Macht euch die Erde untertan?

Ich habe mir eine nachdenklich machende Dokumentation angesehen, eine Auswirkung dessen, was dieser Spruch auslösen kann.

Wer kennt sie nicht, die Geschichten über die Eroberung des wilden Westens, möglicherweise auch den einen oder anderen modernen Cowboyroman, in dem die Männer hart und schweigsam sind und immer die richtige Entscheidung treffen, in dem nimmermüde Frauen sich um das Gemeinwohl verdient machen und Kuchen backen bis der Arzt kommt. Klar, da ist überall viel Kitsch und Verklärung dabei, aber ganz abwegig sind die Klischees eben auch nicht.

Respekt vor dem Land und der Kraft der Natur; Abbitte leisten für den Landdiebstahl an den First Nations; um seinen Grund, Boden und Lebensstil kämpfen; der Zivilisation entfliehen; das alles gibt es heutzutage noch. Auf der anderen Seite allerdings auch diejenigen, die für viel Geld die Idylle zerstören, nach der sie sich sehnen (aber nicht genug, auch die Schlichtheit dieser Idylle anzunehmen), die mit ihrem Reichtum ein Disneyland, einen faden Abklatsch dessen erschaffen, was den Gründungsmythos der USA ausmacht.

https://www.zdf.de/dokumentation/gebirgswelten/gebirgswelten-rocky-mountains-100.html

Eine beeindruckende Dokumentation über Menschen, die mit der Natur leben und sie zu schätzen wissen, aber auch über Konzerne, die immer noch nicht begriffen haben, dass man Geld, Dividenden und Marktmacht nicht essen, trinken und atmen kann.
Über die Auswirkungen, die unsere Lebensart und unsere Technologienutzung auf die gesamte belebte und unbelebte Welt hat. Die Gedankenlosigkeit, mit der manche Menschen Lebensräume zerstören ebenso wie über die Beharrlichkeit derer, die nicht aufgeben, menschliches Leben mit der Natur in Einklang zu bringen.

Sehenswert.

Wertekanon

Im Oktober werden wir zum ersten Mal Großeltern. So weit, so schön. In den letzten Tagen habe ich allerdings bei der täglichen Zeitungslektüre einige Male schlucken müssen: So bei der Meldung, dass in Ostwestfalen junge Eltern keine Kinderärzte finden, die noch neue Patienten aufnehmen.
Dass Eltern 50 km fahren müssen, um mit den Babys unterzukommen. Wie macht man das, wenn man kein Auto hat? Termine nach der Erreichbarkeit mit den Öffis buchen? Eventuell mit dreimal umsteigen? Wenn denn überhaupt eine adäquate Anbindung da ist…
Oder dass man erst nach mehreren Monaten ärztliche Versorgung findet. Während sich zuhause die bösen Briefe der Krankenkasse stapeln, dass man die Termine zur Vorsorgeuntersuchung und zu den Grundimpfungen hat verstreichen lassen.

Aber selbst wenn man das Glück hat, rechtzeitig eine Hebamme, einen Geburtsvorbereitungskurs (inzwischen gehört sogar regional eine offene Geburtsstation im Krankenhaus zu den Unwägbarkeiten) und auch noch eine kompetente kinderärztliche Versorgung zu finden, dann scheitert man möglicherweise beim ersten Fieberanfall am Mangel an Fiebersäften für Babys und Kleinkinder. Ich mag nicht spekulieren, aus welchen Gründen es passiert, aber immer weniger Hersteller produzieren diese recht simplen, aber wichtigen und effektiven Medikamente.

Und nicht zum ersten Mal frage ich mich, was da eigentlich genau schiefläuft. Werden vielleicht von den Krankenkassen zu viele „Behandlungen“ bezahlt, die zwar nice to have sind, aber mehr als haarscharf an einer sinnvollen Grundversorgung vorbeischrammen?
Warum ändert sich nichts an dem Schlüssel, der für die Zuteilung von Praxis-Standorten herangezogen wird, wenn seit vielen Jahren mehr Kinder betreut werden müssen, sich die Häufigkeiten der Pflichtuntersuchungen mehren, mehr Impfungen durchgeführt werden müssen, immer mehr Kinder auch mit psychischen Problemen Hilfe brauchen?
Was läuft schief in der Medizinerausbildung, wenn erstens immer noch zu viel Wert auf den Abi-Durchschnitt gelegt wird und zweitens fertige Ärztinnen und Ärzte nicht in die Versorgung ländlicher Gebiete wollen oder gar ganz ins Ausland abwandern? Meiner Meinung nach auf allen beteiligten Seiten zu viel. Aber das wäre einen eigenen Beitrag wert.

Irgendetwas in unserem Wertekanon sorgt dafür, dass auf der einen Seite anscheinend immer mehr Kinder zu kleinen Prinzen und Prinzessinnen erzogen werden, deren Eltern ihren Lebenssinn darin finden, ihre Kids bis zum Abi zu pampern (ich übertreibe hier bewusst ein wenig) und auf der anderen Seite immer mehr Kinder von Armut – bis hin zur Obdachlosigkeit – oder gesundheitlicher Vernachlässigung bedroht oder betroffen sind.

Oder kommt mir das nur so vor, weil es nur die Extremfälle in die Medien schaffen, wir überhaupt so sehr von Medien und Meinungen umgeben sind und weil das ganz normale Mittelmaß ganz gern unterschlagen wird? Ich hoffe schon fast, dass der Grund darin liegt.
Ich gestehe, ich bin ratlos.

NIMBY und andere Kurzsichtigkeiten

Den Ausdruck, der sich dahinter verbirgt, kannte ich, die Abkürzung bisher nicht: Not in my Back Yard – Nicht in meinem Hinterhof (oder auch Zuständigkeitsbereich, vor meiner Haustür oder ähnliches).

