Hunde erziehen ohne Schimpfen

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Das Problem hängt meist an einem Ende der Leine. Aber an welchem? Die Antworten könnten ziemlich gegensätzlich ausfallen, je nachdem, ob man den Hund oder den Menschen fragt.

Manchmal habe ich das Gefühl, unser Kalle hat das Schimpfen von mir gelernt. Denn auch ich schimpfe mitunter mit ihm. Vermutlich liegt es unter anderem daran, dass er quasi unser „5. Kind“ ist (Nummer Vier war Lucy) und uns auch durch sein (scheinbares) Verständnis für ganze Sätze darin bestärkt, mit ihm wie mit einem Jugendlichen zu reden. Nicht, dass wir mit den Mädels ständig geschimpft hätten. Auch mit Kalle tun wir das nicht. Aber manchmal reagiere ich schon so, wie ich auch mit einem Kind reden würde, wenn etwas schiefgeht.

Er zahlt es mir heim, indem er dann vor mir steht und mich aufgeregt anbellt, laut, ausdauernd und fordernd. Und ich dann nicht weiß, was er eigentlich von mir will. So wie es ihm umgekehrt vermutlich auch manchmal geht.

Was liegt also näher, als sich mit dem Buch zu beschäftigen, denn Hunde tun ganz selbstverständlich (wenn auch mit zunehmendem Alter langsamer) das, was vielen Menschen sehr schwerfällt, aber unheimlich guttun würde: Lebenslanges Lernen.

Ich ahne es: meine eigene Ungeduld, manchmal auch mein anderweitiger Stress und damit meine Unfähigkeit, mich in problematischen Situationen ganz auf das Tier zu konzentrieren, das eigentlich gerade meine volle Aufmerksamkeit benötigt, spielt eine große Rolle. Manchmal ist es mir einfach nicht möglich, innerhalb einer angemessenen Zeitspanne (die bei der Hundeerziehung eher kurz ist) die beste Methode für eine Sanktion zu finden. Eine Sanktion, die Kalle zeigt: das fand jetzt niemand toll, was du gemacht hast, lass das besser – die aber andererseits auch nicht in eine Tirade mündet, die er sowieso nicht versteht.

Relativ zu Beginn des Buches kommen die Autoren zu einem Thema, das die Hundehalterwelt spaltet: Fehlertoleranz. Gaaanz vermintes Gelände.
Denn da sind auf der einen Seite die Menschen, die zum Beispiel meinen: Mein Chihuahua ist so klein und niedlich, der braucht keine Erziehung, der muss vor den großen bösen Hunden geschützt werden.
Auf der anderen Seite des Spektrums stehen die, die es für eine schwere Verfehlung halten, wenn der Hund nicht jederzeit diszipliniert und gehorsam ist und für eine noch schwerere, wenn Herrchen oder Frauchen nicht mindestens ebenso gedrillt sind. Fast eine Soldat/Befehlshaber-Konstellation.
Und dazwischen stehen eine Vielzahl von Mensch-Hund-Gespannen, die alle Arten von Kommunikationshindernissen und Beziehungsproblemen haben, die man sich nur vorstellen kann. Mal mehr, mal weniger.

Grundgehorsam ist nicht nur angenehm, wenn man mit dem Hund in der Öffentlichkeit unterwegs ist, sondern kann (über-)lebensnotwendig sein. Beim Überqueren der Straße ebenso wie bei der unkontrollierten Aufnahme von anscheinend fressbaren Gegenständen in der Landschaft oder bei Hundebegegnungen.
Darüber hinaus ist aber niemandem, der mit seinem Hund gerade austariert, wer das Sagen hat, damit gedient, wenn einem von – natürlich wohlmeinenden und mit Expertenwissen behafteten – Zeitgenossen aufgezählt wird, was denn in der Erziehung alles schiefgelaufen sei. Weil besagter Zeitgenosse beispielsweise meistens nicht die Vorgeschichte kennt, weshalb ein Hund so reagiert, wie er es tut.

Was ich dagegen oft erlebe: Wenn ich meinen Hund an der Leine habe, weil ich weiß, dass auf dem Feld nebenan oft Rehe (=potentielle Herzinfarkt-Risikogruppe) zu Besuch sind, aber mein Hund gern Wettrennen macht, dann erzählen mir andere Hundehalter, dass ich meinem Hund damit Freiheit nehme, er überhaupt nicht Hund sein dürfe. Wenn er einen Maulkorb trägt, weil ich weiß, dass er alles zu fressen versucht, was er findet, dann bekomme ich entweder ängstliche („oh, ein gefährlicher Hund“) oder verächtliche („die hat ihren Köter nicht im Griff“) Blicke zugeworfen. Möchte ich nicht, dass andere Hunde meiner Hündin zu nahe kommen, weil sie läufig ist, reagieren Menschen beleidigt, weil „ihr Hund kein Triebtäter ist“. Schon solche Alltagssituationen versetzen mich als Hundehalterin in Stress, und bei Stress schimpfen wir schneller.

Es ist dasselbe Denken, das uns auch in anderen Bereichen Probleme bereitet: Man sieht immer von sich selbst her in eine Situation, ohne sich in die Gedanken oder Bedürfnisse des Gegenübers hineinzuversetzen.
Übrigens, als ich selbst ganz am Anfang meines Hundemama-Daseins stand, habe ich selbst nicht immer richtig agiert, wenn meine Hunde unbedingt andere „kennenlernen“ wollten, die anderen Besitzer das aber aus irgendeinem Grund nicht wollten. Statt abgekanzelt zu werden, hätte es oft geholfen, eine kurze Erklärung abzugeben. So wahrt jeder sein Gesicht und seine Würde.

Auf solche Problemstellungen geht auch das Buch ein. Ein solches Werk zu rezensieren ist für mich übrigens nicht damit getan, es zu lesen und gut ist. Ich habe es daher nur überflogen, hier und da genickt, mir gedanklich Notizzettel eingeklebt und es vor allem für diese Seite gefeiert:

In meiner eBook-Ansicht Seite 28 von 175
Ist es nicht auch so, dass wohlerzogene Menschen auch mal pöbeln?😉

Die Wertschätzung und das empathische Eingehen auf die Gründe von Problemen bei der Hundeerziehung, die Gedanken darüber, ob das, was wir heute tun „artgerechte Haltung“ ist, die Beschäftigung mit den Aufgaben, die bestimmten Rassen angezüchtet wurden, aber auch Tipps, sich mal entspannte Auszeiten zu gönnen, alles das gefällt mir und kommt meiner Vorstellung entgegen. Deswegen ist es in meinen Augen und nach erster Drübersicht ein empfehlenswertes Buch und vor allem wohltuend unaufgeregt im Vergleich mit anderen Büchern zum Thema. Daumen hoch. Kalle und ich werden bei Gelegenheit mal berichten, ob und was wir gelernt haben🙂.

Eins ist schon mal klar: Das eingangs erwähnte Problem hängt an der Leine – aber häufig nicht an dem Ende mit dem Karabiner. Meist hängt es an der Handschlaufe.

Bibliographische Angaben: Johanna Spahr/Alexander Schillack, Hunde erziehen ohne Schimpfen, Gräfe & Unzer, ISBN 978-3-8338-8470-2, 21,-€

Dunkle Verbindungen

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Heute mal ein Hörbuch…

Ehe ich loslege, habe ich eine Bitte an den Autor, falls er diese Zeilen jemals liest:
Ich hätte sooo gern das „Kompedium sinnloser Sätze“ mitsamt allen Assoziationen und Anmerkungen Leander Losts. Es wäre das perfekte Geburtstagsgeschenk für meine Tochter, die nicht nur in puncto Small Talk sehr ähnliche Herausforderungen kennt. Diese kleinen „Einspieler“ haben mich regelmäßig zum Schmunzeln gebracht. (Ich muss ja ganz ehrlich gestehen: ich habe doch glatt erstmal nachgeschaut, ob es das Buch tatsächlich gibt und ob es hoffentlich auch lieferbar ist… Es kam mir so selbstverständlich vor😂 und ist vielleicht auch ein wenig Berufskrankheit.)

