5. Dezember -Chocolate Charmers

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Vor zwei Jahren bekam ich ein Backbuch geschenkt. Na und, nicht weiter bemerkenswert für eine Buchhändlerin? Doch, in diesem Fall schon. Obwohl ich noch nicht sehr vieles nachgebacken habe, gibt es doch schon zwei bis drei Rezepte, die nicht nur mein persönliches Repertoire erweitert haben, sondern auch von unserer jüngsten Tochter öfter mal gebacken werden, nicht nur vor Weihnachten. Die Zutaten sind deswegen normalerweise auch immer im Haus. Die Besonderheit bei diesem Rezept: Vor dem Backen kommt der gerollte Plätzchenteig mindestens für eine Nacht in den Kühlschrank, denn nur gut durchgekühlt wird die Konsistenz der Cookies beim Backen dann richtig genial.

Am Freitag hatte ich diese Leckereien zu einem Kekswettbewerb eingereicht und prompt den ersten Preis gewonnen. Im Buch bewirbt die Autorin die Cookies mit den Worten: Sündig wie schwarze Spitzenunterwäsche😄. Oh lalà! Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie schwarze Spitzenunterwäsche schmecken könnte, aber die Cookies sind HAMMER! Mein tief empfundener Dank geht samt Verneigung raus an Cynthia Barcomi, die Berliner unter euch kennen sicher ihr Café.

Das Rezept findet ihr in diesem Buch:

Bibliographische Angaben: Cynthia Barcomi, Cookies, Mosaik Verlag, ISBN 978-3442-39278-0, € 17,99

4. Dezember – Ein Apfelbaum am Meer

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Es ist zwar kein Weihnachtsbuch, aber es lässt sich zu jeder Zeit sehr schön lesen.

Julie bekommt eine Einladung nach Juist, wo eine alte Freundin ihrer verstorbenen Großmutter lebt. Diese lädt sie zu ihrem 80ten Geburtstag ein, obwohl Julie noch ein Kind war, als sie zum letzten Mal mit ihrer Oma die Insel und Enna besucht hatte. Weil sie ohnehin gerade arbeitslos und frisch getrennt ist, nimmt sie die Einladung an und verbindet auch gleich einen längeren Aufenthalt bei ihrer Kindheitsfreundin Merle, die auf Juist ein Café führt, damit. Denn Merle hat Personalmangel und Julie backt für ihr Leben gern, meist nach den Rezepten ihrer Oma, die aus Italien stammte und nach Deutschland geheiratet hatte.

Auf der Insel fühlt Julie sich sofort willkommen, wird familiär aufgenommen und verliebt sich nicht nur in die Insel Juist, sondern auch ganz nebenher in einen Mann, den sie als Kind schon kannte und für den damals schon feststand, dass er sie einmal heiraten würde. Turbulente Ereignisse bestimmen die nächsten Wochen, ehe auch noch lange gehütete Familiengeheimnisse ans Licht kommen…

Ich mag die Bücher von Anne Barns, weil sie sich mit einer Leichtigkeit lesen lassen, die alles Alltägliche in den Hintergrund verschiebt. Regelrechte kleine Auszeiten vom Trott. Es kommen auch immer mal wieder Personen vor, die schon in anderen Titeln von ihr eine Rolle spielten, was zumindest bei mir ein Gefühl von Nachhausekommen auslöst. Noch dazu gibt es absolut verlockende Rezepte, von denen man glücklicherweise erstmal nur liest, weil man sonst nach der Lektüre sicher neue Hosen in einer Nummer größer bräuchte😂. Aber natürlich sind die letzten Buchseiten immer wieder einer leckeren Auswahl dieser Rezepte vorbehalten, damit man das eine oder andere doch noch nachbacken kann. Ich werde mich in den nächsten Tagen mal an der Apfelbutter versuchen, das klingt einfach megalecker.

Bibliographische Angaben: Anne Barns, Ein Apfelbaum am Meer, Harper Collins Taschenbuch, ISBN 978-3-365-00125-7, € 12,-

Hallo WordPress? Geht’s noch?

Was ist das denn jetzt für ein Zeitdiebstahl-Feature? Wenn ich einen neuen Post erfassen möchte, dann will ich nicht erst eine halbe Stunde damit verbringen, eine vorformulierte Frage, und mag sie ethisch-moralisch noch so berechtigt sein, zu entfernen, weil ich verwirrt bin, wo zum Teufel die jetzt herkommt.

Ebenso blöd finde ich es, dass ein erfasster Textblock ausgegraut wird, wenn ich den nächsten schreibe. Ich habe überhaupt keine Lust, mir hier erst mühselig alles wieder zurechtzurücken, wie es für mich passt.

Könnt ihr beim nächsten Mal vorwarnen, wenn ihr was so heftig ändert? Und das dann nicht mitten in der Vorweihnachtszeit machen, wenn unheimlich viel gepostet wird? Der Spaß am Adventskalenderbloggen ist mir fürs Erste mächtig verleidet. Ich habe auch aktuell überhaupt keine Zeit, mich mit solchem Kram zu beschäftigen.

So. Das musste mal geschrieben werden. Und jetzt fahre ich eben etwas eher arbeiten anstatt den übernächsten Tag vorzubereiten!

3. Dezember – Buchseitenengel und Sterne

Aus Alt mach Neu. Nachhaltiger Weihnachtsschmuck hat es mir dieses Jahr angetan. Nachdem ich gestern am Vormittag die Weihnachtsbäckerei gestartet habe (fast schon dekadent, an einem Werktag morgens zu backen, aber ich hütete das Enkelkind und man kann nie früh genug beginnen mit den Traditionen, oder😉?), saß ich nachmittags am Küchentisch, der schlafende Hinkehund ( der Ärmste hat einen Rheumaschub) lag unter dem Tisch, das ebenfalls schlafende Baby im Kinderwagen stand daneben, Bastelstunde war angesagt.

Alles, was ich brauchte, war ein altes Leseexemplar, meine Papierschneidemaschine, etwas Kleber, Holzperlen und Band.