Wir möchten bequem von A nach B reisen, wir erwarten ausreichend Strom, Wärme, Wasser, Benzin, Schweinenackensteaks und was das Leben sonst noch angenehm macht, natürlich zu „vernünftigen“ (eigentlich eher unvernünftigen, aber billigen) Preisen und unbegrenzt verfügbar. Aber was dafür an unschönen Begleiterscheinungen notwendig ist, doch bitteschön nicht in unserer Sichtweite. Dass diese Unannehmlichkeiten wie Kraftwerke, Verkehrstrassen, Mastställe, Raffinerien damit automatisch den Menschen in den Nachbarorten oder gar in unserer liebsten Ferienregion vor die Türen gewünscht werden, daran denken wir dabei lieber nicht. Dass es den Menschen, die wir statt unser selbst an die vorderste Umweltzerstörungsfront wünschen, ebenso geht wie uns, bloß anders herum, das unterschlagen wir gleich komplett. Hannemann, geh du voran…

Nächste Baustelle: Technologie heißt das Zauberwort, nicht „Expecto Patronum“ oder „Wingardium leviosa“. Denn wenn wir das NIMBYtum ausgereizt haben und nichts mehr weiterschieben können, dann setzen wir auf den Einsatz von Technologie. Ist ja auch sehr reizvoll, denn wenn man mit Technologie alles Übel beseitigen kann, dann muss man nicht sparen, kann die Welt verschmutzen, bis der Arzt kommt, und Simsalabim ist alles weg.
Auch bei dieser Denkweise sind wir kurzsichtig wie Maulwürfe. Was hat die Menschheit schon alles an Technologie eingeführt: Dampfmaschine, Druckwalze, Otto- und Dieselmotor, AKWs, chemische Volldünger, das Internet … und ein paar Jahrzehnte später haben sich bisher noch bei allen derartigen Innovationen die Risiken und Nebenwirkungen gezeigt, teilweise mit katastrophalen Auswirkungen. Was zum Henker sollte die Hoffnung stützen, dass es zukünftig anders aussehen könnte?

Und das alles nur, damit wir möglichst selten uns selbst reflektieren und ebenso angestrengt wie ernsthaft überlegen müssen, wie wir unseren Konsum von Ressourcen und unsere persönliche Komfortzone reduzieren können.

Natürlich ist dieser Trieb unterschiedlich stark ausgeprägt, es gibt ganz unterschiedliche Sichtweisen und Schmerzpunkte, ab wann Verzicht wehtut, wie ausgeprägt die Empathie zu Mitwelt und Mitmenschen ist, es gibt unendlich viele Abstufungen von Egoismus einerseits und Altruismus andererseits. Aber jeder und jede Einzelne von uns lebt in diesem Spannungsfeld, mal mehr, mal weniger.
Manchmal wünsche ich uns dorthin, wo die Dinosaurier schon sind. Ob dort wohl auch Pfeffer wächst?

…Wasser…

Immerhin. Vier Liter Wasser auf den Quadratmeter in 24 Stunden. Das war gestern.
Heute haben wir eine Mädelstour mit Quoten“mann“ Kalle durchs Hiller Moor gemacht.

„Großes Torfmoor und Altes Moor bilden mit der Bastauniederung wesentliche Kerngebiete im Biotopverbund zwischen Weserniederung und dem Bastau-Hunte-Korridor und sind diesbezüglich von herausragender Bedeutung. Für den Naturraum der DümmerGeest-Niederung stellt es den typischen Lebensraum eines Hochmoores dar, der neben den eigentlichen Hochmoorbereichen mit einem äußerst strukturreichen Vegetationskomplex auch noch Birken-Moorwald und ausgedehnte Feuchtheiden aufweist. Das Gebiet bietet zahlreichen Tier- und Pflanzenarten – darunter viele seltene und gefährdete Arten, z. B. BekassineKrickente und Knäkente sowie Moorfrosch – einen Brut-, Nahrungs-, Durchzugs- und Siedlungsraum ersten Ranges. Sowohl ornithologisch als auch pflanzensoziologisch darf dieses Moor sicher in die Reihe der international wichtigsten Feuchtgebiete eingestuft werden. Aus diesem Grund wurde das Große Torfmoor 1980 als Naturschutzgebiet ausgewiesen. Das Kerngebiet, das eigentliche Hochmoorgebiet, umfasst eine Fläche von ca. 3,5 km², (davon 2,3 km² auf Lübbecker und 1,2 km² auf Hiller Stadt-/Gemeindegebiet). Das gesamte Naturschutzgebiet umfasst dagegen mittlerweile rund 20 km² Fläche. Zur Fauna gehört unter anderem auch der Weißstorch, der innerhalb Westfalens im Kreis Minden-Lübbecke seinen Verbreitungsschwerpunkt hat.

Nah beim Moor liegt bereits der Naturpark Wiehengebirge (im Süden), die Naturschutzgebiete Altes Moor und Freimoor (im Norden) und die entlang des Kanals gelegenen Naturschutzgebiete Gehlenbecker MaschRauhe Horst – SchäferwiesenEllerburger Wiesen und Bastauwiesen. Insgesamt liegt das Große Torfmoor daher in einem großräumigen Biotopverbund.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Gro%C3%9Fes_Torfmoor

Wo letztes Jahr im Bruchwald noch Tümpel waren, in denen Enten herumplantschten, bekommen die Schwarzerlen augenblicklich trockene Füße und Brombeerhecken breiten sich aus.

Ein Moorteich, auf dem Teichrosen normalerweise schwimmen, sah ebenso traurig aus, die Blätter der Wasserpflanzen werden schon gelb und rollen sich ein.

Kalle fand trotzdem in einem unaufmerksamen Augenblick den einzigen Pfuhl mit brackigem Wasser direkt am Weg, in den er mit einem lauten „Platsch“ einen Köpper machte…

Den Modder an seinen Beinen kann man aus der Perspektive nur vage erahnen…

Ein größerer Moorsee war immerhin noch nicht ausgetrocknet, so dass Enten und Gänse sich noch wohlfühlen können, aber der Wasserstand ist deutlich niedriger als sonst. Auch die Heideblüte ist farblich leicht ausgeblichen und eher verhalten.

Immerhin freuen die Wildbienen und Hummeln sich über die ausgiebige Distelblütenpracht. Immerhin etwas…

Insgesamt waren nur wenige Menschen im Moor unterwegs, auch die Schafe der Moorschäferei haben wir nicht gesehen.
Aber etwas hat mich so geschockt, dass ich es gar nicht erst fotografiert habe:
Es gibt eine Moortretanlage, ähnlich wie ein Kneippbecken, wo man seine Runden durch den Mutt drehen kann und dann die Beine unter einer Schwengelpumpe mit teebraunem Moorwasser wieder abwaschen. Was soll ich sagen: knochentrocken!

Ein solches Moor kann keine vernünftige CO2-Senke sein. Eher im Gegenteil. Und die moortypischen Pflanzen und Tiere verlieren ihren Lebensraum, der in den letzten 30 Jahren mit viel Geduld, Geld und Arbeitseinsatz renaturiert wurde und immer noch wird.

