Landleben

Oder: Wenn der Hahn kräht auf dem Mist…

Gestern habe ich eine Petition unterschrieben. Manchmal mache ich das, wenn mir ein Anliegen nach sorgfältiger Überlegung nicht als ein künstlicher Aufreger erscheint und ich es aus vollem Herzen unterstützen kann. Aber warum ist das hier eine Erwähnung wert?

Weil es sich um eine Petition handelt, mittels der erreicht werden soll, dass die Geräusche, die es auf dem Land gibt, dort auch erhalten bleiben dürfen. Zum Beispiel das Krähen der Hähne, darüber beschweren sich anscheinend besonders viele Menschen, die dem lauten Stadtleben den Rücken kehren wollen und auf dem Land eine Idylle suchen, die es so nicht gibt. Ich wage mal zu sagen, dass es noch nie in Dörfern paradiesische Ruhe gegeben hat. Denn Landwirtschaft macht Geräusche. Die wandeln sich zwar im Lauf der Zeiten, aber sie sind einfach da.

Wer ein bisschen Zeit erübrigen möchte, ist eingeladen, sich die Petitionswebseite mal anzusehen, gerade auch die Diskussion, die dort geführt wird. In weiten Teilen respektvoll und sachlich, aber manche Statements sind auch recht abenteuerlich:

Pro & Contra: Ortsübliche Emissionen des Landlebens als kulturelles Erbe schützen – Online-Petition (openpetition.de)

Was ich einfach nicht verstehe, ist der Anspruch an eine nicht vorhandene Wirklichkeit, den manche stellen, wenn sie sich für ein Leben auf dem Land entscheiden. Es sieht in der Realität eben nicht alles so aus wie in den einschlägigen Magazinen, die im Titel das Wort „Land“ führen. Die Realität sind eben auch krähende Hähne, bei denen die innere Uhr anders tickt als bei Menschen. Die Realität ist manchmal auch eine Straße mit dicken Erdklumpen, verwehtes Maishäcksel am Straßenrand oder der Gülletanker. Klar frage ich mich auch, ob dieser Gülletourismus aus der Gegend um Vechta oder sogar aus den Niederlanden so heftig sein muss, aber grundsätzlich bin ich damit aufgewachsen, dass im Ort am Freitag niemand Wäsche draußen aufhängte. Denn freitags wurden Ställe ausgemistet, angerotteter Mist vom Misthaufen auf die Felder gefahren und auch mal Gülle ausgebracht. Und in den Gärten verbrannte man das Schnittgut von Bäumen und Sträuchern.

Wenn zum Beispiel unser Nachbar im September das eingefahrene Getreide mit der Trocknungsanlage vor dem Schimmeln bewahren muss (in den letzten drei Jahren kaum noch wegen der Trockenheit), dann ist das ganz bestimmt etwas nervig am Anfang (nach zwei, drei Tagen höre ich es nicht mehr), aber es ist letztendlich doch auch in meinem Interesse, dass sowohl Brot- als auch Futtergetreide schimmelfrei bleiben. Oder?

Das Beitragsbild stammt übrigens nicht aus unserem Dorf. Leider. Es stammt aus dem September 2019, als wir mit einer bunten Truppe einen Frauentag in Krelingen begangen hatten und auf dem Rückweg am Rande eines kleinen Ortes an einem Picknicktisch Pause machten.

Frühling

Zu den abc.Etüden von Christiane kommst du hier. Danke für die Schreibeinladung. Es juckt mich in den Fingern, die Wörter von Sabine der Jahreszeit entsprechend umzusetzen:

„Mama, ich gehe ins Feld. Ein bisschen Spazierengehen kann nicht schaden. Es ist so tolles Wetter heute. Kaum zu glauben, dass letzte Woche noch Schnee lag.“ Ich freue mich, dass sie raus will. Nicht immer nur im Zimmer sitzen, vor dem Tablet, in Videokonferenzen. Oder Aufgaben bearbeiten. Freizeit und frische Luft muss auch sein. Die erwachende Natur neu entdecken. Und es ist ja auch tatsächlich so: Innerhalb einer Woche sind die Temperaturen um 30 Grad gestiegen.