Aber nun zum Buch: Bei Band sechs ist es inzwischen ein bisschen wie nach Hause kommen, aber zum ersten Mal habe ich nicht gelesen, sondern gehört. Der Schauspieler und Hörbuchsprecher Andreas Pietschmann hat eine sehr angenehme und unaufgeregte Stimme, die zur Grundstimmung der Buchreihe hervorragend passt.
Nach wie vor mag ich den Stil, den Spannungsaufbau und die pfiffigen Konstruktionen der Fälle, die in diesem Band für ganz unterschiedliche Leute unerwartete Wendungen bringen und auch ein Stück weit die Vergangenheit aufdröseln.
Aber am meisten habe ich die Menschen ins Herz geschlossen: den ungemein klugen Leander Lost, der ein wandelndes Lexikon mit fotografischem Gedächtnis und ein menschlicher Lügendetektor ist, aber im Umgang mit seinen Mitmenschen von Unbeholfenheit bis Fettnäpfchentappen einige Hürden zu nehmen hat. Die Schwestern Graciana und Soraia, ach, eigentlich die ganze Familie Rosado, die ungemein empathisch und gastfreundlich rüberkommt. Bei denen wäre ich gern mal zum Abendessen auf der Dachterrasse. Carlos Esteves, bei dem ich mich immer frage, ob er eventuell einen Bandwurm hat, denn sonst müsste er einer Kanonenkugel gleichen bei seinem Essenspensum. Und sogar den arroganten Miguel Duarte, der zwar ein ausgesprochener Unsympath, aber eigentlich ein unglücklicher Mensch ist.
Alle diese Leute entwickeln sich bei jedem Buch weiter, schaffen es immer wieder, überraschende Augenblicke zu erzeugen, das macht einfach Spaß. Dazu sind die Themen immer auf der Höhe der Zeit.

In Verbindung mit schnellen Autos und einer Ducati, die Tempo in die Geschichten bringen, der südlichen Lebensleichtigkeit und der wunderschön beschriebenen Landschaft haben diese Krimis alles, was eine spannende Urlaubslektüre ausmacht. Selbst wenn man den Urlaub auf Balkonien verbringt (und sich auf die Dachterrasse träumt). Und die Spannung ist gerade so, dass sie nicht den erholsamen Schlaf raubt.

Bibliographische Angaben: Gil Ribeiro, Dunkle Verbindungen
(Lost in Fuseta Bd. 6),
Hörbuch: Argon Verlag, ISBN: 978-3-8398-2017-9, 20,- €
Buch: Kiepenheuer & Witsch, ISBN: 978-3-462-00407-6, 17,- €

Wasser II

Muss mal wieder sein, ich bin gerade angekotzt…

Es lässt mich einfach nicht los.

Wasser, das gefährdete Menschenrecht.

Und jedem von uns dürfte klar sein, dass alle anderen Menschenrechte, so wichtig sie sind, nichts nützen, wenn wir kein Wasser zum Leben haben.
Anschauungsobjekte zur Abschreckung gibt es genügend. Wo Wasser fehlt, sind Kriege nicht weit, erleben die Kinder keine Zukunft, sterben die Alten eher als normal wäre. Wo Wasser fehlt, gibt es keine Hoffnung.

Und trotzdem: immer noch gehen wir mit diesem lebensnotwendigen Gut viel zu sorglos um. Waschen unsere Autos (wobei das zumindest in der Waschanlage sogar noch recht nachhaltig geschieht), füllen Pools und sprengen den Rasen. Das habe ich in den letzten heißen Sommern übrigens nicht gemacht und glaubt mir, es sah wie afrikanische Savanne aus. Aber wenn ihr ein paar Beiträge zurückscrollt, seht ihr, wie meine Wiese wächst. Dem Gras schadet die teilweise Trockenheit nicht. Höchstens unserem ästhetischen Anspruch an eine „gepflegte Rasenfläche“.

Weitere Dokus zum Thema vom SWR sind ebenfalls auf YouTube zu finden

In Deutschland haben wir – noch – den Luxus, mit sehr gutem Trinkwasser aus dem Wasserhahn versorgt zu sein. Wir spülen sogar unsere Fäkalien damit weg und machen uns kaum Gedanken. Dabei kann man bei uns das Wasser aus der Leitung (im Normalfall, nicht nach Umweltkatastrophen) unbedenklich trinken, ohne es erst abkochen zu müssen, Aufbereitungstabletten zu nutzen oder zu filtern.
Nehmen wir dieses Privileg eigentlich als solches wahr? Oder sind wir zu satt und zu bequem, um zu hinterfragen, wie lange das noch gutgehen kann, warum wir lieber viel Geld für abgefülltes Wasser (teilweise von schlechterer Qualität) ausgeben, weil ein angesagtes Label auf den Flaschen klebt oder wie wir das in der Zukunft machen wollen?

Wir machen uns lieber über den anscheinend leicht senilen, alternden Ministerpräsidenten aus dem Südwesten lustig, der den guten alten Waschlappen, dieses Relikt aus Nachkriegszeiten, empfiehlt. Haha, als ob wir das nicht selber wüssten und das ist ja sowas von Retro und anmaßend gleichermaßen. Wie kann der nur?

Wir machen uns Gedanken, ob ein Windrad in unser Nähe uns schadet, aber ob die Industriebetriebe im Gewerbegebiet horrende Wassermengen auf Jahrzehnte hinweg fördern dürfen und dafür einen Bruchteil dessen zahlen, was wir bei unseren Stadtwerken hinlegen müssen, das interessiert noch viel zu wenige.

Ein Leserbriefschreiber in der Lokalpresse beschwerte sich über die Kinderseite. Die sei „ideologisch aufgeladen“. Immer und überall werde den Kindern der Klimawandel als Grund genannt, unter anderem in einem Artikel über abgestorbene Fichtenwälder. Aber da er selbst ein paar Hektar Wald besitze, den er nun aufforsten müsse, wisse er genau: Nicht der Klimawandel sei schuld, sondern der Wassermangel.
Ich habe nur gedacht: Und genau deswegen sind die Kinderseiten gut und notwendig. Der Wassermangel ist ja offensichtlich für diesen Menschen vom Himmel gefallen und nicht durch mehrere Sommer mit stabilen Hochdruckwetterlagen und ausbleibende Regenfälle in den Winterhalbjahren entstanden bei gleichzeitig zu viel Entnahmen aus den Grundwasserkörpern.

Ja, ich habe bis hierher bewusst verallgemeinernd geschrieben. Natürlich benimmt sich nicht jede*r von uns so und es gibt auch viele, die vorbildlich handeln. Ich selbst bin bisher leider nicht immer konsequent, aber neben anderen Maßnahmen versuche ich, zum Beispiel kein fließendes Wasser zum Gemüseputzen zu nehmen, sondern das in einer Schüssel zu tun. Mit dem benutzten Wasser gieße ich Zimmerpflanzen, meine Gemüsekübel und Kräutertöpfe – wenn mir nicht gerade das passiert, worüber ich mich am Wochenende geärgert habe: Ich hatte einige Salate vorzubereiten, habe das teilweise am Abend erledigt, dabei Podcast gehört und so vor mich hin gewerkelt – und dann bemerkte ich bei den Tomaten auf einmal: Ups, wo ist denn die Schüssel? Aber immerhin: es ist mir aufgefallen und es wird immer selbstverständlicher, die Schüssel zu nutzen.

„Es ist schon etwas anderes, ob du mal einen Tag kein WLan hast oder ob du kein Wasser hast“ sagt in der Doku Kampf um Wasser: Durst – Wenn unser Wasser verschwindet (ebenfalls SWR, auch auf YouTube) ein Verantwortlicher aus Mendocino, Kalifornien. Die Stadt ist seit 2021 auf Wasserlieferungen per Tankwagen angewiesen. Und ein anderer Mann sagt sinngemäß, dass es im Grunde genommen ja beschämend sei, in einem reichen Erste-Welt-Land unter Wasserknappheit zu leiden. Kalifornien: Der Surfer- und Gute-Laune-Staat, Refugium der Reichen und Schönen, luxuriöse Pools in vielen Gärten, Wein- und Mandelanbau (vor allem Mandeln verbrauchen irre viel Wasser).

