Was von Weihnachten übrig bleibt

Die meisten Bäume sind raus. Ausnahmen bestätigen die Regel. Bei vielen Familien ist der 6. Januar der Tag, an dem das passiert. Bei einigen schon eher, bei anderen darf der Baum ein paar Tage länger im Wohnzimmer vor sich hin nadeln….
Die Kugeln, Lichterketten, Schwibbögen und Krippen sind gut verpackt auf dem Dachboden oder im Keller verstaut und warten auf den nächsten Advent.
Unerwünschte oder unpassende Geschenke sind umgetauscht, der Weihnachtsgottesdienst verblasst in der Erinnerung.
Das neue Jahr hat begonnen und was noch an die zurückliegende feierliche Zeit erinnert, sind ein paar Pfund Hüftgold vom guten Essen und zu vielen Plätzchen.
Business as usual!
——
Wirklich?
Bleiben wir hier stehen und denken uns, das war’s, nächstes Jahr kommt es wie „Alle Jahre wieder“?
Holen wir die Ereignisse von Weihnachten, die Geburt Jesu irgendwie in unseren Alltag? Oder ist es eher wie der Sonntagsglaube, der eine Stunde lang im Gottesdienst stattfindet und danach für den Rest der Woche keine Relevanz hat?
Und überhaupt: Bleiben wir in unserem persönlichen Glauben stehen bei Jesus, dem hilflosen Baby in der Krippe in Bethlehem? Oder folgen wir auch dem erwachsenen Mann, dem Wanderprediger, der in seinen Lehren so grundsätzlich andere Maßstäbe anlegt als wir gewohnt sind?
Gehen wir in den nächsten Wochen und Monaten mit durchs Kirchenjahr, das in dichter Reihenfolge den Werdegang Jesu nachvollzieht? Gehen wir auch in einigen Wochen mit in die Fastenzeit, bereiten wir uns auf die Kreuzigung Jesu vor und feiern an Ostern seine Auferstehung? Oder seine Himmelfahrt und schließlich die Ausgießung des Heiligen Geistes an Pfingsten, dem „Geburtstag der Kirche“?
Oft ist es doch im Trubel des Alltäglichen eher so, dass wir die Feiertage einfach als Unterbrechung und Atempause im Trott ansehen. Daran ist ja auch grundsätzlich nichts Falsches, wir brauchen solche Pausen. Schön und hilfreich ist es aber, wenn wir an diesen Tagen nicht nur unseren Körper ausruhen und auftanken, sondern auch unserem Grundbedürfnis nach Spiritualität und geistlicher Heimat Raum geben. Selbst dann, wenn ich noch gar nicht so ganz sicher bin, was es denn auf sich hat mit dieser Jesus-Sache, wenn ich Gott zwiespältig sehe oder seine Liebe nicht für mich annehmen mag. Einfach mal wissenschaftlich rangehen, also zunächst eine These aufstellen:
„Nehmen wir mal an, es gäbe Gott wirklich…“ und dem dann nachspüren. Schadet garantiert nicht 😉