Etüdensommerpausenintermezzo

Hier geht es zur Beschreibung auf Christianes Blog Irgendwas ist immer.

Mal sehen, was mir zu dieser Herausforderung einfällt. Als erstes kommt

Eine Urlaubserinnerung

Wir brauchten noch nie einen Flughafen, nicht einmal eine Regionalbahn, um in den Urlaub zu starten. Ein Wohnwagen genügte uns, um unsere Sommerpause ganz entspannt zu starten. Vor allem mit kleinen Kindern habe ich es immer als Vorteil empfunden, für jede Wetterlage und verschiedene Beschäftigungsmöglichkeiten die liebsten Kleidungsstücke und Utensilien einpacken zu können. Ich brauchte nicht so sehr auf Höchstgewichte achten und ob alles in den Koffer passt. Was andererseits aber nicht heißt, dass es keine Obergrenzen gab. Auch ein Wohnwagen hat ein zulässiges Gesamtgewicht, aber es passt eben ziemlich viel hinein, was man auf einer Reise mit seinem ganz privaten Flohzirkus namens Familie so braucht.
Der Komfort, fast alle Lieblingssachen der Familienmitglieder immer griffbereit zu haben, auf dass uns niemand würde nachsagen können, wie wenig wir einander kennen, entschädigte mich auch so manches Mal dafür, dass meist ich diejenige war, die in aller Herrgottsfrühe aufstand, um den ersten Spaziergang mit dem ausgeschlafenen Hund zu machen. Dafür hatte der Mann den Part mit dem Fahren übernommen, eine Sache, die ich mir mangels Überblick bis heute nicht zutraue.
Auf dem Campingplatz angekommen, suchten wir uns einen schönen Platz im Kiefernwald. Wie wichtig Schatten ist, erfuhren wir vor allem in dem Sommer, als ich zum dritten Mal schwanger war. Es gab eine Hitzewelle, wie sie uns bislang eher unbekannt war, wir hatten die höchste Waldbrandwarnstufe im Müritz-Nationalpark, es gab sogar Pläne für eine Wasserrationierung, und das mitten zwischen den vielen klaren Seen. Tagelang verbrachten wir damit, im Laufe der Tage mitsamt Stühlen, Tisch und Tischtuch von einem Schattenplätzchen zum nächsten rund um den Wohnwagen umzuziehen. Und obwohl niemand von uns eine ausgesprochene Wasserratte ist, genossen wir morgens und abends das Baden im See. Unsere großen Töchter stellten in diesem Sommer die bange Frage, was denn passiere, wenn mitten in der Nacht ein Feueralarm käme. Die Schranken waren von 22 bis 6 Uhr geschlossen, die Zufahrt zum Platz führte einen Kilometer durch den Wald und jeder Wohnwagen hatte ein bis zwei Gasflaschen. Sie fanden es aufregend bis etwas gruselig, kamen aber auch selbst auf eine Lösung: Viele Camper hatten Kanus dabei – wir auch – und am Platz gab es weitere zum Ausleihen. Also: Alle in die Kanus und ab auf den See.
Glücklicherweise musste bisher nie ausprobiert werden, ob dieser Plan funktioniert hätte.

Biografie und Fiktion treffen in dieser Episode aufeinander. Eine sehr willkommene Schreibübung, um sich „warmzuschreiben“ für längere Texte. Etwas Mühe hatte ich mit dem Satz, den Christiane gern lesen möchte, deswegen entschuldige ich mich für den umgebenden Bandwurmsatz, der eindeutig nicht barrierearm ist. Leider (vielleicht auch zum Glück für die Konzentration😉) hat mich beim Schreiben niemand mit Kulleraugen angesehen und Milonga konnte ich noch nie tanzen. Das wäre auch bei dem holperigen Untergrund im Wald sicher sehr schwierig gewesen. Die Ukraine konnte und wollte ich in dieser Etüde nicht unterbringen, erstens, weil sie damals keine Rolle spielte und zweitens, weil ich denke, dass es auch im Jahr 2022 krisenarme Orte geben muss, und sei es „nur“ in Geschichten.

Zum richtigen Zeitpunkt

Manchmal fügt sich einiges. Ein merkwürdiges Gefühl der Ohnmacht, fast schon der Hoffnungslosigkeit hatte mich in den letzten Tagen überzogen. Ein wenig wie das Strampeln des Frosches im Sahnebottich, das erstmal nur ermüdend ist. Um im Bild zu bleiben: heute früh sind gleich zwei Dinge passiert, die dazu führten, dass aus der Sahne langsam Butter wird und ich damit wieder festen Boden unter den Füßen bekomme.

Das erste war meine Tageszeitungslektüre. Unsere regionale Zeitung beschäftigt einen Ombudsmann, der als Mediator zwischen Journalismus und Leserschaft vermittelt. Ein erfahrener Journalist, der noch dazu aus Minden stammt. Klasse Idee.

Er schrieb über das Thema „Nachrichten vermeiden“ und bezog sich auf einen Artikel in der Washington Post vom 8. Juli des Jahres:
https://www.washingtonpost.com/opinions/2022/07/08/how-to-fix-news-media/

Diesen Artikel habe ich mir vorhin einmal genau durchgelesen und eine Übersetzung davon abgespeichert, um im Falle des Falles darauf zurückgreifen zu können. Die Autorin, Amanda Ripley, bringt genau das exzellent auf den Punkt, was in meinem Unterbewusstsein schon längere Zeit herumwabert und was ich nie so richtig benennen konnte. Aber lest am besten selbst.

Das zweite, was mich echt geflasht hat, ist eine WhatsApp-Nachricht mit einem Link zu einem Musikvideo. Die kam heute Vormittag, um einen neuen Song vorzustellen, den wir am nächsten Freitag beim Worship-Abend in unserer Gemeinde neu einführen wollen. Eigentlich waren es zwei Links, einmal zur englischen und einmal zur deutschen Version. Die englische ging mir zunächst rein von der Melodie nahe, aber als ich die deutsche Version hörte, dachte ich „Whoah, genau das ist es, was ich jetzt gebraucht habe! Das meint mich. Genau in diesem Moment ist das MEIN LIED!“

Ich stelle hier einmal die Version mit Text ein, zum mitlesen und nachvollziehen:

Beim Anhören wurde mir einmal mehr bewusst, dass ich viel zu häufig versuche, Dinge allein zu lösen und in den Griff zu bekommen. Oft – bei ganz alltäglichen Schwierigkeiten – funktioniert das auch ganz gut, aber gerade bei Problemen und Situationen, in denen mein kleiner menschlicher Verstand nicht ausreicht, in denen ich mich ohnmächtig fühle, keine Lösungen finden kann, reicht das nicht. Und dann ist es gut und hilfreich, abzugeben an eine höhere Instanz. Es bringt natürlich nicht – Simsalabim – alles sofort ins Reine, aber es erleichtert mein Herz und meine Seele, ich kann befreit durchatmen und nach vorne schauen.

