch. 11. Aufl., Leipzig 1975]

Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt…

Eigentlich hat dieser Text nicht unbedingt etwas mit dem Gesangbuchlied zu tun. Aber ich habe mir den Text eben einmal genau durchgelesen. Abgesehen davon, dass ich mit Ausdrücken wie „Kampf und Sieg“ immer noch eine Gänsehaut bekomme, beschreibt er ganz gut, was in meinem Kopf umhergeistert.

Außerdem habe ich, neugierig wie ich bin, nachgesehen, was Wikipedia zur Begriffsdefinition sagt. Das sieht dann so aus:

Gemeinde (Kirchengemeinde) ist die Organisationsform der Kirchenglieder auf lokaler Ebene. Sie nimmt Aufgaben der Kirche wie das Halten von Gottesdiensten, Seelsorge, kirchliche Unterweisung und diakonische Aufgaben wahr. Der Begriff umfasst mehrere Elemente: Institution, Gesamtheit, Raum und Gemeinschaft, Konkretion, Ort.

Gemeinschaft ist definiert als überschaubare soziale Gruppe, deren Mitglieder durch ein starkes Wir-Gefühl eng miteinander verbunden sind – oftmals über Generationen. Sie gilt als ursprünglichste Form des Zusammenlebens und als Grundelement der Gesellschaft. Merkmal ist eine gewisse Abgrenzung gegen Außenstehende, eine deutliche Trennungslinie zwischen „Uns“ und den „Anderen“.

Wichtig, aber nicht unbedingt hilfreich, diese Definitionen im Hinterkopf zu haben.

Was sind wir denn eigentlich? Sind wir „nur“ eine lokale Organisationsform? Oder sind wir „Herausgerufene“ (Ecclesia), die sich  klar von allen anderen abgrenzen? Ist es wie beim lokalen Sportverein, wo man Mitgliedsgebühren zahlt und dann trainieren geht? Und im Wettkampf mit den anderen Mannschaften nur dann antreten darf, wenn man das Training regelmäßig mitmacht?

Germanys next Top Kirchengemeinde? – Sorry, heute habe ich kein Kreuz für euch?

Ja, ich weiß, das ist jetzt sehr überspitzt ausgedrückt. Ganz bewusst und provokant. Denn gerade in der Empfindung von Menschen, die (noch) nicht so sehr Insider sind, kommt es schon ziemlich nahe an das, was so manche erleben, die sich auf das Abenteuer „Gemeinde“ einlassen.

Vielleicht sollte ich mal nachschauen, was Jesus selbst zu dem Thema sagt. Er fordert uns nicht dazu auf, aus unseren eigenen Kräften heraus etwas tolles auf die Beine zu stellen. Er sagt nicht: „Leute, baut Gemeindehäuser und ladet die ein, die sowieso schon an mich glauben, das reicht.“ Er ist auch nicht der Meinung, dass wir „besser“ sind als der Rest der Menschheit.

In der Bergpredigt schärft er seinen Zuhörern ein: „Selig sind, die geistlich arm sind, denn ihrer ist das Himmelreich“ Geistlich arm, was bitte ist das denn? Nur wer einen begrenzten IQ hat? Okay, das heißt es natürlich nicht. Es geht um die Erkenntnis, dass wir Menschen nun mal zeitlich und auch verstandesgemäß begrenzt sind. Dass wir an viel zu vielen Stellen einfach nicht den Durchblick haben, dass wir es mit Gott nicht aufnehmen können und es auch überhaupt nicht müssen! ER baut sein Haus. Wir sind nur die Bauhelfer.

Jesus stellt sich auch keinen exklusiven Country-Club vor. Im Gleichnis vom großen Gastmahl stellt er fest, dass diejenigen, die ursprünglich eingeladen waren, tausend Ausreden haben, nicht zu kommen. Und dass deswegen diejenigen hereingeholt werden sollen, die „draußen“ unterwegs sind, die nicht „dazugehören“.

Und er erteilt ganz am Ende seiner irdischen Zeit den Auftrag, hinaus in die Welt zu gehen und die Völker in die Jüngerschaft zu holen. In unserem kleinen Gemeindekosmos bedeutet das: Ladet diejenigen ein, die noch nicht kommen.

Wir sollen aktiv werden und nicht abwarten, bis die Menschen von sich aus kommen und sagen „Jetzt bin ich so weit. Ich glaube bereits, was ihr glaubt, jetzt will ich auch dazugehören.“

Und dann sagt er noch: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Wir laden ein, wir lehren auch, wir taufen. Aber das, worauf es wirklich ankommt, bewirkt ER. Nicht wir.