Obwohl ich nicht unbedingt ein Basteljunkie bin, macht es mir von Zeit zu Zeit Spaß, zusätzlich sah ich zwischendurch nach draußen, vom Himmel fielen winzigkleine Schneeflocken ❄ und ich kam in genau die richtige Stimmung.

Der zukünftige Engel in der Mangel…

Die Bastelanleitungen habe ich auf Pinterest gefunden (ich weiß nur leider nicht mehr, wo genau), und wer seine alten Bücher nicht zerschnippeln mag, kann die lokale Buchhändlerin oder den Buchhändler des Vertrauens fragen. Vielleicht liegt ja noch das eine oder andere unbeliebte Leseexemplar im Lager…

Für Musikfans: Alte Noten sehen auch schick aus. Es darf auch gern etwas vergilbt sein für den Vintage-look.

2. Dezember – Behold

Ohne Musik geht es nicht. Obwohl ich Notendilettantin bin (ich kann daran nur erkennen, ob ich mit der Stimme höher oder tiefer rutschen soll, wie lange ich den Ton halten muss und ob eine Pause kommt), liebe ich Musik fast aller Richtungen. Es gibt tolle Advents- und Weihnachtslieder, die jedes Jahr wieder in der Playlist landen, richtige Evergreens, ohne die ich nicht durch den Advent komme. Dazu zählen Klassiker wie Macht hoch die Tür, ohne das ich mir Advent nicht vorstellen kann, Herbei o ihr Gläubigen oder die englische Version O come all ye faithful, eine Handvoll deutscher Weihnachtsklassiker aus Kindheitstagen, aber auch Christmas Lights von Coldplay, Little Drummer Boy in allen möglichen Versionen, Thank God it’s Christmas von Queen, Happy X-mas vom unvergessenen John Lennon, Do you hear what I hear oder unvermeidlich auch Feliz Navidad. Und viele andere.

Und es gibt das Kaufhausgedudel, vor dem mir schon im Voraus immer graut. Vor allem frage ich mich, warum ein ganz bestimmter Popsong aus dem Jahr 1984 zuverlässig immer wieder wochenlang mehrfach am Tag abgespielt wird, obwohl er vom Text her nicht unbedingt weihnachtspositiv ist. George Michaels Erben wird es freuen. Aber die vielen Einzelhandelsangestellten, die alle Jahre wieder damit dauerweichgespült werden, tun mir immer leid. Und wenn ich in den Kommentarspalten lese, wie gereizt unheimlich viele Menschen auf den Song reagieren, dann gerate ich ins Grübeln, ob man damit das Weihnachtsgeschäft ankurbeln oder die KäuferInnen eher möglichst schnell wieder loswerden möchte.

Es gibt aber auch jedes Jahr ein paar Songs, die neu dazukommen und meine Weihnachtsplaylist immer länger werden lassen. Eins davon stelle ich heute vor, weil es modernen Lobpreis mit traditionellen Elementen kombiniert:

1. Dezember – Orangenscheiben

Heute geht es nun los mit dem Adventskalender. Ich habe beschlossen, dieses Jahr ein wenig von allem, was mir Spaß macht, zu einer Melange zusammenzustellen. Ein bisschen Basteln, eine Prise Backen, ein paar Bücher, Musik, Geschichten…

Mein erster Beitrag kam zustande, weil ich drei Orangen und zwei Äpfel in der Obstschale gefunden habe, die schrumpelig geworden waren. Die Orangen ließen sich nicht mehr schälen, die Äpfel fühlten sich wie Gummi an. Im Küchenschrank fand ich noch dazu Gewürznelken, die überaltert waren und einige uralte Zimtstangen, die alle Jahre wieder als Deko auf dem Adventskranz lagen, hatte ich auch noch gefunden.

Gemäß dem Grundsatz, dass möglichst alle Fundstücke eine sinnvolle Verwertung verdient hatten, habe ich das Obst in dünne Scheiben geschnitten und im Backofen bei niedriger Temperatur und mit Kochlöffel in der Ofentür getrocknet. Ein paar Randschnipsel in Streifen kamen noch dazu. Das hatte zwei angenehme Nebeneffekte, ich konnte die Heizung in der Küche beim Aufräumen und Abwaschen runterdrehen und es roch auch sehr adventlich, was meine Stimmung hob.

Die Obstscheiben werde ich nutzen, um Geschenke zu dekorieren, die Schnipsel mische ich mit den alten Gewürzen zu Potpourris.

Und so sehen die Scheiben getrocknet (aber immer noch schön gelborange) aus:

Ein entlastender Gedanke

Ich lese gerade als Rezensionsexemplar das Buch Demokratie als Zumutung, werde es auch später noch hier vorstellen. Aber es ist kein Buch, das man mal eben durchhecheln kann. Eher im Gegenteil, alle paar Absätze stoße ich auf Denkansätze, die mir neu oder zumindest nicht bewusst waren. Nicht verwunderlich, denn wenn man in ein Land, ein System hineingeboren wird, macht man sich recht wenig Gedanken darüber, man kennt es von klein auf und wächst intuitiv in die Abläufe und Werte hinein.

Ein bisschen ist es wohl wie in einer Beziehung: solange alles läuft, man sich prinzipiell einig ist, kann man mit den Macken des Partners gut umgehen. Passiert aber etwas, was dieses Grundgerüst stört, findet man auch andere Gewohnheiten, die plötzlich nicht mehr akzeptabel erscheinen (obwohl es sie schon lange gab) und dann muss man sich entscheiden, entweder an der ganzen Sache zu arbeiten oder sich zu verabschieden.