Doch dann sehe ich, was sie für Klamotten anhat und das Muttertier kommt mit Macht durch: „Kind, nimm wenigstens deine Strickjacke mit. Die Sonne ist trügerisch. Wo sie noch nicht so hinkommt, ist die Luft noch ganz schön kalt. Du bekommst es noch an den Nieren!“ „Ach Mama. Du immer…!“

125 Wörter. (Auto-)biografisch. Das ist tatsächlich der Punkt, an dem ich mich original anhöre wie meine eigene Mutter. Und das schon drei Töchter lang😅. Sie leben alle noch. Ich ja auch.

Glatte Petersilie

Eine vergleichsweise harmlose Frage beschäftigt mich heute:

Ist es dir schon einmal aufgefallen? In sehr vielen Rezepten, bei denen man frische Petersilie benötigt, steht ausdrücklich drin: GLATTE Petersilie. Weil die aromatischer ist als die krause Sorte.

Spätestens in einem durchschnittlichen Supermarkt oder beim 0815-Discounter scheitert man an der Aufgabe, glatte Petersilie einzukaufen, sehr häufig grandios. Ob Bioqualität in Töpfen oder in Plastik verpackte Schnittware, meist bevölkert die gute, alte krause Petersilie die Kräuterabteilung. Manchmal stehen ein paar Töpfe mit stiefkindlich behandelter und entsprechend aussehender Glattpetersilie ganz hinten, die man dann zuhause erstmal wieder aufpäppeln muss. Oder das Kraut mit den glatten Blättern entpuppt sich als Kerbel.

Warum klaffen die Ansprüche der Rezeptentwickler und die Wirklichkeit der Einkaufsparadiese eigentlich gerade bei der Petersilie gefühlt so weit auseinander? Meine Mutter hatte früher reichlich Petersilie im Garten, aber auch immer nur die „Mooskrause“. Meine eigenen Versuche, Petersilie entweder zu säen oder zu pflanzen, sind bisher nur mäßig erfolgreich gewesen, denn irgendein Tier in unserem Garten freut sich immer über das leckere Grün oder dessen Wurzeln. Ist ja auch gut für die Fettverdauung…

Ich schätze, ich werde dieses Jahr einen exklusiven Platz im Hochbeet für glatte Petersilie reservieren, damit ich endlich beim Kochen auch mal in den vollendeten Genuss komme.

Ist das eigentlich ein ostwestfälisches Luxusproblem oder gibt es das auch anderswo?

Besserwisser und Korinthenkacker

Nur mal so:

Warum sind wir eigentlich vor allem immer dann lösungsorientiert, wenn es sich um die Probleme anderer handelt?

Warum lautet unsere Antwort so gerne „An deiner Stelle hätte ich das so und so gemacht“, wenn uns eine andere Person ihr Leid klagt?

Warum suhlen wir uns dagegen im Bösen, Schlechten, Unzulänglichen, wenn es um uns selbst geht, statt uns selbst mit Lösungsvorschlägen zu „beglücken“?

Warum verbessern wir Menschen, die sich sprachlich etwas ungeschickt ausdrücken, wir aber ganz genau verstehen, was sie meinen?

Warum denken wir oft, wir stehen besser da, wenn wir am Gegenüber einen vermeintlichen Mangel entdecken?

Gestern früh las ich in der Tageszeitung das Zitat: „Man wird nicht dadurch besser, dass man andere schlechter macht.“ Gesagt hat das Heinrich Nordhoff, längst verstorben, er war früher der Generaldirektor der VW-Werke. Recht hatte er, aber der Drang scheint tief in uns verankert zu sein. Weil wir es gewohnt sind, zu vergleichen statt einfach „stehen zu lassen“.

In Lukas 6, Vers 31 sagt Jesus: „Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden möchtest.“ in seiner Rede über die Feindesliebe. Als „goldene Regel“ ist der Satz in die allgemeine Ethik eingegangen, denn auch andere religiöse oder philosophische Lehrer (Konfuzius, Lao-Tse…, aber auch Kant) stellten ihn zu allen Zeiten sinngemäß in die Mitte des mitmenschlichen Handelns.

Dauert wohl noch, bis wir das alle verinnerlicht haben.