Ich wünsche mir Gemeinden, in denen wir die Menschen einladen, egal, ob sie sich schon mit Jesus auf den Weg gemacht haben, egal, wie weit sie schon auf dem Weg sind, egal, wen sie lieben. Wir laden ein, zu uns zu gehören. Der Rest wird dann kommen (Geduld…!)  Nicht „von allein“, sondern durch unsere offene Haltung und vor allem durch das Wirken unseres Herrn Jesus Christus. Auch wenn wir es nicht immer merken, ER ist bei uns. Auch dann (welche Überraschung), wenn wir ihn nicht in jeder Unterhaltung mindestens erwähnen. Wir müssen seinen Namen nicht jederzeit im Überfluss nennen, um uns dessen gewiss zu sein.

Am letzten Wochenende habe ich eine solche Gemeinschaft erleben dürfen. Einige Familien/Paare aus unserer Gemeinde haben sich zusammengeschlossen, um ein Wochenende gemeinsam zu verbringen, mit Spielen, Unterhaltungen, Singen, Kochen und Essen, mit Spaß und auch mit Andachten, Bibelarbeit und Gottesdienst. Diejenigen, die bisher keinen Zugang zum Glauben gefunden haben, waren frei darin, sich aus allem auszuklinken, was sie zu dem Zeitpunkt nicht für sich annehmen konnten. Und trotzdem waren sie vollwertige Mitglieder der Gruppe. Jeder brachte sich ein mit individuellen Talenten, Interessen und tat, was gerade „dran“ war.

Diese Gemeinschaft auf Zeit erinnerte mich an das paulinische Bild: Gemeinde als einen Leib, jeder ist ein Körperteil, hat seine spezifischen Funktionen, und Christus ist das Haupt. Nicht jeder Körperteil hat eine direkte Verbindung zum Haupt, und doch gehören sie zusammen.

Wir müssen auch nicht immer einer Meinung sein. „Eins sein“ in Christus lässt Vielfalt zu. Wir sind aber dazu aufgefordert, uns gegenseitig in Respekt und Wertschätzung, kurz: in Liebe zu begegnen und zu „ertragen“! Unmöglich? Eher nicht. Schwierig umzusetzen? Unbedingt. Scheitern inklusive. In jedem Fall die ultimative Herausforderung, so wie der gesamte Glaubensweg eine Herausforderung ist.

Um noch einmal auf das Schiff zurückzukommen… Natürlich gibt es Offiziere, aber auch Maschinisten, Matrosen, Ausguck, Funker, Stewards, Smutjes und auch Fahrgäste. Alle gehören dazu, auch die, die noch an Land vor der Gangway stehen und überlegen, ob sie seefest sind. Der Käpt’n ist Jesus, er bringt uns ans Ziel.

 

 

Nur mal so ein Gedanke….

Am Frühstückstisch, ehe der Tag so richtig losgeht, führen wir manchmal die besten Gespräche. Vorgestern war so ein Gespräch.

Warum fällt uns Glauben oft so schwer? Ich meine jetzt den Glauben an einen liebenden Gott, an Jesus Christus, der schon alles getan hat, damit wir nicht verloren sind. Wir sind so aufgeklärt, wir lassen nur zu, was der Verstand uns als schlüssig freigibt. Glauben ist irrational, er kann nicht mit wissenschaftlichen Methoden vermessen, qualifiziert und eingeordnet werden. Glauben unter Laborbedingungen ist nicht möglich.

Aber wenn wir uns verlieben, ist es genau umgekehrt. Wenn uns dann ein misanthropischer Zeitgenosse sagt, ach das ist alles nur Chemie, das sind die Hormone, Testosteron und Östrogen, da sind Adrenalin und Oxytocin und wie die Stoffe alle heißen in einem wilden Cocktail am wirken, sonst nix, dann ist uns das ganz egal. Was wir spüren, sind Schmetterlinge, ein wunderschönes, warmes Gefühl, wir möchten die ganze Welt umarmen und von morgens bis abends singen. Der Verstand rutscht einige Etagen tiefer… und wir finden das total in Ordnung.

Wie gesagt, nur mal so ein Gedanke.

Wo wohnt eigentlich Gott?