Dazu kam noch als Sahnehäubchen oben drauf der Regen der letzten Nacht. Innerhalb von ungefähr 12 Stunden regnete es bei uns 27 Liter pro Quadratmeter. Schön gleichmäßig und gestern Abend auch beruhigend, duftend und schlaffördernd für mich.

In diesem Sinne: Ich wünsche allen ein erholsames und segensreiches Wochenende.

Öfter mal was Neues

Kennt ihr noch „Kilroy was here“?

So in der Art hinterlässt auch hier „jemand“ seine digitalen Schmierereien.

Na prima. Da läuft bei der Arbeit seit zwei Wochen alles wieder wie gewohnt, ich beruhige mich wieder, was meine persönliche Verfassung angeht, und nun DAS!

Jetzt hat diese Plage auch mich erreicht. Da kann ich mich ja direkt mal „geadelt“ fühlen. Nicht.
Wenn ihr also unter Beiträgen von mir Likes mit Hakenkreuz findet: Will ich nicht, wollte ich nicht und werde ich nie wollen.

Und im Gegensatz zu Kilroy finde ich die auch einfach nur zum 🤮.

Hier findet ihr nähere Informationen:https://linsenfutter.wordpress.com/

Der liebe Gott hat einen großen Tiergarten…

… sagte eine frühere Mitarbeiterin von mir immer, wenn sie mit Leuten zu tun hatte, deren Verhalten sie nicht nachvollziehen konnte. Recht hatte sie.

Foto: Pixabay

Mäßigung scheint mir ein wichtiges Stichwort zu sein. Mäßigung klingt ja nicht gerade sexy, aber warum muss denn immer alles sexy, gehypt oder sonstwie besonders sein? Warum soll alles irgendwie polarisieren, wenn wir auf der anderen Seite über Polarisierung oder Spaltung lamentieren? Warum heftet dem Durchschnitt so viel Durchschnittlichkeit an? Es ist doch auch mal ganz entspannend, einfach nur gemäßigter Durchschnitt zu sein.
Ich sehe und bemerke an mir selbst, dass ich in den letzten Monaten bei einigen Themen auch zur Polarisierung neige, was ich eigentlich überhaupt nicht mag. Differenziert betrachten, ja, eindeutig. Aber spalten, nein, nach Möglichkeit nicht.

Andererseits ist es, gerade bei Umwelt Mitwelt-Themen wichtig, einen gewissen Aktivismus an den Tag zu legen, 150 % zu verlangen, damit man zumindest annäherungsweise erreicht, was sinnvoll ist. Aber die tatsächliche Machbarkeit liegt eher nicht im aktivistischen Bereich. Das ist übrigens eine Erkenntnis, die auch bekannte Klima-Aktivisten durchaus kennen, wenn man ihre Beiträge mal wirklich genau liest oder hört.
Und damit bin ich schon angekommen bei dem, was mir auf der Seele brennt: Auf dem Herumhacken. Herumhacken auf allem, was man für sich persönlich nicht als wichtig erachtet.

Heute früh ging mir durch den Kopf, warum zum Beispiel auf dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk herumgehackt wird. Warum er als staatlich gelenkter Regierungsapparat verunglimpft wird. Natürlich in erster Linie von Menschen, die sich gegängelt fühlen. Von denen, die nicht hören oder sehen wollen, wenn differenziert berichtet wird.
Heute früh ging es in einem Gespräch um Biogasanlagen, um ihre Leistungsfähigkeit, den Spagat der Landwirte zwischen den großen E’s Ernährung und Energieerzeugung. Die Debatte kennt vermutlich jeder. Ich kann auch sehr gut nachvollziehen, dass der erste Impuls ist, zu sagen: In erster Linie sollen Landwirte Nahrung erzeugen. Ich schätze mal, das sieht auch jede Person so, die in der Landwirtschaft arbeitet und lebt. Aber nicht jeder Boden, der bewirtschaftet wird, kann zum Beispiel Getreide in Backqualität hervorbringen. Manche Böden sind auch so mager, dass sie nur als Grünland taugen, also entweder Vieh darauf grasen kann oder das Gras zu Heu gemacht wird. Der (zugegeben etwas abgenudelte) Satz „Wenn dir das Leben Zitronen gibt, mach Limonade daraus“ (oder wahlweise „… frag nach Tequila und Salz“) gilt also auch hier. Wenn das Beste nicht möglich ist, dann mach das Zweitbeste und so weiter. Das nennt man auch Pragmatismus. Der ist natürlich auch bei Manchen in derselben Liga angesiedelt wie eingeschlafene Füße.
(Wo dann aber wieder die Aktivistin in mir durchkommt: Warum zum Henker wird dann immer wieder bestes, fettestes Ackerland zur Bebauung freigegeben? Was einmal versiegelt ist, fällt für die Nahrungsmittelerzeugung weg. Auf sehr lange Zeit.)

Zurück zum ÖRR: Solche differenzierten Themen werden dort bearbeitet. Und natürlich wird allen Bevölkerungsgruppen etwas geboten: Den CDU-Wählern ebenso wie den Grünen-AnhängerInnen (naja, die Ultrarechten können für sich reklamieren, nicht besonders gut dabei wegzukommen, das gebe ich ja zu😉), den Seifenopernliebhabern, Krimifetischisten, Dokujüngerinnen, Arztserien-Selbstdiagnostikern, Newsjunkies, Börsenkursinteressierten, Rosamunde-Pilcher-Leserinnen, Hobbyphilosophen, sämtlichen 80 Millionen Fußballbundestrainern und anderen Sofasportlern, den Pfefferkörnern, Bibi & Tina, Meerjungfrauen und was sich sonst noch so in TV-Deutschland tummelt. Streckenweise komplett ohne ausufernde Werbeblöcke (🤔Da fehlen dann vielleicht auch die Pinkelpausen? Ach, naja, dafür gibt es bestimmt ein Kürbispräparat…), die uns weismachen wollen, dass wir ohne das Produkt XYZ und die Dienstleistung ABC abgehängt und lebensunfähig werden. Und dazu die Mainzelmännchen.

