In die Gegend gedacht

Nach der Bücher-Challenge brauchte ich eine Pause. Es ist doch anstrengend, wenn auch nicht körperlich, jeden Tag einen Beitrag rauszuhauen oder für mehrere Beiträge vorzuschreiben, quasi auf Kommando. Wobei ich mich nicht beschweren will, denn es hat mich niemand gezwungen, mitzumachen. Es ist nur anders als einfach ins Blaue zu schreiben, wie der Schnabel gewachsen ist, weil gerade eine Idee im Kopf Form annimmt. Trotzdem hat ein vorgegebenes Thema Vorteile, weil man sich auch mit ungeliebten Gedankengängen beschäftigen muss. Denn das ist eine Qualität, die wir durch die diversen Filterblasen und Algorithmen der „sozialen“ Medien zunehmend verlernen oder zumindest vermeiden.

Jetzt ist es Samstag, 10:26 Uhr, und ich sitze hier schwitzend vor dem PC. Um 6 Uhr bin ich aufgestanden, habe Kaffee gekocht, die Gemüsepflanzen draußen ausgiebig gewässert und etwas Zeitung gelesen. Immerhin ist Samstag. Nach dem Frühstück habe ich im Nachthemd (unbestrittener Vorteil, wenn man einen großen und eingewachsenen Garten hat) die Terrasse gefegt, weil sie noch im Schatten lag. Duschen und Einkaufen folgte. Und eben habe ich zumindest noch das kleine Stück Wiese an der Terrasse gemäht, weil wir heute Abend mit allen Kindern und Schwiegerkindern grillen wollen. Als wir das verabredet hatten, haben wir im Traum nicht damit gerechnet, dass der Sommer 2020 mit Temperaturen jenseits der 30-Grad-Marke um die Ecke kommt. Naja, ist eben HOCHsommer.

Blick aufs Handy, der DWD sendet eine Hitzewarnung der Stufe 1. Da wäre ich ohne nicht drauf gekommen. Immerhin war um 9:30 Uhr schon 25 Grad im Schatten. Das Regionalforstamt OWL lässt ab heute Waldbrandkontrollflüge über die Senne und den Teutoburger Wald fliegen, also auch bei uns hier. – Ich brauche die Hitze jetzt echt nicht mehr. War ich im Frühjahr durch die kaputten Sehnen gehandicapt, steckt mir jetzt die Hitze in den Gelenken. Wieder komme ich im Garten nicht so weiter wie ich es vorhatte. Die Wildnis nimmt überhand, inzwischen finde ich es nicht mehr ganz so schön wie vor drei Monaten. Aber meckern hilft ja auch nicht, also freue ich mich an Blumen und Kräutern, die unvermutet irgendwo wachsen, ernte Brombeeren und versuche, hier und da den Wildwuchs in die Schranken zu verweisen. Momentan mit mäßigem Erfolg.

Wenn ich ehrlich bin, ist das Lamentieren über zu viel Vegetation ein Jammern auf ziemlich hohem Niveau, verglichen mit vielen Dingen, die auf der Welt geschehen. Ich bräuchte so viele Köpfe wie Medusa Schlangen auf dem Haupt trägt, um sie alle zu schütteln, wenn ich an die Demo in Berlin letzte Woche denke. Für mich persönlich ist es das Bedenklichste daran, dass Menschen, die teilweise berechtigte Anliegen vertreten und Finger in Wunden der Corona-Politik legen (die es ja tatsächlich gibt, denn auch die Politik tastet sich vorsichtig durch unbekanntes Terrain), keinerlei Scheu haben, mit Extremisten jeglicher Couleur, Verschwörungsideologen und solchen, die demokratische Prozesse am liebsten nutzen würden, um die Demokratie abzuschaffen, gemeinsam aufzulaufen. Das kann ich einfach nicht nachvollziehen.

Angesichts der menschlichen, wirtschaftlichen und letztlich auch sich anbahnenden politischen Katastrophe in Beirut kann ich nicht anders als dankbar sein, hier im recht sicheren Deutschland zu leben. Was da alles auf die sowieso schon instabile Region Naher Osten zukommt, können wir heute überhaupt noch nicht absehen. Aber es tut gut, wenn ich mitbekomme, dass Menschen aus den unterschiedlichen Gegenden des Libanon nach Beirut reisen, um beim Aufräumen zu helfen. Es tut gut, dass auch viele Staaten helfen, obwohl sie an der heimischen Corona-Front alle ihre eigenen Probleme haben. Es tut gut, dass angesichts des großen Leides sogar die mit dem Libanon verfeindeten Staaten Israel und Iran mit anpacken wollen, auch wenn man getrost vermuten darf, dass sie es nicht ganz uneigennützig tun.