Diese Frage habe ich gestern Abend in unserem FAQ-Gottesdienst gestellt. FAQ kennt Ihr alle. Frequently asked Questions, immer wieder gestellte Fragen. Das Gottesdienst-Format ist primär an Jugendliche gerichtet (was auch unter anderem deutlich an der musikalischen Ausrichtung hörbar ist), aber es lockt auch zunehmend Eltern und andere Gemeindemitglieder an, was uns sehr freut. Denn die Fragen zu Gott, dem persönlichen Glauben, den großen Themen des Lebens hören doch nicht auf, wenn man 18 geworden ist, wenn man selbst Kinder oder sogar schon Enkelkinder hat…

Nur leider traut man sich dann oft nicht mehr, zu fragen. Warum eigentlich nicht? Ich hab doch nicht die Weisheit mit Löffeln gefressen, bloß weil ich älter geworden bin…

Zurück zur Ausgangsfrage. Es gab eine Umfrage im Gottesdienst, die zwar nicht repräsentativ war, aber die Antworten kommen überall und immer wieder. Von „Überall“ über „im Himmel“ bis „in mir“ ging die Bandbreite, und ich möchte betonen, dass es in dieser Frage eigentlich keine besonders falschen und keine „richtigeren als andere“ Antworten gibt! Ich habe versucht, diesen Antworten mal an der Bibel entlang und an menschlichen Ansichten ausgerichtet auf den Zahn zu fühlen.

In der Umfrage ging es zunächst um Menschen, die wir sehen, hören, anfassen, riechen (okay, manchmal können wir bestimmte Leute auch nicht „gut riechen“…) können. Bei Gott ist das ungleich schwieriger, denn er ist für uns nicht verfügbar. Aber: Wenn Gott für uns wie ein liebender Vater ist, dann brauchen wir doch einen Ort für unser Zuhause bei Ihm, oder?

Wo könnte Gott also wohnen?

Bei kleinen Kindern sieht das noch ganz einfach aus. Fragt man Kindergartenkinder und bittet sie, ein Bild dazu zu malen, dann bekommt man eine Wiese mit Haus und Baum und Mensch, darüber den blauen Himmel mit Wolken und Sonne, und darüber thront Gott, gern als alter Mann mit weißem Gewand und Rauschebart.

Das mit dem „oben drüber“ ist übrigens gar nicht so weit hergeholt, denn auch in der Bibel wird Gott gern über den Menschen angesiedelt, zum Beispiel auf Bergen. Mose hat beispielsweise die 10 Gebote auf dem Berg Sinai bei einem Meeting mit Gott bekommen (2. Mose 19,20 – 20,20)

In der Grundschule wird auch gern ein Bild von einer Kirche gemalt. Auch dafür gibt es biblische Belege: Solange die Israeliten in der Wüste unterwegs waren, hatten sie ein  besonders schönes Zelt, dessen Bauplan und genaue Ausgestaltung Gott selbst ihnen vorgegeben hatte (nachzulesen in 2. Mose 25 und folgende).

Als sie dann das Land Kanaan in Besitz genommen hatten, baute der weise König Salomo in Jerusalem auf dem Berg Zion einen sehr prachtvollen Palast für den HERRN: Den Tempel. Als Salomo dann den fertigen, wirklich riesigen Tempel einweihen sollte, erkannte er aber: So groß dieser Tempel auch ist, Gott ist viel größer als jedes Haus, das Menschen bauen können! (1. Könige 8,27)

Von der Vorstellung, dass Gott im Tempel wohnt, konnten sich die Menschen trotzdem nicht lösen. Irgendwie ist das ja auch menschlich. Als dann später in der Geschichte Israels die Babylonier Israel und Jerusalem eroberten und dabei auch den Tempel zerstörten, waren die Israeliten überzeugt, das sei eine Strafe Gottes für ihren Ungehorsam und er hätte jetzt seinen Wohnort auf Erden verlassen. Das schlechte Gewissen ist also auch keine moderne Erfindung…

Komme ich auf die Kirche zurück: Es gibt ja weltweit unendlich viele Kirchen. Allein in Deutschland sind es irre viele. Katholische, Evangelische, viele verschiedene Freikirchen, kleine und große, schlichte und prächtige, Dome und Gemeindehäuser. Und in welcher davon wohnt Gott nun? Mag er lieber nordkirchliche Backsteinschlichtheit, Gelsenkirchener Barock oder prächtige Wallfahrtskirchen? Hat er vielleicht sogar eine Weihrauchallergie? (Ja, diese Frage ist durchaus provokant!) Singt er lieber Choräle, Gospel oder Lobpreis? Steht er auf Liturgie oder bevorzugt er eher freie Formen?

Ihr ahnt es vielleicht: Im Lauf der Geschichte gab es viel Streit unter Christen, weil es immer mal wieder Strömungen gab, wo Gemeinden fest davon überzeugt waren, dass Gott allein in ihrer Kirche wohnen könne, weil allein sie alles „richtig“ machen würden. Schwierige Sache….