Und es wird niemand dazu gezwungen, sämtliche Angebote des ÖRR ständig zu gucken, zu hören, zu lesen. Man darf und soll Rosinenpickerei betreiben und sich heraussuchen, was man mag. Den Rest darf man getrost ignorieren. Ich frage mich sowieso, wann so mancher die Zeit dafür findet, alles mögliche anzusehen, nur um es hinterher genüsslich in Grund und Boden zu kommentieren; deswegen beschleicht mich der (berechtigte?) Verdacht, dass nur der zweite Teil verlässlich stattfindet und man sich das Ansehen vorher locker spart. Es macht auch viel mehr Spaß, etwas niederzumachen, mit dem man sich vorsichtshalber gar nicht so richtig auseinandergesetzt hat, denn man könnte ja sonst im schlimmsten Fall seine Meinung revidieren.

Ach Leute, ich höre an dieser Stelle mal lieber auf. Ich steigere mich sonst in einen misanthropischen Anfall hinein und das möchte ich nun wirklich nicht. Denn ich weiß auf der anderen Seite ganz genau, dass es mindestens genauso viele Menschen gibt, die nicht so agieren, die sich verschiedene Standpunkte anhören, abwägen, zu Schlüssen kommen, diese auch mal nach Kenntnis neuer Aspekte ändern.
Es gibt so viele Menschen, die empathisch und wertschätzend mit ihren Mitmenschen umgehen, nicht immer alles nur dunkelst schwarz sehen, die schlicht und ergreifend an ihrem Platz stehen, sitzen oder laufen, um den Laden namens „Welt“ am Laufen zu halten. Und die das ganz still und selbstverständlich tun. Oder auch mal an ihren eigenen Ansprüchen scheitern, ohne es anschließend allen anderen anzukreiden.
Das ist unter anderem einer der Gründe, warum ich lieber in diesem relativ kleinen und recht überschaubaren Umfeld schreibe als bei den großen „sozialen“ Netzwerken.

Danke an alle, die bis hierhin durchgehalten haben. Meine Gedankengänge sind mal wieder verworren wie Spaghetti, aber sie wollten alle unbedingt raus, sonst wäre mein Kopf geplatzt.

Mein innerer Monk und ich

Wenn Leute aus meiner Familie Sachen in die Spülmaschine räumen, räume ich sie ziemlich häufig wieder um. Damit die Becher (nach Farben geordnet) nebeneinander stehen, die großen Gläser ganz links und die kleinen in der Mitte.

Beim Wäsche aufhängen sortiere ich grundsätzlich ähnliche Teile zueinander und ich achte akribisch darauf, dass die Wäscheklammern zueinander passen. Wenn ich für ein Teil zwei Klammern brauche und es ist nur eine in der Farbe da, benutze ich sie nicht. Jedenfalls beim Wäscheständer, denn da passen die naturfarbenen Buchenholz-Schiebe-Klammern nicht drauf.

Bücher sind nach Genre, innerhalb des Genres nach Autoren und innerhalb der Autoren nach Bandnummern (bei Serien) geordnet. Wenn im vollen Regal irgendwas dazukommt, wird wie wild hin- und hergeschoben, damit die Reihenfolge wieder passt.

Die DVDs sind nach Fantasy allgemein, Marvel (in der richtigen Reihenfolge zum Anschauen), Komödien, Thriller, Musicals, Dokumentation sortiert.

Im Gewürzregal haben alle Gewürze ihren festen Platz. Würde ich spontan erblinden, wüsste ich immer noch, wo ich Chilipulver, Pfeffer, Curry, Basilikum oder die restlichen ca. 25 Sorten finde (vorausgesetzt, es bringt niemand durcheinander). Ähnlich sieht es bei den sechs Essigsorten aus.

Ich habe bei Spotify diverse Playlists: Worship, Country, Filmmusik, 80er Jahre, Hardrock, Klassik, eine Sportplaylist für Hula Hoop… streng getrennt voneinander.

Meine Stoffe werden je nach Farbe in extra Boxen aufbewahrt, die verschiedenen Vliese haben ebenfalls eigene Boxen, alle Scheren und Rollschneider liegen in einer Schachtel, alle Schrägbänder ebenso.

Ich habe im Büro diverse ausgeklügelte Ablagesysteme, streng nach Lebens- und Arbeitsbereichen getrennt. Und trotzdem sitze ich schon seit heute Mittag hier und suche einen ganz bestimmten Vorgang. Weil sich allen Sortierkriterien zum Trotz ein Riesenwust an Unterlagen in den letzten Wochen auf dem Schreibtisch aufgetürmt hat. Weil ich deswegen den Überblick verloren habe. Und obwohl ich genau weiß, dass ich den gesuchten Ordner vor höchstens drei Wochen noch in der Hand hatte. Manchmal muss es einen Kobold in unserem Haus geben, der Dinge auf höchst geheimnisvolle Weise verschwinden lässt und sie nach ein paar Tagen wieder genau dort hinbeamt, wo ich sie drölfzigmal gesucht habe (Denn ich war mir ja felsenfest sicher, wo das Zeug sein muss!)…
Und augenblicklich denke ich, ich habe die Kontrolle über mein Leben verloren.

PS: Dieses ist der 600. veröffentlichte Beitrag. Drei weitere habe ich allerdings aus Gründen zurückgezogen und erstmal als Entwürfe abgespeichert. Zu den Inhalten stehe ich nach wie vor, habe aber ein paar Scherereien damit gehabt aus einem Bereich des politischen Spektrums, mit dem ich einfach nichts zu tun haben möchte.

Einsame Entscheidung – Lost in Fuseta

|Werbung, unbezahlt|

Warum nicht mal Portugal? Klingt nach einem Sommerurlaubsersatzkrimi, so ähnlich dachte ich es mir, als ich bei Netgalley auf das Buch stieß. Außerdem haben wir in der Buchhandlung eine kleine, aber feine und wachsende Fangemeinde für die Reihe. Und es machte mich neugierig, dass hier ein Kriminaler ermittelt, der Asperger-Autist ist. Auch wenn es gerade im TV inzwischen einige Serien gibt, bei denen ASS*-betroffene Menschen gespielt werden, sind es dort doch meist die Analysten im Innendienst, die auf Inselbegabungen zurückgreifen können. Oder Annette Frier als „Ella Schön“.