0800

Tut mir leid, ich mute euch noch mal einen Rückgriff auf „früher“ zu. Natürlich war früher nicht alles besser, aber heute ging mir etwas durch den Kopf, das ich vermutlich nicht allein so empfinde. Es geht um Kundenhotlines. Egal, ob der Fernsehempfang über die TV-Box zickt, das Internet klemmt oder schlicht bei der Krankenkasse eine Änderung bekannt gegeben werden muss: Wer kennt sie nicht, die ellenlangen 0800-Nummern, bei denen oft hinterher undurchsichtige Abfolgen von Nullen und Einsen für Verzweiflung sorgen, weil man sich nicht sicher ist, ob man die Null gerade drei oder viermal hintereinander getippt hat. Nur um dann mit großer Wahrscheinlichkeit so etwas oder ähnliches zu hören: „Aufgrund eines erhöhten Anrufaufkommens sind alle unsere Plätze belegt…“ Und dann wird es spannend! Kommt jetzt „Der nächste freie Mitarbeiter ist schon für Sie reserviert“ oder eher „Ihre voraussichtliche Wartezeit beträgt zwanzig (ohje🙄) Minuten. Bitte legen Sie nicht auf“ Das sind vielleicht Optimisten. In zwanzig Minuten kann sich mein Blutdruck bis auf Herzinfarkt-Niveau gesteigert haben!

Auch schön: „Wenn Sie…möchten, drücken Sie die 1, wenn Sie…wünschen, drücken Sie die 2…“ Pech hat, wer eine Reklamation anbringen möchte, denn die rangieren häufig so ungefähr bei 9 bis 999. Die absolute Steigerung: „Bitte nennen Sie…(Ihren Anrufwunsch, Ihre Postleitzahl…)“ gefolgt von „Leider habe ich Sie nicht verstanden, wiederholen Sie…“

Sicher ist sicher, ich schreibe mir vorsichtshalber inzwischen vorher auf, was ich denn ursprünglich mal wollte, damit ich es nach den diversen Hürden nicht vergessen habe, wenn ich dann tatsächlich mal jemanden am Apparat habe. Es sei denn, ich bekomme in bedauerndem Tonfall die Auskunft „Oh, da kenne ich mich nicht aus, da brauchen Sie den Kollegen aus der Abteilung xyz, der telefoniert aber gerade. Können Sie in einer halben Stunde noch einmal…?“ Der Rest geht in verzweifeltem Schluchzen der zermürbten Kundin unter.

Ihr wisst ja, ich wohne auf dem Dorf. Auch wenn ein Schwiegersohn meint, unser Kaff sei kein Dorf, doch, ich bin ein Dorfkind (in meiner Erinnerung ist das heute noch ein Kuhdorf hier!) Jedenfalls, als ich meine Ausbildung begann und eine eigene Krankenversicherung abschließen musste, da arbeitete eine junge Frau bei der auserkorenen Krankenkasse, die einige Häuser weiter wohnte. Die kam nach ihrem Feierabend mit den Unterlagen bei uns vorbei und wir erledigten das nebenher bei einer Cola. Ähnlich (nur ohne Cola, dafür mit Mama dabei) wurde der Bausparvertrag für die vermögenswirksamen Leistungen abgeschlossen, der Zweigstellenleiter wohnte auch nur zwei Straßen weiter.

Einige Jahre später, unser erstes Kind war geboren und musste auch bei der Krankenkasse angemeldet werden. Immer noch dieselbe Mitarbeiterin hatte das schon durch den Dorf-Funk erfahren und stand mit den Unterlagen und einer Gratulation vor der Tür. Beim zweiten Kind, nur 1,5 Jahre später, ging das leider nicht mehr so einfach, da musste ich schon anrufen, in Minden, denn sie war in eine andere Abteilung versetzt worden. Bei unserer dritten Tochter, okay, nochmal zwölf Jahre später, telefonierte ich bis Bielefeld und hatte schon lange keinen persönlichen Ansprechpartner mehr. Inzwischen bin ich froh und glücklich, wenn ich überhaupt innerhalb der ersten fünf Minuten Wartezeit irgendjemanden irgendwo in Deutschland ans Telefon bekomme.