Nur: Die Wasserknappheit ist viel näher an uns dran als Kalifornien entfernt ist.
Wir sollten uns daran gewöhnen. Und wenn ich mir überlege, wie manche Leute schon austicken, wenn ihnen (siehe oben) das WLan fehlt…, na viel Spaß!

Achtzehn

Bei der Bundestagswahl 2002 war es erklärtes Ziel der FDP, 18 % der Wählerstimmen zu erreichen, nachdem sie zu Beginn des Wahlkampfes bei 6 % vor sich hin dümpelte, ungefähr so wie jetzt auch. (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Strategie_18)
Die angestrebten 18 % stellten also eine Verdreifachung dar. Erreicht haben sie damals schließlich 7,4 %.

Ob das der Grund ist, weshalb der Generalsekretär der FDP derzeit zwar das Umfragehoch der AfD als „erschütternd“ ansieht, aber keinen Rechtsruck in der Bevölkerung sieht? Die Hoffnung, dass dort, wo man oben 18 % reinschüttet, unten nur knapp 8 % rauskommen? Der Unterschied ist nur, dass die FDP damals auch in den Umfragen niemals so weit kam.
Trotzdem kann ich zumindest teilweise zustimmen, dass die aktuellen Umfragewerte der AfD keinen Trend zu einem (noch) größeren gefestigt rechtsextremen Gesellschaftsanteil aufzeigen.

Was sie aber deutlich zeigen: Die Bundespolitik, die konkrete Arbeit der Regierung, wird von immer mehr Bürgern sehr kritisch wahrgenommen, und das sollte alle Alarmglocken schrillen lassen. Auch wenn die Ampel zu einem deutlich ungünstigen Zeitpunkt mit dem Regieren begann: es war immer noch Pandemie, kurz nach dem Antritt veränderte der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine so ziemlich alle Pläne, die man möglicherweise schon in der Schublade liegen hatte, und in all dem Kuddelmuddel nahm auch das Klima nochmals kräftig Anlauf, um menschliche Absichten zu durchkreuzen.

Da war es dann vielleicht nicht so hilfreich, dass die Neu-Koalitionäre vollmundig erklärt hatten, alles anders machen zu wollen. Seien wir mal ehrlich: Viele von uns Regierten hatten doch ihre Hoffnungen in einen neuen Politik-Stil gesetzt. Wir sehnten uns nach besserer Kommunikation, nach Zusammenarbeit, nach Verlässlichkeit. Es kam leider anders. Beide Seiten, Regierende und Regierte, mussten feststellen, dass Multi-Krisen nicht besonders gut geeignet sind, alles umzukrempeln und dass eingespielte Routinen in diesen Situationen einfach besser funktionieren als neuerdachte Konzepte.

Man kann also nicht alles, was schief läuft, der Ampel-Koalition ankreiden. Aber bessere Kommunikation, weniger wechselnde Ränkespiele, keine Seitenhiebe und Sticheleien, insgesamt also ein „erwachsenes“ und souveränes, ruhiges Agieren, das können Bürgerinnen und Bürger verlangen, finde ich.
Übrigens auch von einer seriösen Opposition. Die aber hat nichts besseres zu tun, als selbst tief in die populistische Rhetorik-Kiste zu greifen.
Mal abgesehen von einem Möchtegern-Bayernkönig, der mitunter abends nicht mehr weiß, was er morgens gesagt hat und kein Problem damit hat, genau das Gegenteil zu behaupten, gibt es da augenblicklich auch noch andere Leute, die auf gefährlichem Kurs unterwegs sind. Leute, von denen ich das so nicht erwartet hätte.

Da brauchen wir uns nicht wundern, wenn Menschen, die geneigt sind, mit den Füßen abzustimmen, sich denken „Dann kann ich auch gleich das Original wählen“. Nicht unbedingt aus Überzeugung, sondern um den Regierenden einen ordentlichen Denkzettel zu verpassen. – Darüber, dass sie sich selbst damit sehr wahrscheinlich einen Bärendienst erweisen, denken sie eher nicht nach. Zum Glück sind es bisher „nur“ Umfragen, aber es wird Zeit, dass Scholz & Co. wichtige Antworten auf manche Fragen geben.

Also: Einfach mal öfter den ersten Impuls unterdrücken, auf gut berlinerisch Schnauze halten und das Notwendige leise und effizient tun, ohne den Pfau oder den Auerhahn zu machen. (Jetzt weiß ich endlich, warum die Männchen in der Vogelwelt so prachtvoll balzen: damit ich sie mit ihren menschlichen Kumpels vergleichen kann😉)
Und zwar alle, die Regierung, die Opposition, das Wahlvolk und auch die Medien.

Ist wohl eher ein frommer Wunsch als eine realistische Option…

Im Ich kramen: Biografiearbeit

Auch das gehört dazu, wenn man ein Schreibstudium macht: Sich in seinem tiefsten Inneren auf die Suche nach Geschichten machen, Motivationsantreiber suchen, sich analysieren. Es ist ein wenig wie Selbsttherapie. Woher kommt mein Bedürfnis, Geschichten zu erzählen? Warum bin ich so, wie ich bin? Was hat mich geprägt? Wo liegen meine Brüche und Baustellen? Wofür bin ich dankbar und was kann ich eigentlich wirklich?
Seelenstriptease – wobei ich steuern kann, wieviel ich entblättere. Heilsam.

Aufgabe: Aus dem eigenen Leben

„Nein!“

Mir zitterten die Knie, aber es musste raus! Immerhin hatte ich die Leute schon mit einer Mail vorgewarnt. Leicht fiel es mir trotzdem nicht, hier und heute eine Absage zu erteilen – wenn auch erstmal nur temporär.
Immerhin tat ich das, was ich möglicherweise aufgeben wollte, wirklich gern und aus vollem Herzen.

Aber es war ein Punkt erreicht, an dem ich mich wider Willen fühlte wie manchmal in meiner Kindheit: ruhig und fast unsichtbar, immer bemüht, „das Richtige“ zu tun. Das, was von mir erwartet wurde, auch wenn es nicht das war, was ich wirklich wollte. Das, wovon ich dachte, es wäre dran.

Meine Talente und Begabungen wurden mir von anderen zugesprochen, nicht von mir selbst entdeckt. Dabei unterstelle ich niemandem, aus böser Absicht über meinen Kopf entschieden zu haben.

Meine Mutter wollte mir ganz selbstverständlich die Eigenschaften und Tugenden weitergeben, die sie für eine junge Frau als wichtig erachtete.
Die Gemeindeleitung hatte Aufgaben zu vergeben – und man dachte, ich sei für bestimmte Bereich supergut geeignet.

Vom Einfluss meiner Mutter hatte ich mich seit ihrem Tod nach und nach entkoppelt, obwohl einige ihrer Werte und „Glaubenssätze“ durchaus weiter wirksam waren. Aber es ist auch nicht alles schlecht, was sie mir mitgegeben hat. Es gibt einige Dinge und Maßstäbe, die ich selbst auch als wichtig erachte. Ich denke, so etwas gehört einfach zum Aufwachsen dazu.

In meiner ehrenamtlichen Arbeit hatte ich nach meinen „Schnupperjahren“ in denen ich mithalf, wo Hilfe gebraucht wurde, einen Punkt erreicht, an dem das nicht mehr funktionierte. Auch durch den Besuch mehrerer Willow-Creek-Kongresse hatte ich inzwischen weit mehr als eine diffuse Ahnung, wo meine Begabungen und Stärken lagen. Denn auf diesen Veranstaltungen ging es immer wieder um begabungsorientierte Mitarbeit.
Ich stellte fest, dass ich mehr Grundlagenwissen haben wollte, und auch, dass meine Stärken und meine Interessen in mehreren Themenfeldern liegen könnten. Zunehmend ging es mir auch gegen den Strich, dass im Anschluss an die schönen Bekenntnisse „Wir wollen gabenorientiert arbeiten“ immer wieder andere zu wissen glaubten, wo meine Begabungen lagen und wo nicht.

Und so stand ich hier nun. Vor einigen Leuten, die ich gut kannte, mochte und schätzte, und wollte ihnen meinen Austritt auf Zeit erklären.
Es war schwierig, denn ich mochte die jungen Menschen, mit denen ich arbeitete, ebenso die Leute aus dem Leitungsteam der Gemeinde, mein Team in der Jugendarbeit und auch die Aufgaben an sich.

