In Gottes Dunkelkammer

©Pixabay

Na, das ist aber Old School, denkst du vielleicht jetzt. Dunkelkammern, wer braucht die denn noch? Oder vielleicht sogar: Was ist das überhaupt, eine Dunkelkammer?

In einer anderen Zeit, bevor es Digitalfotografie gab, legte man Zelluloidfilme in seine Kamera, wenn man fotografieren wollte. Da passten dann 12, 24, 36 oder in der Luxusvariante auch mal 72 Fotos drauf. Und wenn man wissen wollte, ob die Bilder gelungen waren, musste man den Film in ein Labor geben oder selber in die Dunkelkammer gehen, zum Entwickeln des Films.

In ziemlicher Dunkelheit und mit stinkigen Chemikalien. In einer bestimmten Reihenfolge wurde der Film durch Bäder mit chemischen Lösungen gezogen, zwischendurch musste er immer wieder trocknen und es durfte kein Licht in die Dunkelkammer geraten. Viel Geduld brauchte es dafür, genau wie Konzentration, und wenn man Pech hatte, waren einzelne Fotos „nichts geworden“, weil sie überbelichtet oder verwackelt waren oder weil sie einen doofen Bildausschnitt hatten.

Aber was hat das denn mit unserem Glauben zu tun? Manchmal eine ganze Menge. Der Ausdruck stammt auch übrigens nicht von mir, er ist mir bei einem Willow-Creek-Kongress begegnet, in einem Vortrag einer australischen Gemeindeleiterin. Und seitdem nicht aus dem Kopf gegangen.

Erstens, weil es beruhigend ist, dass nicht nur ich kleine und unwichtige Person aus Porta Westfalica mich manchmal so fühle, sondern dass es auch international bekannten Größen aus den Mega-Churches passieren kann. 

Zweitens, weil die letzten eineinhalb Jahre mir teilweise auch so vorkamen. Durch Corona und die Lockdowns gab es einen Zustand, der an die finstere und muffige Dunkelkammer erinnerte. Es ging nicht weiter, es gab keine Entwicklung; alles, was wir in den letzten Jahren geplant und eingeführt hatten, lag brach und war verloren. Nichts geworden! Wir hatten Kinder mit Freizeiten begeistert, Jugendliche an die Arbeit mit den Kindern herangeführt, nicht wenige hatten sogar die Basix-Schulungen mitgemacht. Und nun konnten wir bei aller Motivation nicht weitermachen.

Und dann schwand diese Motivation mit der Dauer der Einschränkungen.

Und das ja nicht nur bei der Jugendarbeit. Ob in Schule oder Beruf, in Sportvereinen, Feuerwehr oder Skatrunden, alles stand still, nirgendwo gab es Möglichkeiten für Beschäftigung und Treffen.

Ich weiß nicht, was diese Zeit für dich und deinen Glaubensweg bedeutete, für mich bedeutete es zunächst viel Gebet, Zeit zum Nachsinnen oder auch kreatives Herangehen. Mit der Dauer der Pandemie hatte ich jedoch das Gefühl, alle kreative Energie würde sich verflüchtigen, ich hätte längst genug nachgedacht und mein Gebet würde ungehört verhallen. Die Zeit der Lockdowns erwies sich nicht nur als Chance zur Verlangsamung des Lebens, sondern auch als gewaltiger Energieräuber.

Aber auch in diesen Momenten gab es immer wieder die Zusagen aus der Bibel, die mir halfen, die Hoffnung und den Mut nicht zu vollends zu verlieren:

Sei mutig und entschlossen! Lass dich nicht einschüchtern und hab keine Angst! Denn ich, der HERR, dein Gott, stehe dir bei, wohin du auch gehst. (Jos 1,9 HfA)

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. (Psalm 23,4)

Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! (Jes 43,1)

Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. (Mt 7,7)

Am meisten aber hat es mich immer wieder beruhigt, wenn ich den 121. Psalm gelesen habe:

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?
Meine Hilfe kommt vom HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat.
Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet, schläft nicht.
Siehe, der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht.
Siehe, der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht.
Der HERR behütet dich; der HERR ist dein Schatten über deiner rechten Hand,
dass dich des Tages die Sonne nicht steche noch der Mond des Nachts.
Der HERR behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele.
Der HERR behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit!

Seit einiger Zeit ist nun wieder „Land in Sicht“. Das gesellschaftliche Leben wird, auch dank der Impfungen, wieder freier und vielfältiger. Veranstaltungen finden wieder statt, manche etwas zaghaft und vielleicht sogar ungelenk, aber wir können wieder durchatmen. Gemeinschaft erleben.