Wir wünschen uns Frieden, so sehr, dass wir uns heillos darüber zerstreiten, wie Frieden möglich werden kann. Durch Abschreckung? Durch Drohgebärden? Durch Sanktionen und Embargos? Boden-Luft-Raketen? Atomtests? Oder denjenigen mit der anderen Meinung im sozialen Netzwerk mit möglichst viel Pöbelei und Gewaltandrohung mundtot zu machen?
Das, was wir mit der größten Selbstverständlichkeit für uns selbst in Anspruch nehmen, gönnen wir oft nicht dem Nächsten. Wer ist dieser Nächste denn überhaupt? Egal, jedenfalls nicht der unsympathische nörgelnde Nachbar, der schmuddelige Obdachlose in der Fußgängerzone, der schwule Mitschüler oder der arabische Flüchtling muslimischen Glaubens. Und auch nicht die herumzickende Trulla aus der Parallelklasse, die sich immer zu sehr schminkt, die Prostituierte aus Osteuropa, die Näherin in Bangladesch, die ihre Familie durchzubringen versucht oder die Frau, die eine Partei wählt, welche mir Übelkeit verursacht.
– – –
Wer von euch kennt den Namen Mahatma Gandhi? Er war ein indischer Rechtsanwalt und Menschenrechtler, der vor ungefähr 100 Jahren wirkte. Er hatte in seiner Jugend auch viel Mist gebaut (kann man bei Wikipedia nachlesen) wie ein ganz „normaler“ Jugendlicher, aber aus diesen Fehlern gute Lehren gezogen. Sein friedlicher Kampf galt zeit seines Lebens der Durchsetzung sozialer Gerechtigkeit.
Ein zentraler und wichtiger Leitsatz war für ihn:
„Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst.“
Das heißt, wenn ich will, dass sich etwas ändert, dann muss ich es anpacken. Wenn ich nicht anfange, dann tut es vielleicht niemand. Oder es dauert so lange und bis der Leidensdruck so hoch ist, dass es sehr schwierig ist, überhaupt etwas zu tun. Wir richten uns so bequem in einer unhaltbaren Situation ein, dass Veränderung kaum noch machbar ist.
Das sehen wir heute zum Beispiel bei den Forderungen der Fridays-for-Future-Bewegung. Viele Erwachsene und „Etablierte“ sagen: Wenn die anderen das auch alle machen (die anderen Autofahrer, die anderen Vielflieger, die anderen Online-Junkies…. Setz einfach ein, was dir dazu einfällt), dann mache ich (vielleicht) auch mit. Das schlimmste daran: das ist nicht neu! Schon in den atomkraftkritischen 80er Jahren des letzten Jahrhunderts gab es den Spruch: „Alle wollen zurück zur Natur, aber keiner zu Fuß“. Wir alle warten seit mindestens 35 Jahren darauf, dass mal irgendwer den ersten wirklich großen Schritt macht!
– – –
Zu Beginn des Markus-Evangeliums (Kap. 1,15) verkündet Jesus:
„Jetzt ist die Zeit gekommen, in der Gottes neue Welt beginnt. Kehrt um zu Gott, und glaubt an die rettende Botschaft!“
Und dann geht er am Ufer des Sees Genezareth entlang und entdeckt einige Fischer. Spontan spricht er sie an und fordert sie auf, ihm zu folgen, um Menschen für Gott zu gewinnen. Zuerst Simon und Andreas, dann Johannes und Jakobus. Sofort verließen sie ihre Arbeitsplätze und Familien und ließen sich darauf ein. Einfach so. Sie sagten nicht „Jesus, das ist ja ganz schön schräg, was du da vorhast. Weißt du was, frag doch erstmal die 50 anderen Fischer hier am See, und wenn die mitmachen, dann überlege ich mir das noch mal.“
Nein! Sie vertrauen ihm. Sie sind bereit, sich auf etwas radikal Neues einzulassen. Auf etwas total Unbekanntes. Sie überwinden das menschliche Misstrauen und die alltägliche Trägheit und sagen „JA!“
Wenn ich jetzt noch einmal die Kurve zu den heutigen Umweltthemen drehe, da ist doch das meiste gar nicht radikal neu und unbekannt! Das war fast alles schon mal da! Vieles ist erprobt und funktioniert nach wie vor, es kommt uns bloß so „old fashioned“ und „retro“ vor. Überhaupt nicht innovativ oder zukunftsweisend.
– – –
Ähnlich sieht es mit den Folgen von Weihnachten aus. Ganz konkret in unserem persönlichen kleinen Leben. Wir brauchen Vertrauen, Mut uns einzulassen. Auch ohne dass andere vorangehen. Vieles ist gar nicht radikal neu.
Nicht „Hate Speech“, nicht „Fake News“, nicht Mobbing oder stures Beharren auf Wohlstandsansprüchen ist der Weg.
Ich wünsche uns, dass wir immer wieder den Mut haben, nicht bei der anrührenden Krippenszene von Weihnachten stehenzubleiben, die doch so romantisch warm ums Herz macht.
Ich wünsche uns allen, dass wir vielmehr den Mut haben, auch den Forderungen des Rabbis zu folgen, der sagte: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, der herausforderte, als er sagte, man möge auch die andere Wange hinhalten. Der Wasser in Wein verwandelte, damit die Party weiterlief und der gern mit denen aß und trank, die am Rand oder außerhalb der Gesellschaft standen.
Der bereit war, den ultimativen Weg zu gehen, der ihn selbst das Leben kostete, um unsere Leben zu retten.