Ich wusste, ich würde das alles vermissen, aber ich wusste auch, dass ich diesen Schritt gehen musste. Um mich selbst und meine Bedürfnisse wieder zu spüren. Um Klarheit zu bekommen, wie mein Weg zukünftig aussehen konnte. Um die Dimensionen meiner Lebenseinstellung wieder in Einklang zu bringen. 
Sich für die Gesellschaft einsetzen, den Glauben überzeugend leben, Menschen ein Stück auf ihrem Lebensweg begleiten, diese Wünsche mussten wieder zueinander passen. Und ich musste wieder einmal suchen, nach meinem ganz persönlichen Platz im Leben, musste den Sinn wiederfinden. Auch mein Bedürfnis, mit meinen Fähigkeiten, meiner Erfahrung und meinem ganzen Dasein Anerkennung zu bekommen, war in diesem Augenblick übermächtig. Schon früher war das ein wichtiges Motiv meines Lebens gewesen: Anerkennung bekommen für das, was ich einfach war – und nicht für das, andere in mir sahen.

PS: Seit dieser Situation sind nun ziemlich genau fünf Jahre vergangen. Durch die Gemeinschaft mit vielen ganz unterschiedlich geprägten Menschen, eine größere Sicherheit, was mein erworbenes Wissen angeht, aber auch durch einige Irrwege und Sackgassen finde ich immer besser zu einer Ahnung dessen, was ich sein möchte, sein könnte und vielleicht auch schon bin.
Aber ich weiß auch, dass der Weg und die Suche immer noch weitergehen wird. Hoffentlich noch lange – lebenslang.

Was ich dagegen immer noch nicht genau einordnen kann: Warum mein Bedürfnis nach ehrenamtlicher Arbeit so ausgeprägt ist.
Ich möchte mir gern vorstellen, dass es ein Vermächtnis meines Opas ist, an den ich eigentlich nur eine frühe Erinnerung habe: Wir saßen auf der Bank vor der Kirche und aßen „heimlich“ Fleischwurst.
Opa war Gewerkschafter, langjähriges SPD-Mitglied (auch während der NS-Zeit) und leidenschaftlicher Lokalpolitiker. Von ihm blieben mir sein Bundesverdienstkreuz, die Gewerkschaftsurkunden, einige Zeitungsartikel der Lokalpresse – und eine unerklärliche Vorliebe für Fleischwurst.

Übrigens bin ich durchaus der Meinung, dass ich eine glückliche Kindheit hatte, auch wenn nicht immer alles nach Wunsch lief.

Stadtradeln

Seit Pfingstmontag wird in unserem Landkreis gestadtradelt – oder stadtgeradelt? Egal, auf jeden Fall wird kreisweit in die Pedale getreten und fleißig mitgetrackt.
Seit Wochen ärgere ich mich schon, dass viele Straßen, auf denen ich unterwegs bin, vor allem am rechten Fahrbahnrand mindestens tiefe Risse aufweisen, aber auch Schlaglöcher, in denen man Blumen pflanzen könnte. Daher hatte ich mich auf die Möglichkeit gefreut, Schäden über die App zu melden. Das scheint allerdings bei uns nicht zu funktionieren. Dann eben „nur“ Radfahren. Auch gut. Seid ihr auch dabei?

https://www.stadtradeln.de/darum-geht-es

Mit einigen Leuten aus dem Umfeld der Gemeinde habe ich ein kleines Team zusammengestellt. Die Motivation, das Auto stehen zu lassen, steigt mit jedem Kilometer, der sich in der Teamstatistik ansammelt. Und wer nicht von Anfang an dabei ist, kann auch manuell nachtragen, wenn er im Aktionszeitraum schon Touren gefahren ist.

Das Coole an der Sache: Nach Ende des gesamten Zeitraums (also ab Oktober) werden die getrackten Strecken anonymisiert von der Uni Dresden ausgewertet, so dass Kommunen erfahren, wo es Schwerpunktstrecken gibt, ob die Menschen dort fahren, wo es erwartet wird oder an ganz anderen Stellen unterwegs sind. Mit diesen Ergebnissen soll die Fahrradinfrastruktur erweitert und ausgebaut werden. Also im weiteren Sinn ist es auch ein Projekt in Richtung „Citizen Science“.

Das Coole für mich persönlich: Ich merke mit jeder Fahrt, dass ich Energie erzeuge und offensichtlich auch speichere. Körper und Kopf werden leistungsfähiger, je mehr ich Rad fahre. Daumen hoch!

Wasser

Ich kann kaum an das Thema Wasser denken, ohne unpassenderweise die Liedzeile „Es ist nur Wasser überall…“ von Santiano im Hinterkopf zu haben. Und ich überlege mir, dass die Herren der Band nun wahrlich nicht das meinten, was für die Zukunft mehr als eine Option sein könnte.

Eigentlich ist Wasser ein Sehnsuchtsort, eine Oase der Ruhe und Entspannung im Bewusstsein vieler Menschen. Wenn wir Urlaub machen, selbst in den Bergen, freuen wir uns, wenn Wasser dabei ist. Ob nun weite Strände und dramatische Steilküsten, plätschernde Waldbäche, tiefgrüne Bergseen, tosende Wildflüsse, unterirdische Seen in Höhlensystemen – mit Wasser verbinden wir oft behagliche oder spannende Momente. Selbst in Großstädten stehen auf den Promenaden an Flüssen zahlreiche Sitzmöglichkeiten, um aufs Wasser zu schauen. Wasser ist eine Grundbedingung für das Leben.

Aber Wasser kann auch existenzbedrohend, ja lebensbedrohlich sein. Ob der Tsunami in Thailand Weihnachten 2004, die Sturmflut von Hamburg 1962, die Elbehochwässer 2002 und 2003, die Flutkatastrophe von 2021, die vor allem im Ahrtal, aber auch im bergischen Land riesige Schäden und großes Leid verursachte, die historische große Mandränke, das langsame Absaufen von Südseestaaten oder tiefliegenden Gebieten wie Bangladesh und unzählige andere Ereignisse.

Auf der anderen Seite wird zunehmend Wasser fehlen. Zur Zeit der Schneeschmelze in den Bergen (und damit auch in den Gebieten, wohin die Bergbäche fließen) mangels Schnee; in Gegenden, in denen sich ohne Regenfälle Dürre und Steppenbildung ausbreitet; durch sinkenden Grundwasserspiegel, weil wir Menschen zu oft die Bedürfnisse der Natur, der Pflanzen- und Tierwelt vergessen, wenn wir berechnen, wieviel Wasser wir fördern wollen und dürfen.

Wir versuchen, das Wasser zu bändigen, einzuhegen, dorthin zu lenken, wo es unserer Meinung nach hingehört. Durch Dämme, Deiche, Flussbegradigungen, Drainagen, verrohrte Bäche…

Gerade der letzte Aspekt bringt mir augenblicklich ein wenig Unruhe, weil in den letzten drei Wochen bei Starkregenereignissen zweimal ein und dasselbe Haus und Grundstück in unserer Stadt geflutet wurde. Ja, es steht vielleicht ein wenig ungünstig. Aber der Hauptgrund scheint zu sein, dass ein Bachlauf unterirdisch durch ein Rohr geleitet wird und an Stellen, wo es nicht hätte sein dürfen, viel Erde aufgeschüttet wurde.
Es rumorte in mir, aber ich kam nicht so recht darauf, weshalb. Bis gestern. Da habe ich mich auf die Suche in amtlichen Karten gemacht. Denn bei uns im Ort kommt auch ein Bach vom Jakobsberg, der in der Nachbarschaft an der Straße im Rohr verschwindet. Seit gestern weiß ich, dass der Lauf des Baches unter unserem Grundstück zu verlaufen scheint. Wenn die Karte stimmt, laufen möglicherweise Rohre unter mindestens 10 Grundstücken her, ehe der Bach wieder hervortritt und in einen anderen mündet. Seit wann genau, weiß ich nicht. Muss sehr lange her sein. Gut, es gibt auch Wasserläufe, die aus geologischen Gründen freiwillig streckenweise unterirdisch verlaufen.
Ich werde mich wohl mal ins Kommunalarchiv begeben oder eine Handvoll Verwaltungsbeamte mit vielen Fragen von ihrer Arbeit abhalten müssen, wenn ich dem Rätsel weiter auf den Grund gehen will.