Genau so etwas ist (nicht nur) in Deutschland passiert. Corona, der Klimawandel und jetzt auch noch der Krieg in der Ukraine haben uns mit Wucht offenbart, dass wir doch nicht so in Einigkeit leben, wie es unsere Nationalhymne gerne hätte. Tendenzen, die es während der Finanzkrise und der Flüchtlingswelle schon gab, konnten noch übertüncht werden, aber irgendwann kam für viele ein Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

Und hier kommt jetzt ein Gedanke des Autors zum Tragen, der bei näherer Überlegung geeignet ist, den Druck aus dem Kessel zu nehmen:

Nun könnte man einwenden, dieses Misstrauen gegenüber dem Staat und der Politik sei gerade ein Zeichen für eine »gesunde« Demokratie. Sind nicht die Möglichkeiten, gegen staatliches Handeln Einspruch zu erheben, eine zentrale Errungenschaft der Demokratie? Gegen jeden Verwaltungsbescheid kann man sich gerichtlich wehren. Und die Glaskuppel des Reichstagsgebäudes soll ja nicht nur dem interessierten, sondern durchaus auch dem misstrauisch-kontrollierenden Blick des Wahlvolkes die freie Sicht auf das Parlament ermöglichen.

Der französische Ideenhistoriker Pierre Rosanvallon nennt diese Mechanismen der Kontrolle und des Einspruchs durch die Bürgerinnen und Bürger die »Gegen-Demokratie«. Jede kollektiv bindende Entscheidung, so seine These, kann wieder durch andere Mechanismen in Frage gestellt werden, durch Gerichte, Petitionen, den Gang zum EUGH. Demokratie und Gegen-Demokratie gehören immer zusammen.

Und in der Tat scheint es wichtig, als Gegenbegriff einer grundlegenden Entfremdung nicht so etwas wie Einklang zu imaginieren: Dass Bürgerinnen und Bürger einerseits und politische Eliten und staatliche Institutionen sich immer auch fremd sind, ist eher ein Zeichen für eine produktive Spannung. Denn ein vollends, ein ganz und gar zufriedenes »Volk« gibt es nur in Autokratien oder Diktaturen. Die Nationalsozialisten plakatierten Hitler-Bilder mit der Unterzeile »Denn Du bist Deutschland.« Eine (ja immer nur imaginierte) Identität von Regierenden und Regierten ist zweifelsohne brandgefährlich. Denn wo es Identität gibt oder diese behauptet wird, entfällt die Vermittlung. Dort kann es keine produktive Spannung mehr geben und daher auch keine Fortentwicklung von Argumenten oder Politikansätzen.

Überall dort, wo populistische Bewegungen behaupten, der leader sei ganz und gar »einer von uns«, ein Mann oder eine Frau »aus dem Volk«, sollte man hellhörig werden.

Eine Spannung zwischen Repräsentierten und Repräsentanten ist also nicht nur erwartbar, sondern sie kann auch produktiv sein. Der Politikwissenschaftler Winfried Thaa spricht in einem sehr einflussreichen Aufsatz von »Differenzrepräsentation«: Es sind gerade die Spannungen, die produktiv sein können, so Thaa. Die populistische Erwartung einer Identität zwischen dem ›authentischen‹ Volk einerseits und den Eliten macht im Umkehrschluss deutlich, worin repräsentative Demokratie auch besteht: aus der Repräsentation von Differenzen.

Der Satz »Ich fühle mich durch die da oben nicht repräsentiert!« wäre aus dieser Sicht zu hinterfragen. Erstens sind Parlamente und Regierungen nicht dazu da, Individuen zu repräsentieren, sondern um eine Vorstellung des Gemeinwohls zu formulieren. Zweitens wäre schon die Erwartung an eine Identität naiv: Entfremdung oder zumindest eine gewisse Fremdheit zwischen Repräsentierten und Repräsentanten besteht nicht nur aus logischen Gründen, sondern ist – in einem gewissen Maße – normativ als Voraussetzung für produktive Spannungen durchaus begrüßenswert.

Felix Heidenreich, Demokratie als Zumutung (Klett-Cotta)

Ein wichtiger Aspekt scheint mir zu sein, dass wir in grundsätzlichen Diskussionspunkten nicht mehr gewohnt sind, uns mit Argumenten anderer, vor allem Andersdenkender, auseinanderzusetzen. Das merke ich auch an mir selbst, obwohl ich es grundsätzlich versuche, mir unterschiedliche Blickpunkte anzusehen. Das ist ein Problem, das uns die Algorithmen des WWW bescheren. Es ist halt nicht nur so, dass uns aufgrund unserer Onlinebestellungen bestimmte Waren angeboten werden, sondern auch Meinungen anhand unseres Such- und Leseverhaltens in den Browser geschwemmt werden. Dass dieses sehr vielen Leuten überhaupt nicht bewusst ist, merkt man an der inflationär gebrauchten Aufforderung: „Googel doch selbst, dann siehst du es!“ Nein, sehe ich nicht. Denn ich suche meist ganz andere Sachen, da bekomme ich dann auch andere Vorschläge. Die Suchmaschinen sind nicht objektiv, sondern responsiv.

Wie auch immer, ich weiß noch nicht, wie es im Buch weitergeht. Ob diese These wiederum auf den Prüfstand gestellt und vielleicht sogar verworfen wird. Ich bin gespannt. Aber als ich den zitierten Absatz heute früh quasi als Nachtisch zum Frühstück las, empfand ich die Sichtweise als entlastend. Und das wollte ich unbedingt mit euch teilen.

Verspäteter Advent

„Meine Damen und Herren, der erste Advent hat heute voraussichtlich 12 Stunden Verspätung. Suchen Sie sich einen warmen und ruhigen Platz, genießen Sie einen Tee oder Kaffee und greifen zum selbstgekauften Spekulatius. Wir bitten herzlich um Entschuldigung für die Unannehmlichkeiten, der stressige Alltag ist unvorhergesehen auf der Strecke liegengeblieben. Die finale Ankunft von Weihnachten wird von der Verzögerung nicht betroffen sein. Wir wünschen trotz aller Unannehmlichkeiten einen guten Start in die Adventszeit.“

So oder ähnlich hätte ich den Tag beginnen können. Wobei, so unvorhergesehen war das mit dem Alltag nicht. Es sind so viele unterschiedliche Dinge, die mich in den letzten Tagen und Wochen beschäftigten, es war eher eine Verspätung mit Ankündigung. Vor ein paar Jahren hätte das noch einen mittleren Nervenzusammenbruch bedeutet, aber ein ganz kleines bisschen Altersweisheit scheint sich doch bei mir breitzumachen. Denn seit einiger Zeit habe ich immer weniger Probleme damit, die Zeit des Advent langsam anzugehen und mich auf das Warten nicht nur einzustellen, sondern sogar die langsame Steigerung – na ja, nicht gerade zu genießen – aber für meine Begriffe gelassen hinzunehmen.