Ein bisschen Mühe hatte ich, hineinzukommen in die Geschichte, weil „Einsame Entscheidung“ mein erster Versuch mit der Reihe „Lost in Fuseta“ ist. Mea culpa. Aber nachdem ich die Personen erstmal kennengelernt hatte und auch die Story immer mehr Fahrt aufnahm, konnte ich nicht mehr aufhören.
Was mir sehr gut gefallen hat, ist die Verstrickung mit dem „Gewächshaus Europas“ in Spanien und den menschenverachtenden Methoden der Profiteure. Intensiv genug, um eine gewisse Aktualität und Spannung zu bringen, aber nicht so ausführlich, dass die Leser sich erzogen fühlen.
Insgesamt eine fintenreiche Geschichte mit vielen Haken, außerdem sehr facettenreiche Hauptakteure. So muss das sein.

Bibliographische Angaben: Gil Ribeiro, Einsame Entscheidung, Kiepenheuer & Witsch, ISBN 978-3-462-00102-0, € 17,-

*ASS – Autismus-Spektrum-Störung

Waldentspannung

Mentale Überforderung ist heute meine Baustelle. Angekündigt hatte sie sich schon länger, heute ist sie ausgebrochen. Ich bin dann wie ein Vulkan, bei dem sich ein Magmapfropfen mit lauter Explosion löst.
Deswegen und weil es im Wald an diesen warmen Tagen angenehm ist für Mensch und Hund, hat Edgar mich und Kalle am Wasserwerk in Hausberge „ausgesetzt“ (natürlich ausdrücklich von mir erwünscht😁), und wir beide sind dann über den Berg zu Fuß nach Hause gegangen.

Als Kind und Jugendliche bin ich sehr viel im Wald unterwegs gewesen – freiwillig, wenn ich mit einer Freundin dort umherstreifte, wir hatten auch eine Bude im Wald – aber auch mal eher unfreiwillig, wenn von der Schule „Wandertag“ verordnet war. Und der Begriff wurde sehr wörtlich genommen! In meinen Erwachsenenjahren war der Radius nicht ganz so frei und weit, weil ein guter Teil der Sonntags-Waldspaziergänge mit jüngeren Kindern oder Welpen stattfand, die einen konnten erst nicht so lange und wollten dann später auch nicht unbedingt, die anderen wollten zwar alles erkunden und erschnuppern, aber durften nicht so lange laufen.
Umso erstaunter bin ich immer wieder, dass ich bis heute intuitiv die richtige Richtung einschlage, auch wenn sich einzelne Wege im Lauf der Jahrzehnte sehr verändert haben.

Was den Wald jedes Mal spannend macht, ist die Lebendigkeit, mit der er sich entwickelt; in den letzten Jahren sind es aber auch die unübersehbaren Spuren der Klimaveränderung: Sturmschäden, die langsam wieder zuwuchern (die Folgen von Kyrill sieht man immer noch, wenn auch heute anders: Statt Fichten in Reih‘ und Glied undurchdringliches Holunder- und Brombeerdickicht), Borkenkäferbefall, Trockenstress… Und auch die Art, wie die unterschiedlichen Generationen den Wald zu ihrem Ort machen. Angefangen mit den immer noch überall auffindbaren baulichen Überresten des Reiches, welches 1000 Jahre überdauern wollte, das aber bereits nach 12 Jahren die Welt ins Chaos gestürzt hatte und glücklicherweise gestoppt wurde:

Überall im Jakobsberg findet man solche oder ähnliche Bauten, die als Luftschächte dienten, als die „Untertageverlagerung“ der Nazis gebaut wurde

Viel netter anzusehen, wenn es sich im engeren Sinne auch um eine Form der Naturbeschädigung handelt, ist dieses hier, einmal von weiter weg, einmal mehr im Detail:

An diesem kleinen alten Steinbruch halten sich offensichtlich Jugendliche gern auf, nicht nur, um ungestört zu sprühen, sondern auch, um sich Unterstände zu bauen, was wir vor 40 Jahren auch schon gern gemacht haben:

Sehr vertrauenerweckend sieht der Steinbruch leider nicht mehr an allen Stellen aus, mehr oder weniger breite Spalten und Auswaschungen finden sich im Wesersandstein an vielen Stellen, durch das abwechselnde Spiel von Hitze und Feuchtigkeit:

Aber am allerbesten sieht man Natur und Naturgewalt immer noch an den Bäumen, die ich manchmal am liebsten interviewen würde, welche Ereignisse zu ihrer Erscheinungsform geführt haben:

Eine nette Begegnung mit einem älteren Paar, die mit Walkingstöcken unterwegs waren, hatten wir auch noch, denn Hunde sind immer ein guter Gesprächseinstieg, und so freuten die beiden sich über den „netten und neugierigen“ Kalle.
Wieder zuhause angekommen, habe ich beschlossen, eine Pause einzulegen, mich in ein (real nicht existierendes, aber ich schaffe mir eines) Sommerloch fallen zu lassen und die Probleme der Welt zumindest vorübergehend zu ignorieren. Für meinen inneren Frieden.
Stattdessen werde ich mich mit der Overlocknähmaschine anfreunden, die ich mir angeschafft habe, um zukünftig auch bequeme Kleidung für uns nähen zu können.

Sommer in Himmelblau

|Werbung, unbezahlt|

Dieses Buch habe ich nicht als Leseexemplar bekommen, sondern, man höre und staune, ganz konventionell gekauft. Weil ich auf Instagram über den Piper-Verlag auf die Autorin und den Titel aufmerksam wurde. Und weil mir gefiel, was ich las, weil es sich nach Entspannung anhörte und mich an unseren letzten Campingurlaub in Bayern vor vier Jahren erinnerte.

Aus dem weltoffenen Hamburg, aus dem Big Business des Marketing ins tiefste Bayern auf einen alten, wunderschön gelegenen, aber heruntergewirtschafteten Campingplatz. Diesen „Kulturschock“ erleidet Milena, Karrierefrau mit klarem Ziel, als sie von ihrer Großtante deren Campingplatz am Walchensee erbt. Neben dem schlechten Gewissen, dass sie ihren Job immer als wichtiger empfand als einen Besuch bei dieser Tante, obwohl sie wunderbare Sommer als Kind bei ihr verbracht hatte, führt aber auch ein beruflicher Tiefschlag dazu, dass sie sich ihr Erbe zumindest ansehen will und eine Auszeit nimmt.