Und ich brauche Literatur über Wasser. Gut, dass der Mindener Zweig der Fachhochschule auch Wasserbauingenieure ausbildet. Vielleicht gibt es dort Menschen, die mir weiterhelfen können.

Über Leben in der Klimakrise

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Über die Titelliste zur Netgalley-Challenge 2023 bin ich auf dieses Buch aufmerksam geworden. Die Autorin kannte ich nicht namentlich, aber sie ist diejenige, die den ersten Unverpackt-Laden in Berlin etablierte und den Verlag „Ein guter Plan“ gründete. Damit konnte ich etwas anfangen.

Für Milena Glimbovski steht fest: Vieles von dem, was uns bedroht, können wir nicht mehr rückgängig machen. Nicht mit vielen kleinen Tipps wie dem Coffee-to-go-Becher, den man immer in der Tasche hat oder dem Einkaufskorb statt der Plastiktüte. Was diese Maßnahmen deshalb nicht schlechter macht, aber es reicht halt nicht.
Aber auch großflächig geplante Maßnahmen werden nicht die Rettung bringen, so meint sie, weil die Umsetzung zu spät ins Auge gefasst wird, die Pläne oft noch unausgegoren sind und wir auch viel zu oft weitermachen wie bisher und die möglichen Lösungen in die Zukunft verschieben („Technologieoffenheit“, mein persönlicher Kandidat für das Unwort des Jahres 2023). Auch hier gilt: Diese Erkenntnis ist kein Freibrief, sondern sollte im Gegenteil ein Ansporn sein. Aber nun ja, die Trägheit der Masse…

Viele Menschen, das sieht man ja auch bei den Aktivisten der Letzten Generation, leiden deswegen – und das ist kein Scherz und keine Übertreibung – an einem depressiven Zustand, den nicht nur die Autorin „Klimagefühle“ nennt.

Die amerikanische Psychiaterin Lise van Susteren, die viele Menschen behandelt hat, die an einer posttraumatischen Belastungsstörung litten, stellte im Laufe ihrer jahrzehntelangen Praxis fest, dass auch Menschen, die Angst vor einem traumatischen Ereignis haben, unter vergleichbaren Symptomen leiden. Die prätraumatische Belastungsstörung beschreibt diesen psychischen Stress. Auslöser dafür können auch die Angst und Verzweiflung vor den Folgen der Klimakrise sein – nicht nur für einen selbst, sondern auch für die kommenden Generationen. Heute beschreibt van Susteren diese Diagnose weniger als psychische Störung denn als Zustand. Denn auch hier gilt: Die Klimakrise ist eine reale Bedrohung und damit keine Störung. Wenn wir also ständig von allen Seiten mit Nachrichten konfrontiert werden, wie schlecht es um unsere Umwelt bestellt ist, welche Stürme, Brände, Dürren und Hitzewellen gerade durch die Länder ziehen, dann kann diese intensive Beschäftigung zu einem prätraumatischen Belastungszustand führen.

aus Kapitel 3: Klimagefühle – ein kleiner Exkurs

Um in diesem dystopischen Zustand nicht zu verharren, müssen wir uns Strategien überlegen, und das führt zu der Überlegung, dass Anpassung notwendig ist. Dazu stellt sie Projekte und Menschen vor, die schon am Thema dran sind, forschen, durchführen, einfach machen.

Auch über dieses Buch könnte ich viel schreiben, aber ich möchte mich einmal auf unsere Lebensgrundlage schlechthin konzentrieren:

Das Wasser

Woran liegt es, dass dieselbe Ahr, die im Sommer 2021 Menschenleben, Existenzen und materielle Werte vernichtete, nur ein Jahr später nicht mal mehr den Rhein erreichte, sondern vorher schon versickerte?
Was ist eigentlich das Problem bei starken Regenfällen? Warum ist das nicht einfach nur „viel Regen auf einmal“, sondern eine reale Bedrohung für unseren Lebensstil?
Warum bekommt der Kohletagebau und überhaupt die Energiewirtschaft mehr als die Hälfte des gesamten deutschen Wasserbedarfs – und das fast umsonst?
Was ich übrigens zumindest in dieser Dimension bisher nicht wusste. Und jetzt kommt der Punkt, weshalb ich diesen Artikel unbedingt heute noch schreiben wollte:

Morgen, am 31.5.2023 soll im Bundestag über die nationale Wasserstrategie beraten werden. Erstaunlich eigentlich, dass es so etwas noch nicht gibt.

Konzerne, die jährlich viele Milliarden Liter Wasser nutzen und nichts dafür zahlen: Damit könnte es bald vorbei sein. Bis 2025 will die Bundesregierung prüfen, ob die Nutzung von Wasser in allen Bundesländern kostenpflichtig werden soll. Die Gebühren könnten unter anderem dafür genutzt werden, um einen „bewussteren Umgang mit der Ressource Wasser” anzustoßen, wie es in dem Dokument heißt. Am Mittwoch will sich das Bundeskabinett mit der Strategie beschäftigen.

Jan-Niclas Gesenhues, umweltpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag, begrüßt die Strategie. Sie mache klar, dass es ein zeitgemäßes Wasserrecht brauche. Die Einführung von einheitlichen Gebühren für die Nutzung von Wasser sei ein wichtiger Schritt dahin. „Die Entgelte müssen die ökologischen Kosten widerspiegeln.“ 

Wann genau die vereinheitlichten Entgelte kommen sollen, bleibt allerdings offen. Denn ein konkreter Zeitpunkt findet sich in dem Dokument, das CORRECTIV vorab vorliegt, nicht.

https://correctiv.org/aktuelles/wirtschaft/2023/03/14/wasserstrategie-konzerne-sollen-fuer-wasser-zahlen/ (zuletzt abgerufen 30.5.23)

Besonders berührt hat mich eine ganz kleine, schlichte Aussage, die aber einen großen Teil der Misere ausmacht und leider viel über unser Aufmerksamkeitsvermögen aussagt:

Was wir nicht sehen, rutscht uns vom Schirm.

Aus Kapitel 3, „Anpassungsmaßnahmen“

Wenn wir nicht lernen, besser und sinnvoller mit dem Wasser umzugehen, dann haben wir meiner Meinung nach vielleicht einfach nicht verdient, weiter eine wichtige Rolle auf diesem Planeten zu spielen.

Auch wenn man nicht mit allen Schlüssen, die von der Autorin genannt werden, konform gehen mag (schließlich haben wir nicht alle dieselben Erfahrungen gemacht), lohnt es sich auf jeden Fall, sich mit dem Buch und insgesamt mit dem Thema zu beschäftigen. Ich habe viele neue Informationen bekommen, die mir weiterhelfen, für mich persönlich Probleme einzuordnen, Widerstände zu erkennen, Lösungen anzudenken.
Übrigens lese ich parallel abends im Bett von Marc Elsberg „Celsius“ (nicht die beste Schlaflektüre, gebe ich ja zu). Es ist schon bemerkenswert, an wie vielen Punkten das Sachbuch und der Thriller parallele Gedankengänge aufweisen… (Dazu in einem anderen Artikel mehr.)

Bibliographische Angaben: Milena Glimbovski, Über Leben in der Klimakrise, Ullstein Verlag, ISBN 978-3-548-06805-3, 16,99 €
Erscheinungsdatum: 1. Juni 2023

PS: Auch Maßnahmen, die manches Mal auf den ersten Blick sinnvoll erscheinen, haben Schattenseiten. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch dieser Artikel aus dem letzten Frühsommer:
https://correctiv.org/aktuelles/klimawandel/2022/06/14/klimawandel-konflikt-um-wasser-in-deutschland/

Glücksmoment

Daran muss ich euch einfach teilhaben lassen. Ich hatte vor einer umgedrehten Maurerbütt gekniet und Schnecken im Gänsemarsch gefilmt. Dann stand ich auf und fand mich unvermittelt vor dieser Szene (ungefähr 50 cm Abstand):

Die junge Kohlmeise hatte ich gestern und heute schon öfter beobachtet, aber solche Aufnahmen sind absolut seltene Glücksgriffe.