Dann schlägt meine Stunde der kleinen, aber feinen Rache: Wer so bedauernswert ist, meinen Anruf annehmen zu müssen, darf sich die ganze Geschichte dessen, was zu klären ist, anhören. Und zwar immer wieder von Pontius bis zu Pilatus. Mit allen Einzelheiten, die ich eventuell schon drei Tage vorher mit einem Kollegen irgendwo anders in Deutschland in einem anderen Hotlinegespräch erörtert hatte!

Wechselmentalität

Ich kann mich an eine Zeit erinnern, da wurde man als Kunde oder Verbraucher belohnt, wenn man vertragstreu war. Gut, andererseits gab es nicht so viele unterschiedliche Telekommunikationsanbieter, Energieversorger, Krankenkassen, Geschäftsbanken und was man sonst noch so zur Daseinsfürsorge braucht. Trotzdem war es vom Prinzip her so, dass man sparte, wenn man „seinem“ Unternehmen über Jahre treu blieb.

Seit einigen Jahren ist aber der ständige Wechsel „sexy“. Im November schnell die Autoversicherung wechseln, weil ein Online-Anbieter noch günstigere Prämien bietet. Jedes Jahr den Stromversorger wechseln, weil man dann den Neukundenrabatt abgreifen kann.

Alle zwei Jahre ein neuer Handytarif, weil es sonst meist teurer wird. Natürlich finanziert man so ganz nebenbei das neueste Smartphone, das im Neuvertrag enthalten ist. Ganz egal, wie unsinnig diese Praxis vom Nachhaltigkeitsgedanken her ist. Es wird immer mehr Elektroschrott produziert und als Kollateralschaden sowohl Kinderarbeit als auch Umweltverschmutzung in fernen Ländern, meist in Afrika oder Asien, gefördert. Aber diese Auswirkungen sehen wir ja nicht.

Was wir merken: Noch mehr Speicherplatz, für Fotos, Musik oder Apps. Für e-Books und Fitnesstracker, alles, was wir unbedingt brauchen, um ein glückliches, erfolgreiches und durchgetaktetes Leben zu führen. (Ironie off!) Noch mehr, das uns eigentlich in unseren Möglichkeiten einschränkt und immer mehr einengt.

Ja, auch ich bin von dem im letzten Abschnitt geschriebenen betroffen, und es stellt sich auch mir die Frage, ob weniger nicht mehr sein kann und sollte. Es ist also durchaus Luft nach oben in meinen Überlegungen. Aber zumindest halten wir in unserer kleinen Familie schon seit Jahren unseren Versorgern die Treue, auch wenn es vielleicht irgendwo „bessere Angebote“ gibt (die häufig zu Ungunsten der Arbeitnehmer in den betreffenden Unternehmen bestehen, Stichwort: ruinöser Wettbewerb!). Und wir nutzen unsere Handys, bis sie den Geist aufgeben. Um uns dann darüber aufzuregen, dass bei den neuen Modellen alles so anders ist, nichts so funktioniert wie gewohnt…

Aber das ist ein anderes Kapitel😁.

Ist das (typisch) deutsch oder kann das weg?

Heute beginnt die Fastenzeit. Hört man sich um, bekommt man häufig die Antwort: „In den letzten Monaten musste ich auf so viel verzichten, das reicht.“ Ich kann es verstehen, aber so ganz freiwillig war und ist dieser Verzicht ja nicht unbedingt. Beim Fasten geht es eher um eine bewusste Entscheidung, Aspekte meines Lebens zu überdenken, aus anderen Blickwinkeln zu betrachten und dann aktiv auf bestimmte Dinge oder Annehmlichkeiten zu verzichten oder sie zu ändern.

Ich habe mir daher vorgenommen, einige Verhaltensweisen zu durchdenken, die sich in den letzten Jahren im Großen und Ganzen gesamtgesellschaftlich entwickelt haben. Angewohnheiten, bei denen auch ich mitmache, aber auch solche, die mich eher befremden. Ich möchte keine Antworten geben, sondern Fragen stellen. Anregungen und Möglichkeiten aufzeigen.

Es gibt so einiges, was uns Deutschen gern „angedichtet“ wird. Oder ist es gar nicht so weit hergeholt, was so an Klischees über uns im Umlauf ist? Und wie vieles davon ist eigentlich gar nicht (nur) deutsch, sondern international?

