Das ist mein…

…Land, meine Stadt, mein Zuhause, mein Anspruch. Kennen wir glaube ich, alle. Leider, muss man sagen, in einer Zeit, in der Deutschland ein ziemlich wohlhabendes Land mit ordentlichen Sozialleistungen ist und auch bisher glimpflich durch die Pandemie kam. Ich fange jetzt gar nicht erst mit Moria an, dann geht es mit mir durch und wird heftig.

Eine tolle Geschichte für Kinder und ihre Vorlesenden ist zu diesem Thema aktuell im Gerstenberg Verlag erschienen. Schon das Titelbild macht neugierig mit diesem Eichhörnchen, das einen Stock verschluckt haben könnte, beim Rasenmähen rings um „seinen“ Baum. Im Buch erfahren wir, dass es den Baum als sein Eigentum ansieht, ebenso wie die Zapfen von diesem Baum, die besonders gut schmecken und natürlich auch exklusiv für das Eichhörnchen zur Verfügung stehen sollen.

Klar, das Eichhörnchen möchte seinen „Anspruch“ verteidigen, und da kommt ihm eine geniale (?) Idee (woher es die wohl hat???): Es beschließt, eine Mauer zu bauen. Diese muss lang sein und hoch, und sie darf keine Lücken haben. Ehe es sich versieht, ist das Eichhörnchen von einem wahren Monstrum von Mauer umgeben, viel höher als der Baum, und es ist ganz allein innerhalb seines kleinen Reiches, das inzwischen eher einem Gefängnis gleicht.

Irgendwann fragt es sich, was denn außerhalb der Mauer liegen könnte, denn es sieht ja nichts mehr… Und der Neid, der es die Mauer bauen ließ, zerfrisst es weiter, denn, wir wissen es ja: auf der anderen Seite könnte das Gras viel grüner sein, die Bäume viel größer und die Zapfen ebenso! Also holt es eine lange Leiter, klettert hinauf und stellt dann verdutzt fest, dass auf der anderen Seite ein Wald ist.

Ein ganz normaler Wald, mit ganz normalen Bäumen, ganz normalen Zapfen und ganz normalen Eichhörnchen.

So. Jetzt habe ich mächtig gespoilert, denn ihr kennt jetzt den Inhalt des gesamten Buches. Aber jenseits des Inhaltes punktet es vor allem mit wunderbaren Illustrationen, die sehr gut die Gefühlswelt des Eichhörnchens darstellen. Und mit einigen Einzelheiten, die ich hier nicht beschrieben habe. Es lohnt sich auf jeden Fall, diesem Buch mehr Blicke zu gönnen.

Bibliographische Angaben:

Olivier Tallec, Das ist mein Baum; Gerstenberg Verlag, 2020, 13 € ISBN 978-3-8369-6069-4

Zu bekommen in eurer lokalen, gut sortierten Buchhandlung😃

Ein Herzensprojekt ist abgeschlossen

Julia hatte sich schon vor längerer Zeit von uns einen Quilt zur Hochzeit gewünscht. Eine Tagesdecke sollte es sein. Wie gewünscht, so in Angriff genommen.

Bei den traditionellen amerikanischen Hochzeitsquilts werden meist ziemlich komplexe Blöcke gefertigt, die in der einen oder anderen Weise entweder etwas mit dem Brautpaar oder mit der Institution „Ehe“ zu tun haben. Oft sitzt der gesamte weibliche Teil der Verwandtschaft dabei gemeinsam an der Arbeit, jede gestaltet einen oder mehrere Blöcke, und wer die Zeit hat, quiltet natürlich dann mit Hand, nicht mit der Maschine. Wie häufig das heute in der Praxis noch so gemacht wird, weiß ich nicht, aber der Film „Ein amerikanischer Quilt“ erzählt in sehr schönen Bildern, wie so etwas (natürlich für den Film mit gehöriger Portion Drama) aussehen kann. Ich konnte aus verschiedenen Gründen nicht so detailreich vorgehen, versuchte aber zumindest, Stoffe aufzutreiben, die in irgendeiner Weise die Persönlichkeiten, Erlebnisse oder Hobbies der beiden Brautleute widerspiegeln. Das war teilweise einfach, denn beide lieben die Natur und das Reisen, sie lesen beide gern und Julia ist in verschiedenen Kunsthandwerken kreativ. Kreativ ist auch Jonas, aber in anderer Weise, denn er programmiert gern. Dafür konnte ich beim besten Willen und auch mit dreimal um die Ecke denken keinen passenden Stoff auftreiben. Schwierig war es auch mit der von beiden bevorzugten Art des Reisens: Sie machen Roadtrips im PKW oder im ausgebauten Boxer von Jonas‘ Brüdern. Ich hätte liebend gern so einen schönen Stoff mit dem T1-Bulli genommen, aber der war leider nur als Jersey (T-Shirt-Stoff) zu bekommen. Überhaupt war es teilweise schwierig, Stoffe zu bekommen, weil für das Maskennähen so viel bestellt wurde, dass sich teilweise die Lieferzeiten dehnten wie ein alter Kaugummi…