Immerhin habe ich die Kisten mit der Deko schon seit einigen Tagen im Wohnzimmer stehen und gestern auch die (noch leere) Krippe aufgestellt. Übrigens eine Krippe aus alten Obstkistenlatten, auf einer Sperrholzplatte. Beim Krippenpersonal fehlt einem Schaf ein Bein, ich gebe mir immer Mühe, es so aufzustellen, dass es eine Stütze hat. Alles in Allem verbildlicht das Ensemble unsere kaputte Welt in meinen Augen ehrlicher als eine prächtige, vielleicht sogar mit Blattgold belegte Kulisse. Ich mag sie und sie ist der erste Schritt für mich, in die „besinnliche“ Zeit hineinzufinden.

Ich wünsche euch einen gesegneten und friedvollen ersten Advent, in dieser Zeit erst recht.

Ehe die Adventszeit losgeht

möchte ich den letzten Eintrag meines Vorjahresadventskalenders einmal in Erinnerung rufen. Weil wir Buchhändlerinnen in den allermeisten Fällen ausgesprochene „Weihnachtselfen“ sind und ganz viel Liebe für Buchgeschenke mitbringen.

Weil Bücher immer noch die Welten sind, die wir uns selbst eröffnen. Egal, ob wir uns den Krimi im Kopf gerade so blutig vorstellen können, wie wir es ertragen, ob wir uns auf Nordsee-Inseln in eine heile Welt träumen, mit Pippi Langstrumpf, dem Grüffelo oder den drei Fragezeichen Abenteuer erleben, Sprachen lernen, etwas über die Welt von vor-vor-vorgestern erfahren wollen …

Weil Buchhändler den Beruf ausüben, den sie lieben, auch wenn man damit nicht ins All oder gar zum Mars fliegen kann, weil man sich eine goldene Nase verdient.

Weil man bei uns in den Buchhandlungen zum Buch auch noch eine gute Flasche Wein, einen leckeren Tee oder sündhaft gute Schokolade kaufen kann und die Geschenke ohne viel Chichi nachhaltig verpackt werden.

Weil wir zur Hochform auflaufen, je näher Weihnachten kommt.

Weil wir Menschen mögen, die Bücher lieben.

Black Friday mit Ohrwurm

Ich muss heute unbedingt mal ein bisschen albern sein. Seit gestern habe ich einen Ohrwurm, irgendwie kamen wir beim Mittagessen auf den Song, den unsere Tochter dann erstmal zum Besten gegeben hat. Wir hatten alle viel Spaß dabei und ich finde, er passt als Gegenpart zum heutigen „Black Friday“, an dem ich bereits frühmorgens mit Sondernewslettern bombardiert werde und mit stoischer Ruhe einen nach dem anderen wieder lösche.

Ich präsentiere:

Es ist schon ein paar Jahre her, dass Kathrin und ich gemeinsam in jeden neuen Bibi & Tina-Film gingen, am liebsten an Neujahr, wenn es passte, weil wir versuchen, jedes Jahr mit einem Kinofilm zu beginnen. Es war jedes Mal eine spaßige Gelegenheit, die auch andere Mutter-Tochter-Gespanne oder Teeniegrüppchen wahrnahmen. In bester Disneymanier boten die Filme für alle Altersgruppen von Familien harmlose, aber witzige Unterhaltung. Geschenkt haben wir uns nur den neuesten Film, weil hier die Besetzung geändert wurde und wir uns das nicht so recht vorstellen konnten.

Ansonsten ist mir gerade eben die bisher erfolgsversprechenste Idee gekommen, wie ich dieses Jahr den Adventskalender hier auf dem Blog gestalten könnte. Manchmal brauche ich einen gewissen Druck, um in die Puschen zu kommen🙈.

Endgame – Apokalypse (now?)

Endzeitstimmung? Symbolfoto: pixabay

Lesungs- und Predigttext des gestrigen Ewigkeitssonntages beschäftigen mich immer noch. Die Texte aus der Offenbarung und dem Markus-Evangelium über die Endzeit der Menschheit und die Wiederkunft Christi lesen sich lange nicht so aktuell wie in diesem Jahr.

Der Lesungstext aus der Offenbarung Kapitel 21 war immer ein Text, der mir Hoffnung geschenkt hat:

1 Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde. Denn der vorige Himmel und die vorige Erde waren vergangen, und auch das Meer war nicht mehr da. 2 Ich sah, wie die Heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkam: festlich geschmückt wie eine Braut für ihren Bräutigam. 3 Eine gewaltige Stimme hörte ich vom Thron her rufen: »Hier wird Gott mitten unter den Menschen sein! Er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein. Ja, von nun an wird Gott selbst in ihrer Mitte leben. 4 Er wird ihnen alle Tränen abwischen. Es wird keinen Tod mehr geben, kein Leid, keine Klage und keine Schmerzen; denn was einmal war, ist für immer vorbei.« 5 Der auf dem Thron saß, sagte: »Sieh doch, ich mache alles neu!« Und mich forderte er auf: »Schreib auf, was ich dir sage, alles ist zuverlässig und wahr.« 6 Und weiter sagte er: »Alles ist in Erfüllung gegangen. Ich bin der Anfang, und ich bin das Ziel, das A und O. Allen Durstigen werde ich Wasser aus der Quelle des Lebens schenken. 7 Wer durchhält und den Sieg erringt, wird dies alles besitzen. Ich werde sein Gott sein, und er wird mein Kind sein.