Am letzten Wochenende habe ich mit zwei meiner Töchter ein Intensivseminar für christliches Yoga besucht. Zum ersten Mal seit langen Monaten sind wir mit der Bahn gefahren, zum ersten Mal haben wir wieder längere Zeit mit „fremden“ Menschen verbracht, zum ersten Mal sind wir wieder mit einer Gruppe sportlich aktiv geworden, zum ersten Mal konnten wir in einer Gemeinschaft wieder geistlich auftanken und auch zum ersten Mal wieder mit mehreren Menschen eine lebendige Bibelarbeit erleben. Und was meinst du, was für eine Freude es war, dass der Psalm 121 eine wichtige Rolle spielte!

Zum ersten Mal erlebten wir so intensiv, dass die Zeit der Dunkelkammer dem Ende zugehen wird, dass die Entwicklung absehbar abgeschlossen sein wird. Bis die Filme irgendwann wieder voll sind. Bis die Dunkelkammer uns wieder ruft.

Aber bis dahin: Genießen wir die Zeit in der Sonne, im warmen Licht, in der Gemeinschaft.

(Dieser Beitrag erschien zuerst auf dem Blog der Jugendarbeit unserer Gemeinde, dort war ich gebeten worden, etwas zu schreiben. Für alle hier, denen die Schilderung des Procedere in der Dunkelkammer arg verkürzt vorkommt: es war keine exakte Arbeitsbeschreibung, sondern nur das Prinzip für die „Generation Handyfoto“ kurz umrissen😉.)

Soll ich oder soll ich nicht…?

Das Foto hatte in der Auswahl einen ganz eigenen Reiz. Optisch gibt es möglicherweise nicht sooo viel her, aber die Aussage hat es in sich. Wem ging es als Kind nicht so: ein Raum, den man nicht betreten sollte (das Wohnzimmer vor der Weihnachtsbescherung zum Beispiel oder der alte morsche Holzschuppen) übte eine ungeheure und beinahe magische Anziehungskraft aus.

Sinnigerweise geht es manchem Erwachsenen immer noch so: Hast du schon mal eine Email bekommen in miserablem Deutsch, mit vielen Rechtschreib- und Grammatikfehlern, mit einem Anhang, wo du eigentlich ganz genau weißt, den sollte ich besser nicht öffnen, dann fange ich mir wer-weiß-was ein? Aber in diesem Kauderwelsch steht eine mehr oder weniger offene Drohung: Wenn du jetzt nicht nachschaust, wer dir da eine Mahnung schickt (obwohl du sicher bist, hier habe ich niemals etwas bestellt!), dann werden die Folgen übelst sein. Schwupp, ist die Mail dann doch geöffnet und es macht sich Malware auf deinem PC breit… Ist dir noch nicht passiert? Glückwunsch. Denn es fallen wider besseren Wissens immer wieder Leute darauf rein.

Da ist es doch ganz gut, dass wir Menschen nicht nur die Fähigkeit zum Glauben und Vertrauen in unserer Grundausstattung haben, sondern auch die zum Zweifeln. Denn Zweifeln heißt auch: etwas überprüfen. Von allen Seiten betrachten und überlegen, ob der Gegenstand meines Zweifels dieser Überprüfung stand hält. Blöd nur, dass Zweifel sich oft ganz ungebeten und zur Unzeit einschleicht, uns verunsichert und regelrecht attackiert. Aber da müssen wir durch.

Und jetzt du…

Bild- und Textkarten: ©Neukirchener Verlag (Bibliographische Angaben siehe Beitrag „Talk-Boxing“)

Und was, wenn die Zweifel kommen?

„Es war tief in der Nacht, kurz vor Morgengrauen. Wir waren nach einem langen, ereignisreichen Tag auf dem See unterwegs, in einem unserer Boote. Auf einmal kam ein stürmischer Wind auf. Merkwürdig, denn um diese Zeit schlief eigentlich auch die Natur. Sofort waren wir alle wach und auf dem Posten.

Doch was war das? Eine Bewegung auf dem Wasser, etwas kam auf uns zu! Wie ein wehender Mantel, eine gespenstische Erscheinung! Wir waren alle miteinander entsetzt, so etwas hatten wir noch nie gesehen. Die Furcht war ansteckend, ich glaube, wir schrieen ziemlich durcheinander. Doch da sprach die Erscheinung zu uns: ‚Habt keine Angst. Ich bin es. Es ist alles gut!‘