Nun mussten Oldtimer als Symbol für den automobilen Bereich herhalten, ferner findet man Brot und Brötchen (Julia backt gern Brot, außerdem wünschen wir den beiden natürlich stets das tägliche Brot), Polaroidfotos, den Bücherstoff von Paloma Picasso, Rehe, Igel und Füchse, Schmetterlinge, einen Blätterwald, roten Stoff mit Polkadots, Anker (für Halt und Hoffnung), ein Seglermotiv für den Segeltörn im vergangenen Juli, Sterne, aber auch relativ schlichte gelbe Blöcke (für Gold=Wohlstand, denn sie sollen ja auch immer ihr Auskommen haben), es gibt Gänseblümchen, Tulpen und Rosen (ihr solltet mal sehen, wie sie in diesem Corona-Frühjahr ihren Balkon in ein Blumen- und Gemüseparadies verwandelt haben) sowie Bastelkram. Katzen nicht zu vergessen! Die beiden Stubentiger, deren Dosenöffner und Kampfpartner Julia und Jonas sind, werden sich vermutlich auch des Öfteren auf der Decke niederlassen…

Und nun ist der Tag vorbei, an dem der Quilt seine Bestimmung bekommen hat, ich denke, sie haben sich gefreut und wir haben noch einen Sohn dazubekommen.

PS: Wenn dich interessiert, wie so ein Quilt entsteht, dann schau doch auch mal in den Menüpunkt „Northern Star by Annuschka“.

Vorgerücktes Alter

Lucy wird eine alte Dame. Man merkt es daran, dass sie behäbiger wird, nicht mehr so gut hört, wenn man etwas weiter weg ist, zum aufstehen braucht sie deutlich mehr Zeit als früher. Ausnahme: Die Hündin von nebenan bellt. Die Damen sind sich nicht grün und so gibt es immer einen kurzen Adrenalinstoß, der sie ihr Alter und ihre Zipperlein vergessen lässt.

Seit einem halben Jahr hat sie aber leider immer deutlicher Probleme mit der Atmung. Es fing mit exzessivem Schnarchen an, das hat jetzt nachgelassen, dafür japst sie immer ziemlich, als ob wir gerade von einer langen Wanderung an einem heißen Tag zurückgekommen sind. Dabei könnte ich so richtig ausgiebige Spaziergänge selbst noch nicht durchhalten. Dazu kommt eine allgemeine Unruhe, statt entspannt bei uns in der Küche zu liegen, steht sie alle paar Minuten auf und sucht sich einen neuen Platz. Sie reißt selbst im Schlaf manchmal laut nach Luft und auch wenn es nicht nett klingt, sie ist ein richtiger Jammerlappen geworden, wenn etwas nicht so richtig ist für sie. Der Appetit ist ebenfalls sehr wechselhaft.

Ende August waren wir zum Röntgen beim Tierarzt, aber der Befund ist nicht ganz klar. Das Herz ist nicht vergrößert, sie hat auch keine Tumore in der Lunge oder so, „nur“ etwas verkalkte Bronchien. Das Blutbild ist altersgemäß in Ordnung, es ist also auch nicht die Schilddrüse. Es stand die Vermutung im Raum, dass es eventuell Asthma sein könnte, aber eine Woche Kortison brachte keine Besserung. Also weitersuchen. Heute wieder ein Termin in der Praxis, in die wir sie inzwischen nur noch mit einer Mischung aus gut zureden und sanftem Zwang hineinbekommen. Um eine versteckte bakterielle Entzündung auszuschließen, gibt es jetzt eine Woche lang Antibiotika, wenn sich dann immer noch nichts tut, wird ein Herz-Ultraschall gemacht. Ist das auch unauffällig, ist ein CT die letzte diagnostische Lösung (unter Vollnarkose).

Ich frage mich inzwischen, was ist eigentlich der größere Stress und die höhere Belastung für sie? Die Unruhe und Luftnot oder die immer neuen Behandlungen? Die spürbare Angst, wenn wir ihr in den Kofferraum helfen, wo sie auch nicht mehr allein hineinspringen kann.

Ja, sie wird auch langsam ein bisschen tüddelig, manchmal steht sie in der Gegend und weiß anscheinend nicht mehr, warum sie jetzt irgendwo hin gegangen ist. Sie seufzt und jammert, aber die reinen Körperfunktionen sind noch da, sie freut sich nach wie vor in einer Weise, als ob sie einen Propeller im Po hätte, sie genießt es, einfach bei uns zu sein.