Jetzt ist die Zeit, da Gottes Reich anbricht. Heute, jeden Tag.

Gibt es den Weihnachtsmann wirklich?

Genauso könnte die Frage auch nach dem Christkind gestellt werden. Natürlich wissen nicht erst wir aufgeklärten Menschen des 21. Jahrhunderts, dass es sich bei beiden um mythische Gestalten handelt.

Der dicke gemütliche alte Mann mit rotem Mantel und Rauschebart, der mit seinem Rentierschlitten durch die Nacht saust und durch die Schornsteine schlüpft, für den es nichts schöneres gibt als den Kindern der Welt eine Freude zu machen. Oder das blondgelockte (!) Kind (in allen Städten, die einen Christkindlesmarkt haben, durch ein Mädchen dargestellt, so viel zur christlichen Authentizität …), das am Weihnachtsabend die Geschenke mit Ochs und Esel bringt.

Aber trotzdem haben beide die ultimative Daseinsberechtigung, denn sie bringen Licht und Hoffnung, Freude in den Augen der Kinder, Rührung bei den Eltern und Großeltern, Staunen bei allen, die dies alles erleben. Ich denke immer gern an die Zeit zurück, als dieser Zauber auch bei uns in der Familie zu sehen war. (Also mit kleinen Kindern, die noch nicht alles hinterfragen, und mit den seligen Omas dabei…). Heute ist der Zauber ein anderer, der Zauber, mich vom Weihnachtsbaum überraschen zu lassen, den unsere Tochter geschmückt hat 🙂

Ich wünsche mir, jenseits von Unterhaltungstechnik, Gutscheingewitter und kalorienreichen Futterschlachten zu Weihnachten, dass jeder von uns innehält und bemerkt, dass der eigentliche Geist der Weihnacht im Unsichtbaren und Unverfügbaren liegt. Weihnachtsmann, Christkind, aber auch Jesus Christus, unsere Kraft und Hoffnung schöpfen wir aus dem, was wir nicht erfassen können. Kein Konsumgut der Welt kann das ersetzen.

Seit mehr als 100 Jahren wird immer wieder die Frage der achtjährigen Virginia aus New York an die renommierte New York Sun verbreitet. Sie zweifelte an der Existenz des Weihnachtsmannes und ihr Vater riet ihr, sich an die Sun zu wenden, denn was dort geschrieben stand, das zählte (echter Qualitätsjournalismus 😉 ).

Der Chefredakteur nahm die Frage sehr ernst und ließ von seinem Kolumnisten (ein eigentlich ziemlich desillusionierter Bürgerkriegsveteran) eine Antwort verfassen, die in der Zeitung veröffentlicht wurde:

Liebe Virginia, Deine kleinen Freunde haben nicht Recht. Sie sind beeinflusst von der Skepsis eines skeptischen Zeitalters. Sie glauben nur, was sie sehen; sie glauben, dass es nicht geben kann, was sie mit ihrem kleinen Geist nicht erfassen können. Aller Menschen Geist ist klein, ob er nun einem Erwachsenen oder einem Kind gehört. Im Weltall verliert er sich wie ein winziges Insekt. Solcher Ameisenverstand reicht nicht aus, um die ganze Wahrheit und das ganze Wissen zu erfassen und zu begreifen.
Ja, Virginia, es gibt einen Weihnachtsmann. Es gibt ihn so gewiss wie die Liebe und Großherzigkeit und Treue. Und Du weißt, dass sie reichlich vorhanden sind und Deinem Leben seine höchste Schönheit und Freude geben. O weh! Wie düster wäre die Welt, wenn es keinen Weihnachtsmann gäbe! Sie wäre so düster, als wenn es keine Virginias gäbe. Es gäbe dann keinen kindlichen Glauben, keine Poesie, keine Romantik – gar nichts, was das Leben erst erträglich machte. Ein Flackerrest an sichtbarem Schönen bliebe übrig. Aber das Licht der Kindheit, das die Welt ausstrahlt, müsste verlöschen.
Nicht an den Weihnachtsmann glauben! Da könntest Du ebenso gut nicht an Elfen glauben! Gewiss, Du könntest Deinen Papa bitten, er solle am Heiligen Abend Leute ausschicken, die in alle Kamine blicken, um den Weihnachtsmann zu fangen. Und keiner von Ihnen bekäme den Weihnachtsmann zu Gesicht – was würde das beweisen? Kein Mensch sieht ihn einfach so, aber das ist noch lange kein Zeichen, dass es keinen Weihnachtsmann gibt. Die wirklichsten Dinge bleiben meistens unsichtbar, für Kinder und Erwachsene. Hast Du jemals Elfen auf dem Rasen tanzen sehen? Natürlich nicht, aber das ist kein Beweis, dass sie nicht dort sind. Trotzdem gibt es sie. All die Wunder zu denken – geschweige denn sie zu sehen –, das vermag nicht der Klügste auf der Welt.
Was Du auch siehst, Du siehst nie alles. Du kannst ein Kaleidoskop aufbrechen und nach den schönen Farbfiguren suchen. Du wirst einige bunte Scherben finden, nichts weiter. Warum? Weil es einen Schleier gibt, der die wahre Welt verhüllt, den nicht einmal die Gewalt auf der Welt zerreißen kann. Nur Glaube, Phantasie, Poesie, Liebe, Romantik können ihn lüften. Dann werden die übernatürliche Schönheit und Herrlichkeit dahinter auf einmal zu erkennen sein. „Ist das denn auch wahr?“ kannst Du fragen. Ach Virginia, nichts auf der Welt ist wahrer und beständiger.
Kein Weihnachtsmann! Der Weihnachtsmann lebt, und ewig wird er leben. Sogar in zehnmal zehntausend Jahren wird er da sein, um Kinder wie Dich und jedes offene Herz mit Freude zu erfüllen.
Frohe Weihnacht, Virginia.

– Quelle: https://www.svz.de/5269186 ©2019

Dem ist nichts hinzuzufügen. Gilt heute immer noch wie damals.

Frohe und gesegnete Weihnachten euch allen!

Jakobsmuscheln – eine Kindheitserinnerung

Lange ehe ich wusste, dass Jakobsmuscheln die Kennzeichen der Jakobspilger sind, ja sogar lange ehe ich überhaupt wusste, dass diese hübschen Schalen einst von Lebewesen bewohnt wurden, waren sie Teil meiner Weihnachtswelt.

Ich weiß nicht, auf welchem Weg sie in den Schrank meiner Mutter kamen, ich weiß nur, dass sie in meiner Kindheit regelmäßig einmal im Jahr hervorgeholt wurden. Immer an Heiligabend.

Meine kinderlosen Tante und Onkel kamen immer zu Weihnachten und bis heute bin ich mir auch nicht sicher, ob diese Tradition auf Mama oder die Tante zurückgeht, aber es gab jedes Jahr Ragout Fin an Heiligabend und zwar nicht in Blätterteigpasteten wie in anderen Familien, sondern leicht überbacken in eben den Jakobsmuschelschalen.

Wegen der lebhaften Erinnerungen, die ich daran habe, gibt es die Muschelschalen heute noch und sie fristen ihr Dasein in meinem Sideboard. Aber da jede Familie ihre eigenen Traditionen entwickelt, eigentlich nur noch aus nostalgischen Gefühlen heraus, denn weder Kartoffelsalat noch Bockwurst passen so recht hinein.

Hast du auch Erinnerungen oder sogar Erinnerungsstücke an die Weihnachten deiner Kindheit? Schreib sie mir gern als Kommentar, denn ich fände es sehr schön, wenn solch ein Traditionsschatz erhalten bliebe, und wenn es nur als digitale Version ist…