Vor-Urteile und Whataboutism

Für mich sind diese beiden sehr große Übel unserer Zeit. Denn in den letzten Monaten bin ich immer wieder darauf gestoßen, dass Menschen (oder auch Situationen) mit einem Blick be- oder verurteilt werden. Noch schlimmer: ich habe auch an mir selbst festgestellt, dass es nicht immer möglich oder zumindest nicht einfach ist, sich selbst davon freizusprechen.

Fangen wir mal mit Diskussionskultur an. Für mich war es immer ganz normal, dass andere Menschen mal meine Ansichten teilten und mal nicht. In Bezug auf Corona bin ich aber dünnhäutig geworden, da geht es schnell ans Eingemachte, wir alle kennen es mehr oder weniger, dass die Mentalität „Wer nicht für mich ist, ist gegen mich“ sich schnell durchsetzen kann. Aber auch in viel normaleren Zusammenhängen beobachte ich, dass es immer seltener passiert, dass jemand sagt: „Eigentlich ist … nicht meine (politische Einstellung, Glaubensgerüst, Geschmack…), aber in diesem Fall … kann ich die Position des Gegenübers oder einer dritten Person nachvollziehen oder sogar teilen.“ Kompliziert, ich weiß, aber ihr seid ja alle denkbegabte Leute.

In Zeiten, wo die gesamte CDU von Teilen der Gesellschaft wahlweise als „links-grün-versifft“ oder als „ein einziger korrupter Haufen“ angesehen wird (ohne Ansehen der einzelnen Postionen oder Personen), wo „Mainstream“ nur noch als Schimpfwort benutzt wird (das eigentlich relativ wertfrei nur etwas bezeichnet, was den Geschmack von großen Anteilen einer Gesellschaft trifft: die Tageszeitung mit den vier fetten Buchstaben ist demnach genauso Mainstream wie die andere vierbuchstabige, die nur wöchentlich erscheint, aber die Leserschaft dürfte mehrheitlich recht unterschiedlich sein), obwohl auch das demokratische System eine Art Mainstream darstellt durch die Mehrheitsverhältnisse; in diesen Zeiten ist das „sowohl-als auch“ häufig einem gnadenlosen „Entweder-oder“ gewichen. Jemandem, der offensichtlich anders tickt, einen Gedanken zugestehen, der sich mit meinem deckt, oder noch schlimmer: jemandem, mit dem ich eigentlich gut klarkomme, eine Fehlentscheidung oder eine menschliche Schwäche durchgehen zu lassen, ist nicht mehr sexy.

Wenn man selbst beispielsweise eine Partei präferiert, aber ein Repräsentant des politischen Gegners einen wertvollen Denkansatz oder eine nachvollziehbare Argumentation vorlegt, ist es für sehr viele Menschen schwieriger bis unmöglich geworden, dem zu folgen, auch wider den gesunden Menschenverstand. (Selbst über die Bedeutung dieses Wortes gibt es ja inzwischen wenig Konsens!)

Wenn ich zum Beispiel in den sozialen Netzwerken Beiträge von Anbietern im christlichen Bereich lese, kann ich schon fast Wetten darauf abschließen, wie je nach Ausrichtung (als Gegenparts zum Beispiel evangelisch.de einerseits oder Idea Spektrum andererseits) die Kommentare und Beleidigungen(!) aussehen, die sich LeserInnen der Portale gegenseitig an den Kopf schreiben. Kein Respekt für Meinungsvielfalt (oder unterschiedliche Glaubenswege). Jeder meint, den wahren Glauben gepachtet zu haben.

Ein bisschen erinnert mich das an die Geschichte mit den Blinden, die einen Elefanten ertasten sollen, und je nachdem, welchen Körperteil sie berühren, den armen Elefanten für alles mögliche halten, nur nicht für das, was er tatsächlich ist.

Ebenso ist es mit den Beurteilungen: Wir sehen einen Menschen (den wir ansonsten überhaupt nicht kennen) in einer bestimmten Situation. Aus dem, was wir in einem recht kurzen Abschnitt seines Lebens mitbekommen, ziehen wir Rückschlüsse. Oft die falschen. Ein Beispiel: Eine Mutter, die im Linienbus mit ihren quengelnden Kindern die Geduld verliert. Wie schnell ist das (Vor-)Urteil da, dass diese Frau nicht geeignet ist, Kinder zu erziehen? Und wie gering ist die Bereitschaft, zu überlegen, ob die Frau eventuell gerade selbst schwer erkältet ist, eigentlich ins Bett gehört, aber niemanden hat, der sich in der Zeit um die Kinder kümmert? Oder: Beim Einkaufen begegnet uns immer wieder dieser unfassbar griesgrämige Mann, dem man nichts recht machen kann. Wir halten ihn für einen misanthropischen Kauz, dabei könnte es genauso gut sein, dass er frisch verwitwet ist und sich in einer für ihn ganz neuen Situation zurechtfinden muss?

Natürlich, es gibt die Fälle, in denen wir uns fragen (müssen), ob wir irgendwie einschreiten müssen, ob es sein kann, dass Eltern ihre Kinder misshandeln, wenn wir ein Kind immer wieder mit blauen Flecken sehen, und auch das ist wichtig. Aber was mir Sorgen bereitet, ist die Tatsache, dass sich ein Grundmisstrauen gegenüber eines Grundvertrauens in vielen Lebensbereichen durchsetzt. Dass uns ein guter Instinkt oder das richtige Bauchgefühl immer mehr abhanden kommen, um angemessen zu reagieren.

Heute ist Ostersonntag, der zweite im Corona-Modus. Eigentlich könnte ich heute etwas schönes, optimistisches und Mut machendes schreiben. Noch eigentlicher wollte ich heute gar nichts schreiben und auch ganz woanders sein als vor meinem PC. Aber das ist mindestens eine andere Geschichte und die erzähle ich vielleicht am nächsten Wochenende. Die Gedanken von heute drängten ans Tageslicht.

Doch noch so viel: Unsere Kirchengemeinde ist in einem Jahr unheimlich kreativ geworden, um trotz allem die frohe Botschaft an die Menschen zu bringen:

Der HERR ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden!

Und ich möchte ergänzen: er hat nie den einfachen Weg gewählt, sondern ist immer dort hingegangen, wo es wehtat.