https://www.bibleserver.com/HFA/Offenbarung21

Vor allem der Vers 4 ist der ultimative Trostgedanke. Wir werden alles, was uns in unserem Leben Leid und Schmerz bereitet, überwinden. Aus, vorbei, vielleicht nicht mal mehr eine Erinnerung wert, wird alles sein, was uns Kummer bereitet: Krankheit, Krieg, Klimawandel. Die modernen drei K’s, nicht nur für Frauen. Schade eigentlich, dass dafür erst alles den Bach runtergehen muss, denn es ist ja eine grundsätzlich sehr schöne Lebensumgebung, die wir drangeben müssen. Aber wir wissen natürlich nicht, wie es danach aussehen wird, bis auf die Bilder, die uns das 21. Kapitel der Offenbarung weiter liefert: Gold, Kristallglas, Edelsteine, Perlen etc. sehen aus unserer Sicht doch recht nach Großkapitalismus aus. Sie sind allerdings symbolisch für kostbare und seltene Dinge zu sehen, denn als das Buch der Offenbarung geschrieben wurde, wurden diese Schätze noch nicht im großen Stil mit industriellen Mitteln wie heutzutage gefunden und geschürft. Damals waren sie wirklich noch sehr besonders.

Ganz anders klingt der Predigttext, viel alarmistischer und drängender:

32 »Doch niemand weiß, wann das Ende kommen wird, auch die Engel im Himmel nicht, ja, noch nicht einmal der Sohn. Den Tag und die Stunde kennt nur der Vater. 33 Darum haltet die Augen offen und seid wachsam! Denn ihr wisst nicht, wann es so weit ist. 34 Es wird dann so sein wie bei einem Mann, der vorhat, ins Ausland zu reisen. Bevor er sein Haus verlässt, überträgt er seinen Dienern die Verantwortung: Er weist jedem eine bestimmte Arbeit zu und befiehlt dem Pförtner, wachsam zu sein. 35 Genauso sollt auch ihr wach bleiben. Ihr wisst ja nicht, wann der Hausherr kommen wird, ob am Abend oder um Mitternacht, im Morgengrauen oder nach Sonnenaufgang. 36 Wenn er plötzlich kommt, soll er euch nicht unvorbereitet und schlafend antreffen. 37 Was ich euch sage, gilt auch für alle anderen Menschen: Ihr müsst immer wachsam und bereit sein!«

https://www.bibleserver.com/HFA/Markus13

Seid wachsam! Zur Zeit des Lebens Jesu Christi und auch in den Jahren nach seiner Kreuzigung lebten die Menschen in der sogenannten Endzeiterwartung. Sie gingen felsenfest davon aus, dass sie die Wiederkunft erleben würden. Voraussagen in die glorreiche Zukunft der Menschheit gab es nicht. Das Volk Israel lebte unter der römischen Besatzung, sie waren zum Teil fremdbestimmt, auf jeden Fall gab es mit der Herrscherdynastie des Herodes Marionettenkönige. Technologie als Zukunftsvision war unbekannt. Wachsamkeit war überlebenswichtig.

Und wir heute? Wir leben, als müsse alles ewig weitergehen. Alles Mögliche verschieben wir in die Zukunft:
– wenn ich in Rente bin, werde ich reisen…
– in 10 Jahren wird es eine Technologie geben, die das überflüssige CO2 aus der Atmosphäre holt
– in Zukunft wird die Menschheit sich anpassen an die neuen Gegebenheiten
– oder das Credo der Nachkriegsgeneration: Unsere Kinder sollen es einmal besser haben

Es gibt da nur ein paar Störfaktoren in dieser Zukunftsmusik: einige Gruppen von Aktivisten, die ähnlich wie die ersten Christen in der Erwartung der Endzeit leben, allerdings nicht in der Erwartung der schönen neuen Zeit, sondern zunächst einmal in der Überzeugung, die Katastrophen und die Apokalypse, die alledem vorangehen werden, stehen unmittelbar bevor: Kriege, Erdbeben und andere Naturkatastrophen, Fluchtbewegungen, Verleumdung, Hassrede, Verrat, falsche Propheten. Aber sind sie deswegen nur weltfremde Spinner und Chaoten? Ich denke nicht. Im Angesicht großer Ängste reagieren manche Menschen mit der Verleugnung von Gefahren, andere mit anscheinenden Überreaktionen.

Denn das alles klingt nicht sooo abwegig und fremd, so gegen Ende des Jahres 2022. Aber: in Wellen war die Menschheit schon immer mal wieder davon überzeugt, unmittelbar vor dem Untergang zu stehen.
Die Wahrheit ist: Keiner von uns weiß es genau, niemand kann es vorhersagen, es kann sein, es kann aber auch noch ein Zeitalter weitergehen.

Die eigentliche Frage, die sich stellt, ist doch eher: Wie verhalten wir uns angesichts der Unwägbarkeiten?
Lassen wir die Sau raus, volle Kanne in den Untergang, keine Panik auf der Titanic (auf der bis zuletzt Party und Musik war)?
Oder gehen wir in Sack und Asche, geißeln uns, ziehen das Büßerhemd an?

Mir persönlich sind diese beiden Extrempositionen fremd und daher keine Optionen. Ich ziehe es vor, im Angesicht der Ungewissheit ein gutes Leben zu führen. „Gut“ heißt für mich in dem Zusammenhang: möglichst ressourcenschonend, nach Möglichkeit niemandem unbedacht wehtun, keinen groben Unfug veranstalten und hoffentlich inspirierend sein für einige Menschen in meinem Umfeld. Weder auf der einen noch auf der anderen Seite „vom Pferd fallen“ und noch ein wenig Geduld und andere Skills lernen.

Und auch wenn es altmodisch klingt: Ich möchte mir mein Grundvertrauen nicht nehmen lassen. Mein Vertrauen in die Menschen, mit denen ich zu tun habe. Mein Vertrauen in das politische System unseres Landes (das trotz aller Luft nach oben halt auch nicht das Schlechteste ist). Mein Vertrauen, dass es Institutionen und Menschen gibt, die es gut und ehrlich meinen, mich nicht über den Tisch ziehen oder alles aus mir rauspressen wollen. Vertrauen auch in meinen Glauben, dass noch etwas Großes auf mich wartet, dass ganz am Ende keine Tränen mehr sein werden. Nicht blauäugig (obwohl ich blaue Augen habe), aber hoffnungsvoll. Ich möchte die Hoffnung auf keinen Fall verlieren. Denn sie ist es, die das Leben lebenswert macht.