Wildnis und Gartenbewohner

Jeden Tag ein kleines bisschen. Mehr schaffe ich nicht, weil ich immer noch schnell aus der Puste bin und die Sehnen, die noch intakt sind, melden sich auch immer mal wieder mahnend. Trotzdem freue ich mich über jeden kleinen Schritt, den ich schaffe.

Heute Vormittag habe ich es endlich geschafft, Tomaten, Paprika und Gurken auszupflanzen, solange noch Schatten auf der Südseite des Hauses ist. So können die Pflanzen sich langsam mit dem Sonnenstand eingewöhnen.

Die tierischen Bewohner unseres Gartens kommen übrigens bestens mit meinem Laissez-faire-Stil zurecht. Abends im Dunkeln besucht der Igel die Terrasse, um nach Schnecken zu suchen, die unter den Blumentöpfen hervorkommen. Soll er, guten Appetit.

Der kleine Stachelträger war leider von Kalle ziemlich eingeschüchtert.
Der stand vor dem Igel und wollte ihn verbellen.


Guten Appetit haben auch alle möglichen Vögel, die sich auf vier Futterstationen und ein Häuschen verteilen, um sich selbst und mittlerweile auch den Nachwuchs dort zu stärken. Auch Spatzen, Spechte, Kleiber und Finken, ab und zu sogar ein Rotkehlchen, gehen gern an die Meisenknödel.
Im Wohnzimmer habe ich Stativ und Fotoapparat aufgebaut und kann jetzt durchs Fenster direkt in den Holunder fotografieren, den ich genau aus diesem Grund im Frühjahr nicht zurückgeschnitten habe (die Kehrseite: er hat kaum Blüten, da muss ich anderweitig Material für den Sirup finden).

Von außen ans Futter zu kommen, reicht den frechen Spätzchen offensichtlich nicht, sie hüpfen in den Ring hinein.

Zum Schluss noch ein paar Wildnisfotos. Immerhin kann ich bald Himbeeren, schwarze Johannisbeeren und wilde Hagebutten an Orten ernten, wo ich sie nicht vermutet hätte…

Scheren und Sägen jeder Art und Größenordnung werden definitiv öfter zum Einsatz kommen müssen. Aber noch nicht in den nächsten Wochen, wo immer noch Vögel brüten.

Einen Anfang machen

Das Buch habe ich mir vor einiger Zeit gekauft, um Impulse für Andachten zu finden. Heute möchte ich eine Geschichte vorstellen, aber den Schluss daraus euch selbst überlassen.
Also: Lesen, genießen, nachdenken, vielleicht den einen oder anderen Schluss ziehen …

Der Rabbi von Alexander fasste eines Tages einen wichtigen Beschluss. Da die Erde voller Streit und Leid war, beschloss er, gleich am nächsten Tag damit zu beginnen, die ganze Welt zu verbessern.
Als er aufstand, erschien ihm das geplante Projekt doch etwas zu hoch gestochen, und er beschloss, nur das Land, in dem er lebte, in Ordnung zu bringen. Alsbald erschien ihm auch dies eine zu schwere Aufgabe.
Vielleicht genügt es, so dachte er, wenn ich meiner Heimatstadt zu einer besseren Moral verhelfe. Oder die Gasse, in der ich lebe, oder wenigstens das Haus, in dem ich wohne, besser mache.
Als der Rabbi einsah, dass es ihm wahrscheinlich nicht einmal gelingen werde, seine Familie zur Besserung zu bewegen, fasste er den endgültigen Beschluss: „Also muss ich halt mit mir selbst beginnen.“

Samstagsaktivität: De todo un poco

Gestern Abend hatten wir ein wunderschönes Konzerterlebnis, mit viel Filmmusik, unter anderem aus The greatest Showman, denn das Sommerkonzert der Schule stand an. Erschreckend nur, dass in diesem Sommer fast die Hälfte der OrchestermusikerInnen und ebenfalls fast die Hälfte der Chorsängerinnen verabschiedet wurden, weil sie ihr Abi machen und dann weg sind. In den nächsten zwei bis drei Jahren werden die Musiklehrkräfte sehr viel Neuaufbau nach dem großen Corona-Loch leisten müssen.

Heute begann mit sehr frühem Einkauf, nicht ganz so frühem Fertigmachen des Gemeindebriefes (jetzt werden wir in den nächsten Tagen alle Korrekturlesen und schieben uns die Rechtschreibfehler zu😂).

Im Eisschrank hatte ich aus dem letzten Einkauf vom Biohof noch einen großen Rinderbraten und eine Dose mit Beinscheibe, Ochsenschwanz und Suppenknochen. Passt zu Pfingsten und ich habe wieder Platz für die nächsten Schätze. Die Suppe ist schon im grobfertigen Zustand und muss nur noch verfeinert werden, das Bratenstück ist noch nicht ganz aufgetaut.
Da im Kühlschrank auch noch eine angefangene Flasche Eierlikör lag, den ich von einer Freundin zu Ostern bekommen hatte (selbstgemacht aus Eiern von glücklichen Hühnern), beschloss ich, den Ofen schon mal vorzuheizen, indem ich einen Eierlikörkuchen backe.
Was mich wieder zu der allseits bekannten, philosophischen Frage führte: In einem Backofen mit vier Einschubleisten – welche ist die mittlere? Ich löse die Frage übrigens immer recht pragmatisch: Bei hohen Formen ist die zweite von unten die Mitte, bei flachen Kuchen oder Quiches ist es die zweite von oben.

Ehe ich aber soweit war, Kuchen zu backen, hatte ich draußen schon angefangen, in meiner kleinen Wildnis ein temporäres Hochbeet aus einem noch vorhandenen Kompostsilo-Bausatz und Unkrautfolie zu basteln. Temporär deswegen, weil an der Stelle eigentlich eine Senke wieder aufgefüllt und eingesät werden soll, ich mir aber gedacht habe: Statt massenhaft Erde anzukarren kannst du auch ein bis zwei Jahre Strauchschnitt, halbgaren Kompost und Kübelerde vom letzten Jahr versenken, oben neue Erde drauffüllen und etwas Gemüse anpflanzen.

Nicht schön, aber selten – und meins!

Die Tomaten, Paprika und Gurken müssen jetzt auch endgültig raus. Bisher habe ich sie wegen der kalten Nächte immer wieder reingeholt, aber nun ist Schluss. Die werden ja ganz verhätschelt! Die Kübel vor dem Haus sind vorbereitet, aber im Augenblick knallt die Sonne drauf, das mache ich kurz vor Abend.

Weil ich mit der plötzlichen Wärme nur mittelprächtig gut klarkomme, wechsele ich immer wieder ab, mache ein bisschen draußen und dann ein bisschen drinnen. Und trage meinen neuen Hut, der mich hoffentlich vor zu viel Sonne bewahren wird.

Pettersons kleine Schwester😉

Am Ende des Tages hoffe ich, ein klitzekleines bisschen mehr Ordnung in meine Privatwildnis gebracht zu haben, Kuchen, Braten und Suppe für das Wochenende fertig zu bekommen und auf das große Wunder, dass die Titelserie der Bayern mal durchbrochen wird. Nach einer Viertelstunde Radiohören habe ich ausgeschaltet. Sieht nicht nach Wunder aus…

Die Sense muss ich noch schärfen und nächste Woche übe ich Sensenmähen! Übungsfläche habe ich reichlich. Ich glaube fast, sonst muss ich mir ein paar Schafe mieten😅.
Alles in Allem bin ich fast zufrieden mit dem, was ich alles an einem Tag geschafft habe, auch wenn es an verschiedenen Stellen recht kleine Dinge waren. Ich hoffe nun, an Pfingsten ein wenig an meiner nächsten Lektion des Studiums weiterzuarbeiten.

Ich wünsche euch ein feuriges🔥, gesegnetes😇 Pfingstfest und ein paar erholsame Tage.