Dort angekommen, stellt sich heraus, dass es Bedingungen für das Erbe gibt, und Investitionen gehören dazu. Milena lässt sich auf das Abenteuer ein und stellt fest, dass auch alternative Lebensentwürfe ebenso wertvoll sind wie eine stringent verfolgte Karriere.
Natürlich gibt es einen fiesen Antihelden in der Geschichte, der ein bisschen Schärfe hineinbringt und es der geneigten Leserin sehr leicht macht, ihn nicht zu mögen.
Auch wenn die Story an manchen Stellen etwas vorhersehbar ist, tut das dem Lesevergnügen keinen Abbruch, wozu vor allem die sympathischen Personen und das Lokalkolorit beitragen. Außerdem habe ich die spürbar langsamer tickenden Uhren in der bayerischen Provinz tatsächlich als wohltuende Entschleunigung empfunden und immer wieder auch Kopfkino im Hintergrund gehabt, weil wir auf einem Tagesausflug während des oben angesprochenen Urlaubs auch den Walchensee von oben (vom Herzogstand aus) genießen konnten. Das Farbspiel des Sees, das im Buch immer wieder beschrieben wird, ist auch in der Realität so grandios, da das klare Wasser in Verbindung mit dem kalkigen Untergrund je nach Sonnenstand auch gern mal an die Karibik erinnert.
Leider habe ich kein Foto davon gemacht, vermutlich, weil es an dem Tag so voll auf dem Herzogstand war, dass ich ständig fremde Köpfe im Bild gehabt hätte.

Das Buch habe ich jedenfalls sehr genossen und es hat auch ein kleines bisschen Sehnsucht nach den Bergen in mir geweckt, obwohl mein Herz natürlich weiter für die Küste schlägt. Abwechslung muss mal sein. Wenn auch „nur“ literarisch.

Bibliographische Angaben: Lorena Schäfer, Ein Sommer in Himmelblau, Piper Taschenbuch, ISBN 978-3-492-50614-4, € 15,-

Abkühlung

Ich selbst bin abgekühlt nach meinem Beitrag von gestern. Auch draußen ist es abgekühlt, irgendwann in der Nacht hat es geregnet, zum Glück zumindest hier in der Gegend ohne Unwetter dabei. Alle Fenster im Haus stehen weit offen, um die klebrige Hitze loszuwerden.
Und ich gehe gedanklich schon der nächsten Frage nach, warum bei manchen Themen offenbar bei vielen (vermutlich nicht mal bei sehr vielen, aber sehr lauten Mitmenschen) ein Reflex besteht, mit „Haben wir keine anderen Probleme“ zu kommentieren. Dabei bezieht sich dieses Nachdenken auf ganz unterschiedliche Nachrichten, die ich gestern und heute früh gelesen habe.

  • Eine Schule führt Unisex-Toiletten ein – „Ist das etwa unser wichtigstes Problem?“
  • Kommunen und Regionen geben Tipps, wie man sich an Hitzetagen sinnvoll verhält – „Haben wir keine anderen Themen? Es ist halt Sommer, wie jedes Jahr!“
  • Die Aufforderung, nicht den Rasen zu wässern bei Wasserknappheit -„Kümmert euch lieber um die wirklich drängenden Sachen…“
  • Ein Beitrag über die Gefahren des Grillens auf trockenen Flächen – „Aber ich lasse mir das Grillen nicht verbieten. Schreibt lieber über xxx (hier beliebiges Reizthema einfügen)“
  • Der Feldversuch, an Schulen eine Art Gleitzeit einzuführen oder den morgendlichen Schulbeginn etwas später zu legen – „Wir haben es auch überlebt, die sollen sich nicht so anstellen. Gibt es nichts dringenderes?“

Was mir auffällt, bei dieser Art des Whataboutismus geht es immer darum, neue und zeitgemäße Denkansätze, aktuelle Themen, die das gesellschaftliche Leben betreffen, wissenschaftliche Erkenntnisse oder schlicht den Verweis auf bislang marginalisierte Bevölkerungsgruppen als unwichtig hinzustellen. „Betrifft mich nicht, kann also nicht wichtig sein.“

Offensichtlich stellt alles das, was sich in geballter Form im (notwendigen, mitunter sogar überlebenswichtigen) Wandel befindet, für so manch einen nicht nur eine Überforderung, sondern eine regelrechte Bedrohung dar.
Und während ich die Überforderung sehr gut nachvollziehen kann, denn die empfinde ich ja selbst mitunter sehr ausgeprägt, kann ich einfach nicht verstehen, warum man anderen Menschen nicht ebenfalls gewisse Privilegien gönnen kann, die man selbst schon lange in Anspruch nimmt. Denn es geht ja niemandem darum, dass bisher marginalisierte Gruppen jetzt „mehr zu sagen haben als man selbst“, sondern dass sie ganz selbstverständlich dieselben Rechte in Anspruch nehmen, die andere schon lange haben. Oder darum, dass Folgegenerationen auch noch die Möglichkeit haben, in einer lebenswerten Umgebung zu leben. Oder insgesamt einmal Dinge zu überdenken, ob es sinnvoll ist, sie weiter so laufen zu lassen, wie sie seit einem halben Jahrhundert laufen.

Dahinter scheint eher eine diffuse Verlustangst zu stehen:
– Aber dann bin ich nicht mehr so wichtig (Echt? Bin ich das denn jetzt?)
– Aber mein schönes Auto ( By the way, gibt auch schöne Fahrräder, auch da kann man Statussymbole erwerben)
– Aber ich esse doch so gern Grillsteak (Ich habe festgestellt, es ist oft gar nicht das Fleisch, sondern das Gewürz. Man kann auch Gemüse mit Gyros- oder Brathähnchengewürz sehr lecker zubereiten)
– Aber ich will! (Und da das oftmals Leute denken, die bei „modernem“ Kram sagen: „Hat uns früher auch nicht geschadet“, antworte ich frech: „Kinder, die was wollen, die kriegen einen an die Bollen!“)
Wären neue Gedanken ständig so abgebügelt worden wie sie es augenblicklich oft werden, säßen wir möglicherweise immer noch in Höhlen. Ohne SUV, ohne Zentralheizung, ohne Fast Food oder teuren Gasgrill, Multifunktionsküchenmaschinen und Smartphone.

Wir wären viel weniger Menschen und hätten weniger Wohlstandverwahrlosung. Aber darüber zu philosophieren, ob das dann besser oder nur auf andere Weise mies sein würde, bringt ja nun mal nix.