Gibt es auch Palliativbehandlung für Hunde? Wenn wir einfach für sie da sind, ihr nur ihre Angst und Unruhe nehmen statt intensive und anstrengende medizinische Behandlungen durchzuführen, kann sie doch hoffentlich noch eine schöne Zeit bei uns haben. Ich weiß es nicht. Es ist das erste Mal, dass wir vor so einer Situation stehen. Unsere erste Katze hat irgendwann Reißaus genommen, als sie zum zigsten Mal wegen einer chronischen Erkrankung in die Klinik sollte und sich zum Sterben irgendwo verkrochen. Die anderen hatten leider tödliche Begegnungen auf der Straße.

Ich bin ratlos und das gefällt mir nicht. Edgar und Kathrin geht es ähnlich.

Nur mal so

Nur, weil ich etwas „im Internet“ gelesen oder sogar selbst geschrieben habe, ist es noch lange nicht „die reine Wahrheit“. Ich kann bewusst gelogen haben, ich kann aber auch schlicht meine persönliche WahrNEHMUNG niedergeschrieben oder beim Lesen bestätigt gefunden haben. Ist schon etwas schwierig, das auseinanderzuhalten… für manche Menschen zumindest🤷‍♀️

Systemrelevant

Gestern waren wir mehrere Stunden im Auto unterwegs. Eine Familienangelegenheit in Köln lag an. Wann hört man schon mal so ausgiebig Radio wie auf dem Weg über Deutschlands gefühlt längste Baustelle? Jedenfalls fuhren wir vormittags nach Köln und nachmittags zurück nach OWL.

Ein Thema des Tages waren die Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst, zitiert wurde neben der Forderung von 4,8% mehr Gehalt auch ein Vertreter der kommunalen Arbeitgeber, der sinngemäß meinte, das sei zurzeit wegen der Einbrüche im Steueraufkommen nicht darstellbar. Beleuchtet wurde die Thematik von verschiedenen Standpunkten und mir ist durchaus bewusst, dass die Städte und Gemeinden keinen Goldesel im Garten haben. Mir ist aber ein ganz bestimmter Aspekt im Gedächtnis geblieben, da auch ein Sozialethiker interviewt wurde. Den Namen habe ich leider nicht mitbekommen, vermute aber, dass es sich um Stefan Heuser handelte.

Er regte ein Gedankenexperiment an: Was würde gesellschaftlich schief laufen, wenn Fußballprofis oder Formel-1-Fahrer sagen würden „Nö, mache ich nicht mehr!“ Ja, ich weiß, viele Männer hätten dann am Wochenende deutlich mehr Langeweile (manche Frauen auch). Aber vom gesamtgesellschaftlichen Standpunkt her würde halt nichts essentielles fehlen. Nun kommt die Gegenprobe: Was ist die Folge, wenn Pflegepersonal, Müllwerker oder ErzieherInnen im größeren Stil den Dienst quittieren/verweigern würden? Keine Alten- und Krankenpflege, wir würden in unserem Wohlstandsmüll ersticken, hätten niemanden für die Kinderbetreuung. Mit welchem Recht also wird einfach so hingenommen, dass Sportprofis exorbitante Summen verdienen, es unanständig hohe Ablösesummen gibt, aber die wirklich wichtigen Berufsgruppen mit Applaus abgespeist werden?

Den Grund dafür sieht der Sozialethiker unter anderem darin, dass die Fürsorgearbeiten beispielsweise früher meist im Verborgenen stattgefunden haben, nebenbei „ehrenamtlich“ (nein, eigentlich eher „selbstverständlich“) von den Hausfrauen mit erledigt wurden. Die Männer des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts gingen zur Arbeit aus dem Haus, wurden öffentlich wahrgenommen. Was nicht sichtbar ist, wird auch weniger wertgeschätzt. (Wie die frisch geputzten Fenster😉.) Im Gegensatz zu dem Investmentbanker oder Betriebsberater (mehrheitlich handelt es sich auch heute noch um Männer), der mit der Luxuslimousine durch die Stadt kurvt und auf allen wichtigen Veranstaltungen auftaucht, möchten viele andere Menschen einfach nur in Ruhe ihrer Arbeit nachgehen können, ohne irgendwo im Mittelpunkt zu stehen.

Müssen daher jetzt zwingend alle Angehörigen der klassischen Fürsorgeberufe zu Rampensäuen werden? Oder müssen Gesellschaft und Politik vielleicht „einfach“ mal lernen, genauer hinzuschauen, nicht immer nur die lauten Stimmen wahrnehmen?

Auf die leisen Stimmen hören, von den Ruhigen lernen, das gilt im Übrigen in so vielen Bereichen. Aber den Krakeelern, den (narzisstischen) Selbstdarstellern wird Aufmerksamkeit gewidmet. Dazu zählen auch die Darsteller des Stürmchens in Berlin letztes Wochenende. Mir ist gestern Abend zwar auch echt übel geworden, als ich die Bilder vor dem Reichstagsgebäude sah, ich kapiere das einfach nicht, wie man so einen Schmarren von sich geben und glauben kann, aber ihnen ist eindeutig zu viel breite Aufmerksamkeit zuteil worden. Sie haben ihr Ziel erreicht. Leider.