Nicht um jeden Preis

Der Monat Mai war voll, sehr voll. Für mich vor allem mit vielen kleinteiligen Arbeiten für den Gemeindebrief, dessen Layout ich aber jetzt zum Glück fertig habe und mir fehlt auch nur noch ein Artikel, den ich Pfingsten bekomme. Wenn mir diese Tätigkeit nicht so wahnsinnig viel Spaß machen würde, hätte ich längst das Handtuch geschmissen.
Aber auch Festlichkeiten unterschiedlicher Art und Ausschusssitzungen begleiteten uns als Familie. Deswegen brauchte ich auch den ganzen Monat, um mit den abc.etüden von Christiane klarzukommen.
Der Text spiegelt daher auch ein wenig wieder, wie die Lage in vielen (vor allem sozialen oder pädagogischen) Bereichen augenblicklich aussieht, nicht nur „bei Kirchens“. Was die Gefahr birgt, dass man sich „Leistungen einkauft“, die bei genauerem Hinsehen nicht dem eigenen Profil entsprechen.
Und nicht zuletzt habe ich mitunter das Gefühl, nach dem offiziellen Ende der Pandemie häufen sich die Veranstaltungsangebote so geballt, dass man nicht mehr weiß, was man tun und was man lassen soll.
Nun denn:

„Es wird nicht funktionieren!“ Fast schon verzweifelt blätterte die Sekretärin im Kalender hin und her. „Alle Termine sind ausgebucht. Und an den Tagen, wo keine Veranstaltung ist, fehlen uns die Leute. Techniker, Musiker, Ehrenamtliche, und auch die Hauptamtlichen brauchen ja mal den einen oder anderen Tag ohne Verpflichtung.“
Scheinbar hilflos blickte sie den Besucher des Gemeindebüros an.
Der Mann, der vor ihr stand, war von seiner Wirkung offensichtlich sehr überzeugt. „Aber ich bitte Sie. Unsere geplante Veranstaltung wird der Gamechanger sein. Sie werden Ihre Kirche voll bekommen, das garantiere ich Ihnen. Das ist es doch, was Sie dringender denn je brauchen! Bestimmt können Sie unser Konzept noch in einen Sonntag integrieren, wir bieten für alle Generationen etwas an, vom Säugling bis zur Uroma. Und das alles zu einem unschlagbar günstigen Preis. – Alle Ihre Nachbargemeinden haben schon zugeschlagen, wollen Sie als einzige ohne adäquates Angebot dastehen?“ fragte er leutselig.
Die Sekretärin blickte versonnen an dem Herrn vorbei, kniff die Augen kurz zusammen und nickte fast unmerklich. Dann schaute sie auf den Flyer, den er vor ihr ausgebreitet hatte.
„Ihre Kontaktdaten stehen da drauf, wie ich sehe. Im Augenblick ist niemand da, der etwas dazu sagen könnte, ich gebe das weiter und wir melden uns.“ Noch einmal versuchte er es: „Wir haben nur noch ein begrenztes Angebot frei, Sie sollten lieber schnell zuschlagen“ beharrte er.
„Ohne eine angemessene Beratung durch den Kirchenvorstand wird hier überhaupt nichts entschieden. Ich wünsche Ihnen noch einen guten Tag“ beendete die Sekretärin das Gespräch und wandte sich anderen Aufgaben zu.
Nachdem der Mann das Büro verlassen hatte, trat die Pfarrerin hinter dem Raumtrenner hervor, hinter dem sie unbemerkt verharrt hatte.
„Das hast du prima gemanagt. Es gibt definitiv die eine oder andere Stellschraube für uns, um mehr Menschen anzusprechen, aber nicht mit so einem unausgegorenen Veranstaltungsangebot.“

Wir verlieren unsere Kinder

Keine klassische Rezension, eher eine Art Gedankenaustausch und Erfahrungsbericht als Mutter und ehrenamtliche Jugendarbeiterin.

Die gute Nachricht vorab: Den EINEN Schuldigen an der Lage gibt es nicht. Weder die Kinder und Jugendlichen selbst, noch die Elternhäuser, Schulen oder die politischen und Verwaltungsinstitutionen.
Die nicht so gute Nachricht: Alle sind beteiligt daran, dass sich zu wenig tut, um Kinder und Jugendliche im Netz, in sozialen Medien und zunehmend im analogen Leben vor Gewalt, Hetze, Pornographie und anderem Mist zu schützen. Und alle sind auch beteiligt daran, dass es überhaupt so weit gekommen ist.
Die deprimierende Nachricht: Zum größten Teil liegt das an der mangelnden Digitalkompetenz – der Erwachsenen! Egal, ob auf Eltern- Lehrer-, Verwaltungs- oder Gesetzgebungsebene: wir, die wir (angeblich) „den Durchblick haben“, sind die größten Versager, denn wir – und möglicherweise auch schon eine halbe Generation vor uns, die Digitalpioniere – haben es versäumt, den Anschluss zu halten, rechtzeitig Regeln aufzustellen, die den Namen auch verdienen sowie angemessen Interesse am digitalen Leben unserer Kinder zu zeigen. Und selbst wenn wir Regeln aufstellen, halten wir uns selbst viel zu häufig nicht daran. (Kleiner Ausblick auf das, was uns mit KI noch bevorsteht, denn dort läuft es gerade in eine ähnliche Richtung…)

Vieles, was ich im Buch gelesen habe, hat mich beschämt. Und hilflos gemacht. Ich habe Fragen gestellt, an meine Töchter und an mich selbst. Ich bin froh, dass die schlimmsten Auswüchse uns als Familie nicht betreffen, aber ich bin mir bewusst, dass wir da viel Glück haben. Durch die ehrenamtliche Jugendarbeit habe ich in den letzten Jahren und Jahrzehnten einige Entwicklungen kennengelernt, selbst mitgemacht und nutze gern soziale Medien. Ich lerne ständig dazu (und trotzdem weiß ich verschwindend wenig), nicht immer nur hilfreiche Dinge. Auf manches könnte ich gut und gern verzichten. Aber ich kenne halt auch viele Eltern, die der Meinung sind: „Ich muss nicht jeden Trend mitmachen“. Das ist sogar sehr verständlich und nachvollziehbar, aber nicht unbedingt hilfreich, wenn man sich dafür interessiert, wie Jugendliche heute aufwachsen und mit welchen Themen sie tagtäglich umgehen (müssen).

Im Buch habe ich mir viele Stellen markiert, die ich hier zitieren könnte, um die Dringlichkeit aufzuzeigen. Aber ich habe mich entschlossen, das nicht zu tun, denn ich möchte, dass ihr, die ihr mit Kindern zu tun habt, es lest.
Nicht weil alles auf jeden zutrifft, aber um zu verstehen, dass die Kinder diejenigen sind, die am wenigsten „schuldig“ sind an den Entwicklungen, allerdings am meisten mit ihnen zu kämpfen haben.
Die schädlichen Inhalte, mit denen sie zu tun haben, stammen meist von Erwachsenen, oder sie sind zumindest davon inspiriert. Und das wirft auf unsere Welt, die oft stolz ist auf (manchmal falsche und manchmal fehlende) Toleranz und Offenheit, nicht immer das beste Licht.

Ich bin zum Beispiel überzeugt: Nicht sexuelle Diversität ist das Hauptproblem, sondern die immer selbstverständlichere Darstellung von Unterwürfigkeit und Gewalt – also S/M-Praktiken – oder einem devoten Frauenbild (die Frau sitzt auf den Knien vor dem sie überragenden Mann oder steht ihm anderweitig willig „zur Verfügung“) nicht nur in Pornos bei sogenannten „ganz normalen“ heterosexuellen Menschen.
Man muss nicht prüde sein, um zu erkennen: In einer Zeit, in der sich die Identitätsbildung vollzieht, wird dadurch ein Gesellschaftsbild erzeugt, das wir eigentlich überwunden glaubten, das aber durch „Influencer“ wie Andrew Tate wieder erschreckend viel Zulauf erhält. Und dass es mehr als verwerflich ist, wenn erwachsene Männer sich als Jugendliche ausgeben, um an Nacktbilder von jungen Mädchen zu kommen, versteht sich von selbst.