Viele sagen, Gott lebt überall in der Natur, in jeder Pflanze, jedem Tier, jedem Insekt, in Wasser, Boden und Luft. Gehen wir dazu an den Anfang der Bibel, dann lesen wir in 1. Mose 3,8: „Am Abend, als ein frischer Wind aufkam, hörten sie (Adam und Eva), wie Gott, der HERR, im Garten umherging.“ (Hoffnung für Alle-Übersetzung) Gott machte seinen Abendspaziergang durch den Garten Eden. Und dabei freute er sich ganz bestimmt an allem, was er geschaffen hatte. Ich mag die Vorstellung, dass Gott ein begnadeter Gärtner war. Erschreckend nur, wie wir heute mit seiner Schöpfung umgehen!!!

Jetzt mache ich einen Sprung ins Neue Testament, sonst wird das hier ein Roman.

„Das Wort wurde Mensch und wohnte unter uns“ steht zu Beginn des Johannes-Evangeliums (Joh. 1,14). „Das Wort“ war ein anderer Begriff für Gott. Als er Mensch wurde, kam Jesus zur Welt. Jesus, der irgendwann seinen Beruf als Zimmermann aufgab und Wanderprediger wurde. Der einmal von sich sagte: “ Die Füchse haben ihren Bau, die Vögel ihre Nester, aber der Menschensohn (Damit meinte er sich selbst als vollkommen menschliche Person) hat keinen Platz, an dem er sich ausruhen kann.“ (Matthäus 8,20). Er sah sich als Heimatlosen.

Einerseits. Andererseits sagte er auch: „Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Ich gehe dorthin, um alles für euch vorzubereiten. Und wenn alles bereit ist, werde ich kommen und euch zu mir holen. Dann werdet auch ihr sein, wo ich bin.“ (Johannes 14, 2-3)

Das gilt im Übrigen auch heute noch für uns. Wenn wir auf Jesus vertrauen, dann werden auch wir einmal dort wohnen, mit Gott gemeinsam und mit vielen anderen, die den Weg schon gegangen sind.

Dafür war es notwendig, dass zunächst Jesus selbst den Weg gehen musste, den schwersten aller Wege, den Weg ans Kreuz. Aber er blieb nicht dem Tod ausgesetzt, er erstand nach drei Tagen auf. Und nach seiner Auferstehung, nachdem er seinen Freunden noch eine ganze Reihe Tipps gegeben hatte, wie sie alles auf die Reihe kriegen, segnete er sie noch einmal und „entfernte sich von ihnen und wurde zum Himmel emporgehoben.“ (Lukas 24, 51+51) Übrigens steht an der Stelle von „Himmel“ in der englischen Bibel das Wort „Heaven“, nicht „Sky“. So differenziert ist das im Deutschen leider nicht.

Aha, da ist sie wieder, die Vorstellung von „oben“. Ihr seid alle aus dem Alter raus, wo ihr Gott auf eine Wolke gemalt habt. Dank der atemberaubenden Fotos von Alexander Gerst aus der ISS wissen wir alle, wie es im Weltall aussieht. Aber wo soll da Gott sein?

Ein Astronaut und ein Gehirnchirurg unterhielten sich einmal. Der Astronaut sagte: „Ich habe die unendlichen Weiten des Weltalls durchflogen, aber Gott habe ich nirgends gesehen.“ Das antwortete der Gehirnchirurg: “ Ich habe schon hunderte von Gehirnen operiert, aber noch nie habe ich einen einzigen Gedanken entdeckt!“

Aha. Gott kann man ebenso wenig sehen wie Gedanken. Oder Gefühle. Gefühle siedeln wir im Herzen an oder in der Seele. Gedanken im Kopf. Und wenn wir Gott zunächst in unseren Gedanken bewegen und er dann irgendwann sogar ins Herz rutscht und wir ihn dort fühlen, dann ist es doch ganz logisch, dass Gott dort auch wohnt.

Das nennt man dann „Glauben“. Nicht im Sinn von: Ich glaube, morgen regnet es. Dafür haben wir unsere Wetter-App. Sondern: Ich vertraue ganz fest (und manchmal auch leider gar nicht so fest, aber auch das ist in Ordnung) darauf, dass auch ich für Gott Heimat sein kann, mit allen meinen Macken und Fehlern.

Paulus sah das ziemlich ganzheitlich, denn in der alten Kultur des nahen Ostens waren Leib, Seele und Herz eine besondere untrennbare Einheit. Er sagte zu den Christen in Korinth. „Denkt also daran, dass Ihr Gottes Tempel seid, und dass Gottes Geist in euch wohnt. […] Gottes Tempel ist heilig und dieser Tempel seid Ihr.“ (1. Korinther 3, 16-17).

Ist das nicht genial? In den großen Tempel von Salomo passte Gott nicht hinein, aber in unser kleines Herz! Wir müssen ihn nur hineinlassen.

 

 

 

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