Ich mag

Während ich die Überschrift tippe, fällt mir ein, dass es ein Lied von Rolf Zuckowski gibt mit diesem Titel. Was einem halt als Muttertier einfällt, zu vollkommen unpassenden Zeiten. Wie so alte 80er-Jahre Fetensongs, die sich immer mal wieder ungebeten als Ohrwurm einnisten, wenn das richtige Stichwort kommt. Ob nun eisgekühlter Bommerlunder, Black Betty oder 99 Luftballons. Sorry, ich schweife ab, aber ihr sollt schließlich auch etwas davon abbekommen😉.

Also, zurück zum Thema: Es gibt vieles, das ich mag. Und ebenso vieles, das ich überhaupt nicht leiden kann.
Ich mag die Provence, den Duft von Lavendel, warmen Wind vom Meer auf der Haut, Tapenade …, aber mir gruselt es vor schlabberigen Austern, Kopfschmerzen durch Mistral und Taschendieben im Gedränge südfranzösischer Altstädte.
Ich mag Cappuccino, Gelato und Pasta, aber mir kann die Mafia und das stinkige Müllproblem von Neapel gestohlen bleiben.
Ich mag die Appalachen und würde dort gern mal wandern gehen. Ich mag die Weite des amerikanischen Westens, die Hippiestädte Kaliforniens und würde auch gern mal im Central Park in New York Schlittschuhlaufen. Aber ich bin abgestoßen von Trump, Vertretern des Wohlstandsevangeliums und dem Waffenfetischismus in den USA.
Ich lebe gern in Deutschland, finde die vielfältigen Landschaften und Dialekte genial (auch wenn ich nicht alle verstehe) und auch manches Brauchtum, aber ich finde es vermessen und abartig, wenn einige Mitbürger anderen das Existenzrecht in unserem Land absprechen, ewiggestrige Parolen grölen und meinen, bestimmen zu dürfen, wer oder was „Deutsch“ ist.

Ich bin fasziniert von dem irre großen Land Russland, das sich über verschiedene Zeit- und Klimazonen erstreckt, der „russischen Seele“ mit ihrer Melancholie, gerade auch in der Literatur, der abwechslungsreichen Geschichte und vielen warmherzigen Menschen, aber ich kann es einfach nicht begreifen, wie eine machtgierige Elite dieses Land und seine Menschen mit üblen Methoden regiert und dann auch noch ein Nachbarland überfällt.
Ich ziehe den Hut vor Chinas reichhaltiger Kultur, grandiosen Leistungen wie der chinesischen Mauer, Erfindergeist und sogar der Selbstdisziplin sehr vieler Menschen dort, aber ich verurteile, wie sehr der Grad der Überwachung und das Misstrauen gegenüber der eigenen Bevölkerung dort das tägliche Leben bestimmt.

Und so gibt es sehr vieles, das ich überall in der Welt und auch vor meiner eigenen Haustür faszinierend oder spannend finde, das ich bewundere, dem ich vielleicht sogar nachzueifern versuche. Aber ebenso gibt es auch überall, sogar in meinem persönlichen Umfeld, immer mal wieder Facetten, die ich schwer ertrage, Verhaltensweisen, denen ich nicht zustimmen kann und anderes, das mich abstößt.

Es gibt Menschen, die ich schätze, die aber schwer zu verdauende Äußerungen tätigen, und es gibt Menschen, die ich absolut nicht mag, aber auch die sagen mitunter Dinge, die ich bejahe. Und anderen geht es mit mir ähnlich. Das alles sollte eigentlich ganz normal sein, aber es macht mich in der letzten Zeit zunehmend verrückt, dass diese ganzen vielen kleinen Mosaiksteinchen, aus denen unsere Realität besteht, erst übertüncht werden und dann das entstandene Bild in zwei Teile zerbrochen wird. In Schwarz und Weiß, in Dafür und Dagegen, Heiß und Kalt, Links und Rechts, Oben und Unten, Gut und Schlecht (oder sogar „teuflisch“). Es ist eine Verengung, die das Leben manchmal anstrengender macht, als es sein müsste. Es beschränkt uns und unseren Ideenreichtum. Es macht uns mürbe. Es ist manchmal echt frustrierend.

Ich bin verwirrt.

Winterzauber in den Dünen

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Kleine Auszeit gefällig? Etwas Winterromantik? Aber bitte nicht die x-te Liebesgeschichte mit jungem, knackigen Personal?

Ja, das geht. Anja (witzig, den eigenen Namen ständig im Buch zu lesen) ist seit zwei Jahren Witwe, trauert noch immer und stößt deswegen auf Unverständnis. Als es nicht klappt, sich durch immer mehr Arbeit abzulenken, sondern sie im Gegenteil in eine tiefe Krise gerät, nimmt sie sich über Weihnachten eine Auszeit , und dann auch noch auf Juist, wo sie als Abiturientin ihre erste Liebe erlebte.
Im Gästebuch des Hotels findet sie einen Eintrag, der ihr verrät, dass Thomas, der Gegenstand dieser Liebe, vor kurzem ebenfalls dort im Urlaub war. Kurzerhand sucht und findet sie seine Kontaktdaten und schreibt ihm. Daraus entwickelt sich eine rege Korrespondenz, denn auch Thomas lebt allein, nachdem einige Jahre vorher seine Ehe gescheitert ist und die Söhne erwachsen wurden.