Mir fiel ein Stein vom Herzen. Und doch konnte ich es nicht so ganz glauben, deswegen rief ich ‚Herr, bist du es? Wenn du es wirklich bist, lass mich auf dem Wasser zu dir kommen!‘ ‚Dann komm!‘ antwortete er. Ohne nachzudenken setzte ich erst den einen, dann den anderen Fuß über die Bordwand. Ich hatte ihn fest im Blick, ich ging auf ihn zu. Aber dann bemerkte ich die hohen Wellen rings umher. Was tat ich hier? Das war doch unmöglich …

Prompt begann ich zu sinken, der brodelnde See würde mich gleich verschlucken. Da griff eine Hand nach meiner und hielt mich fest. Er fragte mich: ‚Warum hast du so wenig Vertrauen zu mir?‘ Diese Frage beschäftigte und beschämte mich noch lange danach. Gemeinsam bestiegen wir das Boot und gleichzeitig legte sich der Sturm. Wir alle knieten nieder und waren voller Ehrfurcht vor Ihm. So vieles hatten wir schon mit ihm erlebt und doch waren wir immer aufs Neue überwältigt. Er konnte nur der ersehnte Messias sein!“

(Nach Matthäus 14, 22-33)

Na, ich schätze, du kennst den Erzähler dieser Begebenheit. Es ist natürlich Petrus. Petrus, der immer treu zu Jesus stehen wollte. Petrus, der gern ein bisschen großspurig daherkam und seinen eigenen Anforderungen nicht so recht genügen konnte. Petrus, der Jesus schließlich verleugnete, als es für ihn selbst brenzlig wurde. Aber eben auch Petrus, dem Jesus so viel zugetraut hatte. Petrus, mit dem Jesus immer liebevoll und geduldig umgegangen war. Petrus, dem Jesus ganz direkt die Gemeinde anvertraut hatte, ehe er zum Himmel auffuhr.

Petrus ist eigentlich ein Mensch, den wir gut verstehen können. Denn in wohl jedem von uns steckt mehr oder weniger von seinem Charakter drin. Wir sind möglicherweise einmal wie Petrus von Jesus angesprochen worden: „Folge mir nach.“ Und wir sind gefolgt. Vielleicht zunächst aus Neugierde, dann mit wachsender Faszination für diesen so anderen Weg, den wir mit Jesus gehen dürfen. Auch wenn wir nicht immer verstanden haben, was Jesus eigentlich von uns und für uns will, wir haben gebrannt für Jesus, wollten ihm immer nahe sein.

Und doch, es gibt auch immer mal wieder Zeiten, da wissen wir nicht, ob es vielleicht doch ein Irrweg ist, ob es sich lohnt, gegen den Strom zu schwimmen. Da kommen Fragen und Zweifel. Und dann?

In den Tagen und Wochen jetzt, mit der Ungewissheit, was mit der Menschheit passiert, wie die Welt nach Corona (oder mit Corona auf Dauer) aussehen wird, da sind wir möglicherweise besonders anfällig, uns zu überlegen, wohin uns der Weg mit Jesus führt.

Zweifel kommen gern dann, wenn wir den Blick von Jesus lösen, wenn wir die Stürme des Lebens um uns herum verstärkt wahrnehmen, wenn wir vor allem bemerken, was alles gerade schief läuft. Dann fehlt uns das Vertrauen. Alle Sicherheiten, die wir uns aufgebaut haben, stehen auf dem Prüfstand und manches hält der Prüfung nicht stand.

In meiner westfälischen Heimat haben die Gemeinden, die in der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen zusammengeschlossen sind, ein allgemeines Glockenläuten jeden Abend um 19:30 Uhr beschlossen. Und ein Gebet verfasst, das zu dieser Zeit alle mitsprechen können. Dabei auch eine Kerze anzünden und ins Fenster stellen, als Zeichen der Hoffnung und Verbundenheit. Und auch als eine Art der Selbstvergewisserung, auf wen wir letztlich unser Vertrauen setzen. Das Vertrauen, das über den Zweifel die Oberhand behält oder erhält.

Mir fehlt für diesen Impuls gerade der zündende Schlusssatz. Ich schätze mal, das liegt daran, dass den Schluss oder die Schlussfolgerung, jede*r einzelne von uns für sich finden muss. Das geht nicht auf dem Verordnungsweg. Es kann auch das Gegenteil von Schluss sein, nämlich ein persönlicher Anfang, der Beginn eines Weges. Eines Weges mit Berg- und Taletappen, mit Stolpersteinen und Bänken zum Ausruhen am Wegesrand. Mit Sturzregen, Sturm, lauen Frühlingslüftchen, heißen und trockenen Tagen und manchmal auch grandiosen Ausblicken.

Habt einen schönen Sonntag und bleibt gesund. Und vor allem zuhause!

PS: Wenn du den Text des Gebetes haben möchtest, schreib mich über das Kontaktformular an.