Vieles geht mir durch den Kopf, wenn ich dieser Tage Zeitung lese oder Nachrichten schaue. Manches werde ich in der nächsten Zeit mal hier anreißen. Auch Themen, über die man zurzeit gern unterschiedliche Meinungen haben darf. Aber immer mit Respekt dem anderen gegenüber und der Bereitschaft, sachlich zu argumentieren.

Gartenrückblick 2019

So sah es vor ein paar Tagen früh morgens im Garten aus. Nachtfrost hatte das über den Sommer zu lang gewachsene Gras in ein kleines Kunstwerk verwandelt.

Beim Aufräumen meiner Fotofestplatte sind mir wieder einige Momentaufnahmen des Gartenjahres 2019 begegnet, die exemplarisch dafür sind, was ich dieses Jahr alles nicht getan habe. Aber sieh selbst:

20190615_112831

Mein Rosenbogen, den ich vor einigen Jahren aus der alten Leiter gebaut habe (davon existieren auch Fotos auf dem Blog, in der Seitenleiste rechts…). Da ich im April mit dicken Fingern zu kämpfen hatte, habe ich die Rosen nicht zurückgeschnitten. Sie dankten es mir mit einer schier unendlichen Blütenfülle den ganzen Sommer über.

20190628_185124

Direkt in der Nachbarschaft der Rosen gediehen die Disteln sehr gut. Meine Hoffnung, dass sich viele Schmetterlinge dort wohlfühlen würden, hat sich allerdings leider nicht erfüllt. Trotz raupenfreundlicher Brennesseln und anderer Futterpflanzen gab es 2019 viel weniger Schmetterlinge in meinem Garten. Ich hoffe sehr, das geht nächstes Jahr nicht so weiter… 😦

20190614_164044

In einer anderen Ecke gingen Rosen, Brombeeren und Brennesseln eine wehrhafte Lebensgemeinschaft ein. Ich muss wohl nicht extra erwähnen, dass es sehr schmerzhaft war, sie bändigen zu wollen. Aber sieht ziemlich idyllisch aus, finde ich.

DSC05657

Überhaupt, diese Rosen… Diese riesige Wildrose ist über die Jahre aus einem kleinen Wurzelrest einer veredelten Rose entstanden, die ich ungefähr im Jahr 2009 entfernen musste, weil sie vor sich hin kümmerte. Muss wohl eine Astrid-Lindgren-Rose sein („Sei frech, wild und wunderbar“)

Inzwischen dienen ihre Hagebutten den Vögeln als Winterfutter, im Sommer fühlte sich dort allerlei Kleingetier wohl:

309.jpg

Dieses Prachtstück

DSC04752

ist eine Damaszenerrose, die mindestens ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel hat. Sie existiert, seit ich denken kann. Vor ungefähr 20 Jahren habe ich sie umgepflanzt. Ein Experiment, das zum Glück gelungen ist. Und eine logistische Leistung, denn ich musste fast einen Bombenkrater buddeln für den Wurzelstock. Die Schubkarre reichte kaum für den Transport. Die Rose blüht zwar nur einmal im Jahr, aber der Duft….

20190616_184937

Eher durch Zufall ist diese Kombination entstanden. Die Rose habe ich gepflanzt an der Stelle, der Fingerhut ist auf einmal dort gewachsen, und der Farn sowie das Pfennigkraut breiten sich sowieso ungefragt überall aus.

DSC06512

Auf dem ehemaligen Sandplatz (dort lagerten wir den Bausand während der Bauarbeiten auf dem Hof) wächst alles langsam wieder zu. Außer schnödem Gras fühlen sich dort auch Hornveilchen, Günsel und wilder Meerrettich wohl.

Ach, wenn ich diese Bilder sehe, mag ich meinen wilden Garten eigentlich ganz gern. Und viele Tiere auch. Trotzdem gibt es im Frühjahr 2020 einen neuerlichen Versuch, die Wildnis ein bisschen zumindest einzufangen. Aber jetzt kommt erstmal der Winter, Zeit zum Planen…