Als erstes fällt mir da ein Spruch ein: „Hannemann, geh du voran!“ als Synonym für Zögern und Zaudern, das Totschlagargument, wenn es darum geht, in umwelt- oder klimapolitischen Dingen neue Wege zu beschreiten. Sehe ich mir so Probleme an wie das Austrocknen von Steueroasen durch eine gerechte Unternehmensbesteuerung, dann ist es eindeutig so, dass viele Länder der Meinung sind, im Alleingang könne man so etwas nicht durchziehen. Womit sie zweifellos recht haben. Aber wenn nicht mal einer mutig den Anfang macht, dann wird sich nie etwas ändern. Nur so als Beispiel.

Ein anderer Ansatz ist da aber auch möglich:

Alle waren der Meinung, das geht nicht. Da kam einer, der wusste das nicht und hat es einfach gemacht.

Jetzt mache ich Feierabend, wünsche euch fröhliches Nachdenken und bis demnächst😉.

Die Gesellschaft der Anderen

|Werbung, unbezahlt|

Ein Gespräch in Buchform, von Naika Foroutan und Jana Hensel

Briefromane oder auch Emailromane kennen wir. Dieses (Sach-)Buch ist aber eine Diskussion zwischen zwei Frauen, die nicht immer einer Meinung sind, aber voller Wertschätzung für die Positionen der jeweils Anderen.
Als erstes war ich sehr angenehm überrascht, dass die beiden sich siezen. Ich mag das unkomplizierte duzen auch gern, aber es gibt Situationen, da ist es nicht hilfreich. Das respektvolle „Sie“ schafft eine Art professioneller Distanz, die auch dafür sorgen kann, dass eine Diskussion über kontroverse Themen dort bleibt, wo sie hingehört: auf der Sachebene.
Das Buch ist aber auch durch eine starke Intensität in der Auseinandersetzung mit den Themen gekennzeichnet, welche die LeserInnen fordert, aber auch mitnimmt. Jana Hensel und Naika Foroutan reden auch nicht erst lange um den heißen Brei herum, sondern steigen gleich mit einem wichtigen Thema ein: Der Anschlag in Hanau zu Beginn des Jahres 2020. Durch die monothematische Konzentration auf die Pandemie scheint es schon jetzt sehr lange her zu sein, fast in einem anderen Leben.

Später kommen die beiden darauf zu sprechen, welche Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede es in Deutschland für Menschen gibt, die entweder einen Migrationshintergrund oder eine ostdeutsche Biographie haben. Für jemanden wie mich, die weder das eine noch das andere erlebt hat, sondern deren Familie seit Generationen in Ostwestfalen im familiären Kotten verwurzelt ist, bieten sich teilweise ganz neue Sichtweisen und Perspektiven, es tut mir gut, diese zu lesen und zu reflektieren.

Das gesamte Buch möchte ich an dieser Stelle nicht ausbreiten, jede/r sollte die Möglichkeit nutzen, es selbst zu lesen.

Ich bin für mich zu dem Schluss gekommen: Manche Erfahrungen, die Menschen machen, welche nicht der Mehrheitsgesellschaft angehören, sind echt bitter, denn die Ausgrenzung findet ja unter anderem auch durch Leute oder deren Nachkommen statt, die nach dem zweiten Weltkrieg in Westdeutschland als Vertriebene oder ehemalige Zwangsarbeiter eine neue Heimat fanden und ebenfalls mit Vorurteilen und Ausgrenzung zu kämpfen hatten. Oder Familien, die Anfang der 1990er Jahre aus den ehemaligen Sowjetrepubliken nach Deutschland kamen. Innerhalb von ein bis zwei Generationen ging die Erinnerung daran offensichtlich verloren. Ebenso gefährlich sind aber auch so manche „Biodeutschen“, die sich auch im 21. Jahrhundert noch als irgendwie besser fühlen.
Für mich ein absolut lesenswertes Buch, das mich noch länger gedanklich beschäftigen wird.