Eine andere, eher alltägliche Sache: Wir sitzen mit den Kindern im Restaurant oder im Wartezimmer. Statt Bücher vorzulesen oder mit den Kindern zu malen, stellen wir schon die Allerkleinsten mit blinkendem und piependen Content auf dem Smartphone ruhig. Wenn das die absolute Ausnahme bleibt in Härtefällen, wo gar nichts anderes mehr funktioniert, wenn es ein kurzes Mal in mehreren Monaten vorkommt, wenn wir die Faszination des Kindes für eine seltene Sache nutzen, ist das vermutlich weniger problematisch. Ein großes Problem ist aber: es ist halt so bequem. Man selbst hat den Kopf frei und kann etwas anderes machen. Und da sollte man sich vielleicht doch mal überlegen, ob das nicht auch schon eine Art der Vernachlässigung ist.
Etwas anderes ist es, wenn man gemeinsam etwas Sinnvolles mit dem Smartphone erlebt, zum Beispiel als Familie zum Geocachen geht.

Ganz simples Beispiel: Schnuckelige oder witzige Kinderbilder posten in sozialen Netzwerken. Seit mir meine älteste Tochter vor mehr als 10 Jahren deswegen einen Rüffel erteilte, (sehr zu Recht übrigens, obwohl das Foto wirklich harmlos war) mache ich das nicht mehr.
Wir zeigen Kinder in vermeintlich „putzigen“ Situationen, die ihnen in ein paar Jahren mindestens peinlich sein werden, möglicherweise unangenehm auf die Füße fallen. Ist der Kontext solcher Schnappschüsse dann auch noch: Sommer – leicht bekleidet bis nackig – Schwimmbad oder Planschbecken, dann müssen wir uns nicht wundern, wenn solche Fotos – sagen wir mal: inspirierend auf manche Menschen mit fragwürdigem Geschmack wirken.
Eigentlich sollten wir alle wissen, dass ein einfaches Löschen des Ursprungsposts keineswegs garantiert, dass die Bilder aus der Welt sind. Und dass Handyverbot, Begrenzung der Bildschirmzeit oder ein „Jugendschutz“-Filter am Router nicht die einfache Lösung eines komplexen Problems sein kann.

Durch die Tätigkeit unserer „Großen“ als Cybercop an der Schule schon vor einigen Jahren weiß ich, dass das Problem nicht neu ist.
Dass es aber mehr als ein Jahrzehnt, nachdem solche und ähnliche Projekte landauf, landab durchgeführt wurden, eher schlimmer als besser wird; dass der Verrohungsgrad absolut nicht blauäugig auf „Brennpunktschulen“ abgewälzt werden kann, sondern für viele Kinder und Jugendliche aller Gesellschaftsschichten Alltag ist, das ist ein Armutszeugnis.
Bei unserer Jüngsten gab es in der 8. Klasse Vorfälle im WhatsApp-Klassenchat. Lehrkräfte wurden beleidigt, antisemitische und verfassungsfeindliche Inhalte gepostet. Ich gehe davon aus, dass die Kids nicht durch und durch verdorben waren (einige hatten bei der Aufarbeitung die Größe, sich persönlich zu entschuldigen), sondern dass da ganz viel Gedankenlosigkeit im Spiel war. Vor allem bei Eltern, die der Meinung waren: „Ist ja nur das Netz, nicht das reale Leben“. Und das ist der Punkt, an dem wir uns nach Aussage Silke Müllers alle an die eigene Nase fassen müssen. Wir (ich auch) erkennen viel zu selten, dass für die Kinder diese beiden Ebenen nicht mehr getrennt sind. Was ja auch teilweise gesellschaftlich verlangt und gefordert wird: Technologieoffenheit ist das Schlagwort, von dem viele Politiker vermutlich überhaupt nicht ahnen, wie tief diese „Fähigkeit“ in unser Leben eindringen wird.

Auch auf die Aufgaben von Lehrerinnen und Lehrern habe ich einen neuen Blickwinkel dazugewonnen. Was diese, ähnlich wie ErzieherInnen, alles immer noch on Top bewältigen sollen, ohne dass veraltete Strukturen dafür wegfallen oder Zeiten und Inhalte anders geplant werden dürfen, das geht gar nicht.
Es ist mit einem „normalen“ beruflichen Engagement nicht zu schaffen, weshalb die Alternativen entweder Resignation oder Selbstausbeutung heißen.

Zuletzt möchte ich noch bemerken: Klar, nicht alle von uns sind digitalaffin. Und auch, wenn es vielleicht wünschenswert wäre, muss das nicht unbedingt sein (es gehen ja auch nicht kollektiv alle Eltern mit ihren Kindern joggen, bevor der Cooper-Test ansteht). Sich in alle Richtungen informieren, Elternnetzwerke in einer Weise sinnvoll nutzen, dass nicht über Lehrer X und Schule Y hergezogen wird, sondern man sich gegenseitig über TikTok-Trends oder zweifelhafte Games informiert, das wäre schon ein guter Schritt.
Miteinander die Schulfamilie leben und gestalten statt in Grüppchen gegeneinander Stimmung zu machen wäre in vielen Fällen vermutlich schon ein großer Fortschritt. Denn über eins sind sich schließlich alle Beteiligten ziemlich einig: Die Kinder verdienen es, anständig, ohne Ängste und möglichst ohne Gewalt- und Hasserfahrung aufzuwachsen.

Mein Fazit:
Ein wichtiges Buch, das mir sehr zu denken gegeben hat. Und mich manches Mal an den Rand meiner Fassung brachte. Die wichtigste Botschaft, die es meiner Meinung nach sendet, ist allerdings eine, die vielen Erwachsenen nicht sonderlich gefallen wird: Wir sind nicht unbedingt Teil der Lösung, sondern eher des Problems.
Wie in eigentlich allen Bereichen des Lebens sind Missstände nicht monokausal, sondern es spielen viele Faktoren eine Rolle.
Glücklicherweise sind nicht alle Kinder und Jugendlichen gleich heftig von den vorgestellten Problemen betroffen.
Aber das kann und darf kein Grund sein, vor den sich verstärkenden Tendenzen den Kopf in den Sand zu stecken. Also kann ich nur allen, die mit dem Aufwachsen von Kindern beruflich oder familiär beschäftigt sind, das Buch ans Herz legen. Selbst dann, wenn man nach der Lektüre aufatmet und sagt: Puh, zum Glück betrifft uns das nicht. Denn die Auswirkungen, wenn nichts geschieht, werden uns alle betreffen. Früher oder später.

Pluspunkte: Silke Müller steht nicht mit erhobenem Zeigefinger da, sondern räumt auch eigene Fehler und Versäumnisse sowie schmerzhafte Lernprozesse ein. Und sie bleibt auch nicht bei der Aufzählung der Missstände, sondern zeigt Lösungsansätze auf, die allerdings gesamtgesellschaftlich angepackt werden müssen. Am wichtigsten aber: Den Hauptbetroffenen (ob nun Opfer oder Täter), den Kindern und Jugendlichen gegenüber, steht sie stets wertschätzend und auch beschützend zur Seite.

Bibliographische Angaben: Silke Müller, Wir verlieren unsere Kinder,
Droemer Knaur, ISBN 978-3-426-27896-3, 20 €

Die spinnen,…

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https://www.boersenblatt.net/news/literaturszene/schule-florida-verbietet-gormans-hill-we-climb-287891

Der Einwand einer einzigen Mutter hat gereicht. Mir fehlen die Worte.

Im 1984 gedrehten Film Footloose, der auch das eingeschränkte Leben von Teenagern in einer sehr konservativ geprägten Kleinstadt thematisiert, gibt es eine Szene einer kleinen Bücherverbrennung aus Bibliotheksbeständen, weil amerikanische Klassiker manchen Eltern nicht passten. Ich hielt das damals für komisch, weil total überzogen.
Inzwischen wundert mich ja fast gar nichts mehr. Florida wird zum failed State.

Ich frage mich, wie dort heutzutage aktuelle Folgen von Miami Vice aussähen: Sonny Crockett muss seine Ex-Frau wieder heiraten, Rico Tubbs wird von Elvis, dem Alligator aufgefressen, die Latinos unter den Ermittlern in ein Ghetto gesperrt und pastellfarbene Klamotten gehen ja gar nicht, weil die „schwul“ aussehen? Ach nee, das darf man ja nicht sagen. „Don’t say gay.“

Da gibt es also ziemlich viele Leute, die deutlich mehr als ein Rad ab haben. Armes Amerika! Hat denen eigentlich mal jemand gesagt, dass für Kinder alles interessant ist, sobald es verboten wird?

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