Also freue ich mich heute einfach mal über Regen (im Moment mit Donnergrummeln im Hintergrund), kühle 23 Grad und bereite mich mental auf die nächste Wärme ab Sonntag vor…

Und ich glaube, ich stelle euch als nächstes mal wieder einen schönen Schmöker vor, damit ich nicht in dumpfes Brüten verfalle.

PS: Seit einigen Wochen wird so gut wie jeden Tag ein bestimmter Beitrag aus dem letzten Jahr aufgerufen, der im Titel so klang, als ob es um materielle Güter ginge. Und ständig nach diesen Aufrufen habe ich unzählige Spamkommentare von Finanzbots. Deswegen habe ich nach reiflicher Überlegung den Titel ersetzt und beobachte mal, wie es weitergeht…

„Hier wird man ja nur erzogen…“

Mein Büro liegt auf der Nordseite des Hauses. Nützt nur leider gerade überhaupt nichts, da auch hinter dem Haus im Schatten 35 Grad sind. Den gesamten Vormittag habe ich mich mit Buchführungsaufgaben beschäftigt, heute Mittag dann Tochter 3 während der Gluthitze zum Mittwochstermin gebracht.
Die Wartezeit habe ich zum Einkaufen genutzt, denn selbst an der Weser unterhalb der Schachtschleuse ist es einfach zu warm. Deswegen bin ich ganz in Ruhe mit dem Einkaufswagen an den Regalen langgeschlendert und habe die angenehme Innentemperatur genossen. Lauschen inklusive:

Zwei männliche Wesen jenseits des Renteneintrittsalters treffen sich vor dem Kaffeeregal. Der eine zum anderen: „Na, gut aus’m Urlaub zurück?“ – „Ja, vorgestern.“ – „Wo wart ihr denn?“ – „Inner Türkei.“ – „Ach, bei Erdogan?“ (das Grinsen konnte ich hören, ich schwöre) – „Ja, und da war alles ganz entspannt, nicht so’n Zinnober wie hier. Da laufen alle ganz normal rum. Keine Masken, keine Beschränkungen…“ – „Ja, echt, hier wird man nur erzogen, und zum Herbst wird das wieder richtig schlimm hier! Wart’s nur ab!!!“ (111!11!!1)

Ich hatte so ein bisschen den Drang, in die Unterhaltung einzuwerfen, dass es ja anscheinend hier mitunter notwendig sei, die Leute zu erziehen, wenn sie sich schon im Hochsommer bei hohen Inzidenzen, aber kaum Maßnahmen gegängelt fühlen. Und stattdessen die Freiheit in der Türkei loben. Ja, vielleicht fühlt man sich dort frei, wenn man nicht queer, oppositionell oder sonstwie unbeliebt ist. Die Türkei ist auf jeden Fall ein Land mit alter und spannender Kultur, einer tollen Küche, vielen Landschafts- und Kunstschätzen und sehr vielen tollen Menschen. Das gebe ich gern zu und warum auch nicht? Aber als Hort der Freiheit für alle gesellschaftlichen Gruppen sehe ich sie eher nicht.
Während Deutschland sich nur und ausschließlich dadurch „auszeichnet“, dass alle an der kurzen Leine der Regierung geführt werden und ihre Freiheitsrechte verlieren, oder wie?

Den Ausdruck „alter weißer Mann“ mag ich eigentlich genauso wenig wie „die Jugend von heute“, denn beide Ausdrücke ziehen sehr diverse Gruppierungen über einen Strang. Es gibt plietsche Senioren ebenso wie reaktionäre Jugendliche. Aber diese beiden Typen erfüllten so richtig schön das Klischee, das man vor Augen hat.

Nein, ich bin nicht aggressiv. Trotz Hitze. Ich bin nur langsam so unfassbar müde, wie wenig manche Mitmenschen über ihren eigenen begrenzten Tellerrand gucken und nur sich selbst wehleidig in den Mittelpunkt stellen.

Wenn in Deutschland alles so beschissen ist, dann wandert doch in irgendeine glorreiche Autokratie aus, ihr Hornochsen!

Segelausflug Steinhuder Meer

Als „kleine Alternative“ zu meinem ausgefallenen Segelurlaub war ich mit Mann und Tochter 2 gestern Nachmittag auf dem Steinhuder Meer. Wir hatten eine Neptun 20 gemietet, die mit Pinne gesteuert wurde. Es war „Anfängerwetter“, den Wind haben wir teilweise suchen müssen, aber da ich den ganzen Nachmittag steuerte, war es ganz gut so. Denn ich musste immer wieder umdenken, bei der Pinne steuert man nämlich vereinfacht und ganz unseemännisch gesagt nach links, wenn man nach rechts fahren will und umgekehrt. Aber durch die Langsamkeit (Spitzengeschwindigkeit etwas über 2 Knoten (knapp 4 Stundenkilometer😏) war es eine gute Übung für mich.

Das Wetter war super, bis auf den mäßigen Wind, es dümpelten viele Boote und fast noch mehr SUPs auf dem See herum. Die Herausforderung war, mit dem Boot rechtzeitig wieder am Bootsverleih anzukommen. Es hatte nicht mal einen E-Außenborder (das, was ich als Cappuccino-Quirl bezeichne), sondern zwei Stechpaddel (wie beim Kanadier) an Bord. Naja, zur Not hätte ich aussteigen und das Boot zurückschieben können, denn der Wasserstand ist zurzeit mal wieder sehr niedrig. Dementsprechend hatten wir zum ersten Mal eine Stak-Stange (wie bei den Fließen im Spreewald) mitbekommen, um uns eventuell aus dem Schlick befreien zu können. Da die Neptun nur 65 cm Tiefgang hat, kann man sich den Wasserstand des Steinhuder Meeres ausmalen…

Aber das wichtigste war: wir hatten einen schönen Nachmittag, die Fotos hat übrigens Yvonne gemacht, ich war ja beschäftigt. Trotzdem ist es natürlich bedenklich, dass der See jetzt schon das vierte oder fünfte Jahr nacheinander so wenig Wasser führt. Es gibt keine Quellen von unten, das Steinhuder Meer ist quasi eine große flache Pfütze, die von der letzten Eiszeit übriggeblieben ist. Nur der „Steinhuder Meerbach“ fließt hindurch. Für die Fische ist es nicht gut, denn das Wasser wird zu warm und zu sauerstoffarm, es gibt vermehrt Schlick und Algen, was dann auch Badegäste vergrault, auf die die beiden Orte Steinhude und Mardorf wirtschaftlich teilweise angewiesen sind. Ich komme nicht weg von der Beschäftigung mit dem Klima…

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