Keiner von beiden ist sich sicher, was sich hier entwickelt. Schmetterlinge im Bauch mit Ende 50? Kann und darf man sich in diesem Alter noch einmal verlieben? Und wie soll das funktionieren, mit Falten, Zipperlein und dem einen oder anderen Kilo zu viel auf den Rippen? Fragen über Fragen. Kein Wunder, dass es bei den Mails zu Missverständnissen kommt, zumal Anja durch ihr Engagement für ein kleines Mädchen und dessen Tante mit Beschlag belegt wird und Thomas‘ Exfrau plötzlich auf ein Liebescomeback hofft…

Mir hat das Buch gefallen, es bietet ostfriesisches Inselflair, vorweihnachtliches Wetter und eiert auch nicht um die Fragen herum, die man sich im etwas fortgeschrittenen Alter bezüglich seiner Attraktivität und Anziehungskraft durchaus mal stellt. Abwechselnd Selbstzweifel und Überschwang der Gefühle sind eben keine Privilegien der Jugend. Und irgendwann ist Frau einfach damit durch, sich Gedanken über Kinderwunsch, die Alternativen Liebe oder Karriere und andere Themen zu machen, die mit Mitte/Ende 20 tatsächlich noch wichtig sind. Aber es bietet eine willkommene Ablenkung von allem, was unser Leben augenblicklich so unübersichtlich macht, und das ist in diesen Tagen manchmal einfach notwendig.

Bibliographische Angaben: Felicitas Kind, Winterzauber in den Dünen, Piper Taschenbuch, ISBN 978-3-492-31750-4, € 12,-

Recht und Ordnung?

Vorweg: Ich glaube grundsätzlich daran, dass wir in einem Land leben, in dem die Demokratie funktioniert, wir meist schlüssige Gesetze haben und auch im Großen und Ganzen angemessene Sanktionen gegen Straftäter ergriffen werden.

Aber manches bringt mich momentan ins Grübeln. Aktuell ist es ein sehr mulmiges Gefühl, wie zwiespältig das Rechtsempfinden gehandhabt wird. Ich weiß zu wenig über die konkreten Fälle und möchte deswegen nicht im großen Stil herumkrakeelen, aber ich empfinde ein gewisses Ungleichgewicht. Die Aktion der „letzten Generation“ in Berlin ist wirklich nicht das, was meine bevorzugte Protestform darstellt, aber den Klimaaktivisten hier eine Nähe zum Terrorismus zu unterstellen, weil Autofahrer im Stau keine Rettungsgasse gebildet haben, finde ich schon sehr gewagt. Wenn ich in Städten mit dem Auto unterwegs bin, gehören Staus aus ganz unterschiedlichen Gründen zum „Normalbild“. Ob Lieferwagen in der zweiten oder sogar dritten Reihe, die Müllabfuhr, Rettungseinsätze, Unfälle, Fahrer, die Kreuzungen blockieren, weil sie bei Grün einfach fahren, ohne darauf zu achten, ob sie aus dem Kreuzungsbereich auch wieder rauskommen, Feierabendverkehr, Baustellen, … Gründe gibt es reichlich. Mir ist aber in diesen ganzen alltäglichen Situationen noch nie aufgefallen, dass Rettungsgassen gebildet wurden oder auch nur möglich wären, weil ich oft das Gefühl habe, wenn ich jetzt die Kofferraumklappe öffne, fährt mir mein Hintermann da rein. Und wenn ich schonungslos ehrlich bin, im alltäglichen Stau verhalte auch ich mich nicht immer so, dass ich mit einem kühnen Schwenk sofort aus dem Weg fahren könnte. Weil diese Staus so allgegenwärtig sind, dass sie uns wie der Normalzustand vorkommen. Wir denken im Allgemeinen überhaupt nicht darüber nach.

In Bayern ist es aufgrund eines Gesetzes möglich und wird zurzeit auch angewendet: da sitzen Klimaaktivisten für dreißig (!) Tage präventiv im Gefängnis, weil die Möglichkeit besteht, dass sie sich nach ihrer Freilassung wieder auf die Straße kleben. Das wirft gleich mehrere Fragen auf: Wenn diese Leute nach einem Monat wieder rauskommen, sind die dann so „geläutert“, dass sie auf derartige Aktionen verzichten? Glaubt das ernsthaft irgendjemand? Oder werden sie dann eben gleich wieder eingebuchtet? Warum wird dieselbe Regel nicht angewendet, wenn irgendwelche Idioten Brandsätze auf Politikerbüros oder Flüchtlingsunterkünfte werfen? Und warum müssen sich andererseits Frauen, die gestalkt werden, immer wieder anhören, dass die Polizei machtlos sei, solange „nichts passiert“. Wobei es schon ein Hohn ist, wie die Definition für „nichts passiert“ lautet, denn Psychoterror ist alles, aber nicht „nichts“! Natürlich gibt es die Unschuldsvermutung. Und es ist grundsätzlich richtig, dass nicht jeder einfach in den Knast wandern darf, weil er seiner Ex mit einem Messer auflauern könnte. Aber mit welcher Begründung dürfen dann Menschen verhaftet werden, die sich eines Eingriffes in den Straßenverkehr strafbar machen könnten? Ist das Grundrecht der unbestimmten Masse „Verkehrsteilnehmer“ höher zu bewerten als das Grundrecht von ganz konkreten Frauen und Kindern auf körperliche und seelische Unversehrtheit oder das Recht von Flüchtenden auf eine sichere Unterbringung? Ich verstehe den Unterschied nicht so wirklich.

Wenn ein Spitzenpolitiker sich weigert, sinnvolle Maßnahmen zu ergreifen, um ein Minimum an Klimaschutz zu gewährleisten, dann gibt es möglicherweise ein halbgares „Du Du!“ Er bleibt im Amt, er bekommt sein Gehalt, Zulagen und später seine Pension. Persönliche Folgen: Fehlanzeige. Ebenso wie Spitzenmanager, die eine Firma an die Wand fahren. Vielleicht bekommen sie ein Problem, wieder einen adäquaten Job zu finden, solange kein Gras über die Sache gewachsen ist, aber ansonsten gibt es keine Konsequenzen. Dafür sorgen Manager-Versicherungen, die bei krassen Fehlentscheidungen einspringen. Während Solo-Selbständige oder viele mittelständische Arbeitgeber mit ihrem Privatvermögen haften und im schlimmsten Fall zeitlebens nicht mehr auf die Füße kommen.