Bibliographische Angaben: Naika Foroutan & Jana Hensel, Die Gesellschaft der Anderen, Aufbau Verlag, ISBN 978-3-351-03811-3, € 22,–

Tag 4 – Ein geliehenes Gebet

Manchmal wollen wir beten, aber wir finden keine Worte. Es ist nichts, was wir sagen könnten, der Situation angemessen oder es fehlen uns die Worte komplett. In solchen Augenblicken tut es gut, wenn wir uns einen schon oft gebeteten Text zu eigen machen können.

Es ist nicht sicher, ob dieses Gebet tatsächlich von Franz von Assisi stammt, aber im Endeffekt ist es auch egal. Der Inhalt ist es, der mich anrührt.

Bless the Lord

Meine „Große“ hat diese neue Challenge ins Leben gerufen, den Beitrag findest du hier (nicht verwirren lassen, weil es zunächst um Yoga geht, einfach weiterlesen…). 30 Tage mit unterschiedlichen Gebetsmethoden. Ich finde, die Idee ist super, denn ehrlich gesagt, das regelmäßige sich-Zeit-nehmen für das Gespräch mit Gott fällt doch leider immer wieder hintenüber. Abends im Bett (immer noch die klassische Gebetszeit, wie viele Kinder von den Eltern lernen: Das Gute-Nacht-Gebet) schlafe ich immer mal wieder ein, ehe ich alles „losgeworden“ bin. Morgens lockt eher der Kaffee und die Tageszeitung. Und im Lauf des Tages kommt zwar ab und zu ein situatives Stoßgebet zustande oder ein Gedanke zwischendurch, aber das intensive „mit Gott auf dem Sofa beim Tee oder Kaffee intensiv ein Gespräch führen“ verbleibt an vielen Tagen. Schade eigentlich, denn es ist eindeutig ein Stück „Quality Time“.

Los ging es mit dem Gebetstagebuch:

Ich hatte es vor knapp vier Jahren schon einmal begonnen, das Gebetstagebuch.
Und jetzt wird es für mindestens 30 Tage wiederbelebt.
Tag 2 sollte ein Seifenblasengebet sein. Geht auch ohne Seifenblasenflüssigkeit…

Tag 3 ist heute. Und dazu gehört das Beitragsbild.

Den Song findest du auch hier:

Für mich ist und bleibt es ein Lied, das ausdrückt, was ich mir (nicht nur) für mich selbst erbitte: Immer wieder, jeden Tag nach Möglichkeit, erkennen, dass dieser Tag von Gott geschenkt ist. Mit allen Chancen, aber auch mit allen Risiken. Ich möchte wahrnehmen, dass Gott die Liebe repräsentiert, dass es sich lohnt, ihm zur Ehre und mir zur Stärkung und auch zum Spaß zu singen. Ob es sich um Loblieder, um Klagelieder, Freudenlieder, was auch immer gerade „dran“ ist, handelt.

Mein größter Wunsch ist aber, dass ich angesichts des Lebensendes weiter in der Lage bin, zu singen, zu loben, zu hoffen. Und das betrifft nicht nur mein eigenes Ende, sondern auch die existenziellen Nöte, die ich unweigerlich erleben werde, wenn geliebte Menschen an diesem Scheidepunkt ankommen.

Vater, gib mir Mut, Kraft und Stärke, auch im Angesicht des Abschiednehmens bei dir zu bleiben und nicht zu verzweifeln. Loben ist einfach, solange es mir gut geht. Die Herausforderung besteht darin, im Angesicht des Leides den Segen zu erkennen. (Edgars Onkel wird mir und nicht nur mir darin stets ein Vorbild bleiben, er hat das Ende seines Lebens mit so viel Würde und Vorfreude regelrecht begrüßt.)

Soweit. Ob Choral, Kantate, Lobpreis oder Gospel. Hast auch du ein geistliches Lieblingslied oder einen Ohrwurm?

Übrigens keine Bange, ich werde jetzt nicht einen Monat lang mein Gebetsleben vor allen hier ausbreiten, das meiste ist doch zu persönlich. Vielleicht gibt es mal den einen oder anderen Denkimpuls, eher so ganz allgemein gehalten.

Der Hintergrund des Songtextes ist ein Sonnenuntergang über dem Useriner See im Sommer 2009.