Es wird Gründe geben für diese Diskrepanzen, sie mögen sogar mitunter sinnvoll sein, aber mindestens eines läuft ganz gewaltig schief: Die Kommunikation. Wenn immer mehr Menschen das Gefühl haben, dass manche gleicher sind als der Rest, dann entstehen Probleme. Gewaltige Probleme, die wir als Gesellschaft uns nicht leisten können. Denn im Endeffekt steht viel mehr auf dem Spiel als Befindlichkeiten von einzelnen Personen oder Gesellschaftsgruppen. Viel mehr als Kernkraft ja oder nein. Mehr als Bürgergeld oder Hartz. Mehr als Gendern oder nicht. Oder was auch immer gerade kontrovers diskutiert wird. Wir verlieren uns auf Nebenschauplätzen, weil es uns unerträglich scheint, uns mit dem eigentlich Wichtigen zu befassen. Aber wenn wir im Grundsatz unsere freiheitliche Gesellschaftsordnung erhalten wollen, dann müssen wir anfangen, uns gezielt von Gewohnheiten verabschieden, die zwar bequem sind, aber auf Dauer die Lebensgrundlagen zerstören. Denn mit zunehmenden Unsicherheiten in eben diesen Grundlagen kommen autoritäre und populistische Demagogen umso schneller zu ihren Zielen. Das kann sich niemand ernsthaft wünschen. (Nur ein Beispiel: wer sich hier noch immer in einer „Corona-Diktatur“ wähnt, der blicke doch mal ins Reich der Mitte, wo ein Husten eines Menschen ausreicht, um Tausende auf unbestimmte Zeit in überwachte Quarantäne zu verfrachten…)

Land(wirtschaft) II

Zurück zu mir. Ich habe hier im Umkreis viele Möglichkeiten, versuche auch, sie zu nutzen, aber natürlich gelingt mir das nicht immer. Die Gründe dafür sind vielfältig: Für einige Angebote muss ich mich bewusst ins Auto setzen und eine längere Strecke fahren. Das versuche ich dann so zu legen, dass keine Einzelfahrten entstehen, sondern in der ungefähren Richtung mehrere Besorgungen anliegen. Die Landwirte beziehen teilweise auch schon solche Überlegungen der Kundschaft mit ein, indem sie untereinander Waren tauschen und in den Hofläden so eine breitere Auswahl anbieten. Rind und Schwein kommen sowieso nur noch selten auf den Tisch. Da kaufe ich dann sehr gezielt ein (beim Rind ist das dann immer eine Kiste mit allem, was das Tier so hergibt). Manchmal fehlt es an der Zeit, da muss der Einkauf „zwischen Suppe und Kartoffeln“ stattfinden – ja und manchmal ist auch ein bisschen Ebbe im Portemonnaie.
Anspruch und Wirklichkeit passen also nicht immer deckungsgleich übereinander. Aber das Bewusstsein ist da, die Auseinandersetzung mit dem, was auf den Tisch kommt oder auch nicht, die Überlegung, wo unser Essen eigentlich herkommt. Wir kochen kleinere Mengen, unsere Tochter nimmt am nächsten Tag Reste als Schulessen mit (die kalkuliert sie an ihren Kochtagen gleich mit ein). Oder wir kochen gleich im ganz großen Stil und frieren portionsweise ein. Bei Rot- und Grünkohl mache ich das ebenso wie bei Gulasch und Eintöpfen. Ich habe inzwischen auch verschiedene Kellen, die sich sehr gut zum Abschätzen der Portionsgrößen eignen, ein Übrigbleibsel aus der Kinderfreizeitphase.

Ich backe öfter selber Brot und Brötchen, taste mich an neue Rezepte heran und mache auch das eine oder andere selbst. Marmelade zum Beispiel, schon seit jeher und aus Überzeugung. Auch Joghurt und Frischkäse kommen ab und zu aus Eigenproduktion auf den Tisch. Oder Soßenbasis aus Knochenbrühe oder Suppengemüse. Demnächst möchte ich Truthahnsauerfleisch ausprobieren.
Bei alledem versuche ich aber vor allem, eine Balance zu finden: wenn ich fertige Lebensmittel einkaufe, sind viele Produktionsschritte zwar maschinell, aber effizient. Und damit ist die Herstellung oft energiesparender, es sei denn, wir legen hier zum Beispiel einen Backtag ein, an dem der Backofen nicht nur für zwei Bleche Plätzchen aufgeheizt wird, sondern nacheinander Brot, Brötchen, Kuchen und vielleicht zum Abendessen noch ein Auflauf gebacken werden.

Den eigenen Sauerteig zu pflegen ist auch nicht ohne Herausforderung in Zeiten, wo die Heizung öfter mal im Absenkmodus ist. Da wird sich noch zeigen, was diesen Winter sinnvoll ist.

Und damit bin ich am nächsten Punkt: Was für mich sinnvoll ist, kann in einem anderen Haushalt belastend sein. Was ich nicht auf die Reihe bekomme, kann drei Häuser weiter bestens funktionieren. Weil wir andere Familienkonstellationen haben, weil andere eventuell mit einem Kachelofen heizen, weil diejenigen, die sich zuhause kümmern, andere Arbeitszeiten haben oder, oder, oder ….

Es ist also nicht hilfreich, sich in allen Richtungen umzuschauen, mit Neidgefühlen auf die Nachbarn zu schielen, die das alles (scheinbar) viel besser im Griff haben als man selbst oder selbst den erhobenen Zeigefinger auf andere zu richten, bei denen es offensichtlich Optimierungsbedarf gibt. Neugierig und aufgeschlossen sein, eine Ideen- oder eventuell sogar Tauschbörse ins Leben rufen, auf bekannten Nachhaltigkeitsportalen nach Lösungen forschen, das ist hingegen immer eine gute Möglichkeit.

Habt ihr regionale Initiativen in eurer Gegend, die ein saisonales und regionales Wirtschaften ermöglichen? Nutzt ihr sie? Wenn ja, wie und wenn nein, was hält euch davon ab? Ich freue mich über Antworten, Anregungen, aber auch konstruktive Kritik und auf einen regen Austausch.

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